Feuerland ist abgebrannt

Hintergrund

Zwischen Neapel und Caserta brennt Tag und Nacht illegal entsorgter Kehricht. Nun soll die Armee Einhalt gebieten. Die Camorra könnte aber erneut profitieren: Indem sie sich die Aufträge für die Entgiftung sichert.

Stinkend und ekelhaft: Illegal entsorgter Müll in einem Vorort von Neapel. (18. November 2013)

Stinkend und ekelhaft: Illegal entsorgter Müll in einem Vorort von Neapel. (18. November 2013)

(Bild: Keystone Salvatore Laporta)

Gelbe, schwarze, blaue Plastiksäcke, Matratzen und Fernseher, Kühlschränke, Schuhe und Schuhsohlen, Lederstreifen, Lumpen und Bauschrott. Müll, wohin das Auge reicht, stinkender, ekelhafter Müll. Und Ratten, fette Ratten, die auf den Abfallbergen balancieren, hin und her huschen sie, ein gespenstisches Ballett. Ein Hund kläfft gegen sie an, die Ratten ignorieren ihn. Der Hund, ein Streuner mit glanzlosem Fell schnüffelt ein wenig im Müll, bald trollt er sich, auf der Suche nach Essbarem in der «terra dei fuochi». «Feuerland», diesen Namen haben Umweltschützer dem Landstrich im Nordwesten Neapels gegeben, weil es hier Tag und Nacht brennt. Über 1200 Feuer registrierte die Polizei im vergangenen Jahr, keiner weiss, wie viele wirklich brannten. Und wo es nicht brennt, da wird der Müll vergraben. Oder einfach abgeladen in der Landschaft.

«Feuerland» heisst die Notverordnung der Regierung, mit der kurz vor der Jahreswende die Strafen für die illegale Müllverbrennung verschärft wurden, und «Feuerland» wird auch die Operation heissen, für die 500 Soldaten in die Provinzen Neapel und Caserta entsandt werden, um die Polizei im Kampf gegen den Müll zu unterstützen. Vergangene Woche erging der Beschluss für den Einsatz. Am Mittwoch wird Staatspräsident Giorgio Napolitano erstmals eine Abordnung aus der «terra dei fuochi» empfangen – einen Priester und eine Gruppe von verwaisten Müttern, deren Kinder an Krebs gestorben sind.

Highway durch Gomorrha

Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin, die noch vor kurzem erklärt hatte, für den rasanten Anstieg von Krebserkrankungen sei weniger die Luft- und Bodenverschmutzung als der «ungesunde Lebensstil» der Bewohner verantwortlich, verspricht jetzt systematische Untersuchungen und die Anlegung eines Krankenregisters. Plötzlich ist Geld da, plötzlich sieht Italien schaudernd auf die lang verdrängte gigantische Müllkippe in seinem Hinterhof.

Heute steht vor den Müllbergen von Orta di Atella nur ein einziger Polizist. Dem flüchtigen Hund schickt er ein Lächeln nach, für die Ratten hat er ein Schulterzucken. «Früher wuchs hier Wein», sagt der Ordnungshüter, bitte keine Namen. «Es war der beste Trebbiano der ganzen Gegend. Ein paar Weinstöcke sind geblieben.» Er weist in Richtung Horizont, dort, wo die Schnellstrasse das groteske Landschaftsmosaik von Beton, Müllbergen und Gemüsefeldern zerschneidet. Die Staatsstrasse 7bis ist die berüchtigtste Strasse Italiens, der Highway durch Gomorrha, wie der Schriftsteller Roberto Saviano die Gegend in seinem Roman genannt hat.

«Gomorrha» brachte Saviano Weltruhm und nahm ihm die Freiheit. Er musste untertauchen vor den Morddrohungen der Mafiaorganisation Camorra, die den Landstrich seit Jahrzehnten terrorisiert. Der mächtigste Clan sind die Casalesi aus Savianos Heimatort Casal di Principe, 15 Kilometer entfernt von Orta di Atella, wo der Polizist das Müllgebirge überwacht. Er jagt keine Camorristi. Er soll nur aufpassen, dass niemand den Abfall anzündet.

Im Morgengrauen hat er einen verhaftet. Ein junger Mann, fast noch ein Kind. Er habe sich wärmen wollen, sagte der Junge, als der Polizist ihm Handschellen anlegte – Wärmen an abgefackelten Lederresten. Ein Feuer bringt 15, manchmal 20 Euro. Mehr als ein Arbeitstag für die Schuh- und Taschenhersteller, die hier Zulieferer dingen, in Heimarbeit oder in illegalen Werkstätten. Wer schwarzarbeitet, kann seinen Müll nicht legal entsorgen, die Auftraggeber wissen das. «Sie profitieren gleich zweimal», sagt Enzo Tosti. «Hungerlöhne und illegale Müllentsorgung.» Tosti weist auf einen Haufen Plastiksäcke, aus denen Lederreste quillen. Es ist schwarz gefärbtes Nubukleder, teure Ware, vertrieben von einer Gerberei aus Pisa – die Adresse findet sich im Müllsack weiter unten. Feine Handtaschen werden aus dem Nubukleder hergestellt, angeblich für Luxusmodemarken, schliesslich gilt auch hier: «Made in Italy.»

