Für ein spanischeres Spanien

Der konservative Spitzenkandidat Pablo Casado versucht Unvereinbares zu vereinen.

Jung und flexibel: Pablo Casado. Foto: Getty Images

Jung und flexibel: Pablo Casado. Foto: Getty Images

Thomas Urban@SZ

Gleich an drei Prozessionen hat Pablo Casado in der Semana Santa, der Karwoche, teilgenommen: im traditionsreichen Ávila sowie in den andalusischen Metropolen Sevilla und Málaga, die im Fernsehen übertragen wurden. So erledigte Spaniens konservativer Oppositionsführer zwei Dinge auf einen Schlag: Er hat nie seinen Katholizismus verhehlt, er preist ihn als Grundlage des wahren «Spaniertums», der Hispanität, der er zu neuer Geltung verhelfen will. Und Casado ist auf den Bildschirmen des ganzen Landes präsent. Denn die Schlussphase des Wahlkampfes ist angebrochen, am Sonntag haben die Spanier über ein neues nationales Parlament zu befinden.

Noch vor Jahresfrist war der adrette 38-Jährige für die Mehrheit seiner Landsleute ein Unbekannter. Überraschend gewann er im vergangenen Juli den Mitgliederentscheid über die Nachfolge des langjährigen Vorsitzenden der Volkspartei (PP), Mariano Rajoy. Diesen hatte kurz zuvor der damalige sozialistische Oppositionsführer Pedro Sánchez per Misstrauensvotum als Regierungschef gestürzt.

Nun haben sich die Rollen verkehrt: Der mit einem Minderheitskabinett regierende Sánchez will vom Wähler im Amt bestätigt werden, Casado will ihn wieder in die Opposition schicken. In Umfragen liegt zwar die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) mit 30 Prozent 10 Punkte vor den Konservativen. Aber rund 40 Prozent der Wähler sind noch unentschieden.

Unsaubere Diplome

Gegenüber Sánchez befindet sich Casado in einer denkbar schlechten Ausgangsposition: Er hatte noch nie ein wichtiges politisches Amt inne, er hat keine Erfolge im Berufsleben vorzuweisen, sondern nur eine reine Parteikarriere. Überdies wirkt er wie ein Musterschüler, ein Leichtgewicht ohne staatsmännisches Format, auch ohne Kanten und Ecken. Seinen Start als Parteichef überschatteten wochenlang Presseberichte, er habe seine Universitätsabschlüsse in Jura und Politologie nicht auf reguläre Weise erreicht. Seine Diplome seien ihm von PP-Sympathisanten unter den Professoren zugeschanzt worden. Die Untersuchungen dazu wurden allerdings eingestellt.

Nun hat Casado unter allen Spitzenkandidaten den schwersten Part, denn er kämpft an mehreren Fronten: Im rechten Parteienspektrum, das die PP früher nahezu allein ausfüllte, ist sie mittlerweile zwischen der liberalkonservativen Bürgerpartei (Ciudadanos) und der neuen nationalpopulistischen Gruppierung Vox eingeklemmt. Beide verdanken ihren Aufstieg zwei Themen: der Katalonien-Krise, bei der sich Politiker des rechten Lagers mit Vorschlägen überbieten, wie die katalanischen Separatisten zu bestrafen seien; und dann den gigantischen Korruptionsaffären, in die vor allem PP-Politiker verwickelt sind, aber auch die frühere PSOE-Spitze in Andalusien. Casado hat dafür gesorgt, dass keiner der bisherigen PP-Abgeordneten, deren Namen im Zusammenhang mit diesen Skandalen durch die Presse gingen, erneut kandidiert. Er muss nun beweisen, dass er für eine neue PP steht, darf aber zugleich die konservativen Stammwähler nicht verschrecken – eine kaum zu lösende Aufgabe.

Glanzvoller Kolonialismus

Schlechten Umfragewerten zum Trotz stürzt Casado sich in die Kampagne und bombardiert seine Landsleute fast täglich mit Vorschlägen für eine konservative Wende in Spanien. Zugleich präsentiert er sich aber als modern und internetaffin: Er möchte die traditionelle Familie fördern, den Verbänden sexueller Minderheiten Staatszuschüsse kürzen; andererseits wetterte er früher gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, heute will er daran nicht mehr rütteln.

Unerbittlich hält Casado dem Premier auch «Verrat an Spanien» vor, weil Sánchez mit den katalanischen Separatisten verhandelt hat. Allerdings hat Casado selbst keine Lösung für die Katalonien-Krise anzubieten. Er provoziert die Linken, wenn er den Stierkampf als nationales Kulturgut und die Eroberung Lateinamerikas durch Spanien als eine der glanzvollsten Episoden der Geschichte der Menschheit preist. Gleichzeitig aber verurteilt er, ganz wie die Linken, die Franco-Diktatur als Unrechtsstaat und verweist auf seinen Grossvater, einen Arzt, der als Anhänger der von Franco zerschlagenen Republik zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Der Enkel allerdings ist Monarchist.

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