Tosti, 55, Sozialarbeiter, sorgfältig gekleidet und rasiert, dialektfreies Italienisch, ist einer der Sprecher von «terra dei fuochi», einem Zusammenschluss von fast 70 Bürgerinitiativen. Im Auto fährt er jetzt durch das Strassengewirr zwischen Orta di Atella und dem Nachbarort. Obst und Gemüse wachsen hier, Pfirsiche, Mandarinen, Fenchel, Salat. Dazwischen wuchert der Müll. Kilometerlang zieht sich der Abfallstreifen die Felder entlang, dann kommen die Haufen – wie zum Hohn säuberlich getrennt. Baustoffe. Plastikteile. Rohre. Und Asbest, ein Berg von Asbestplatten. Kohl wächst nebenan, Brokkoliköpfe, drei Frauen pflücken sie, ein Bauer lehnt an seinem Traktor. Tosti winkt, der Bauer grüsst zurück. Auch er gehört zur «terra dei fuochi»-Bewegung.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben die Menschen hier zugesehen, wie ihr Lebensraum zerstört wurde. Der Müll verseuchte das Grundwasser und verpestete die Luft mit Dioxin. Vor allem aber machte er ein verbrecherisches Kartell von Camorra-Bossen, Unternehmern und korrupten Politikern reich. Die Camorra und ihre Firmen beherrschten das Geschäft mit dem Hausmüll in Neapel, wie sie das Business mit illegalen Abfällen dirigierten. In Neapel liessen die Camorristi den Müll auf der Strasse liegen, sie liessen aber auch Demonstranten gegen die Eröffnung legaler Müllkippen marschieren und gegen eine Verbrennungsanlage, die ein Vierteljahrhundert in Planung war, bevor sie 2009 endlich den Betrieb aufnahm.

Verpesteter Mozzarella

Die Politiker sorgten in dieser langen Zeit zwar dafür, dass der weltberühmte Büffelmozzarella aus der Gegend unter Herkunftsschutz gestellt wurde. Mit reichlicher Unterstützung durch öffentliche Gelder wurde für den Mozzarella und andere landwirtschaftliche «Exzellenz-Produkte» dann auch international fleissig geworben. Aber die Böden, auf denen die Büffelkühe standen, wurden nicht geschützt, und die Luft, die Züchter und Tiere atmeten, wurde rücksichtslos weiterverpestet.

Nicht einmal die Truppen der US-Navy, die hier eine der grössten Basen Südeuropas betreibt, blieben verschont. 2011 gaben die Amerikaner eine 30 Millionen Dollar teure Studie in Auftrag, deren Ergebnis das italienische Wochenmagazin «L’Espresso» kürzlich veröffentlichte – für die US-Militärs entpuppte sich das Leben in Feuerland als gesundheitsgefährdend. Mehr als 5000 «verseuchte oder verdächtige Orte» machten sie aus. Den italienischen Behörden werfen die Amerikaner vor, dass ihre «Unfähigkeit, Gesetzen Geltung zu verschaffen, zu dieser Lage beigetragen hat».

Die Camorra beherrschte den Müll und die Müllpolitik. Nicola Cosentino, langjähriger Vorsitzender der Berlusconi-Partei und ehemaliger Staatssekretär im Finanzministerium, gilt als ihr Gewährsmann. Gegen Cosentino wurde 2009 ein Haftbefehl erlassen – er soll mit Giftmüll gehandelt haben. Verhaftet wurde der Politiker aus Casal di Principe erst vier Jahre später – als er seine parlamentarische Immunität verloren hatte und sein Boss Berlusconi die Wahlen.

Die Bedrohung durch die Camorra ist in Feuerland allgegenwärtig. Aber sie ist nicht der einzige Grund dafür, dass die Müllberge in den Himmel wachsen konnten. «Wir wurden erpresst», sagt Salvatore D’Ambrosio, «erpresst mit der Arbeit.» Wer Arbeit wollte, musste den Mund halten. Nirgends in Italien gibt es so viele Bauunternehmer wie in Feuerland, nirgends gibt es so viele Schwarzbauten. Allein in Orta di Atella ein ganzes Viertel mit 1440 Wohnungen, komplett illegal hochgezogen zwischen Schnellstrasse und Hochspannungsmasten, die Behörden schauten weg. Es gibt ja kaum legale Industrie – abgesehen von einem Fiat-Werk im nahe gelegenen Pomigliano d’Arco, ein paar Pasta-Fabriken und dem Modehersteller Harmont and Blaine, der gerade angekündigt hat, die Fabrik aus Caivano, einem Nachbarort von Orta di Atella, nach Polen oder Rumänien zu verlegen, weil die Arbeitskräfte dort billiger seien. Noch billiger.

D’Ambrosio, 42, ist Schlosser. Wenn er nicht arbeitet, fährt er von Müllhaufen zu Müllhaufen und macht wie besessen Fotos mit den immer gleichen Motiven von der unendlichen Trostlosigkeit seiner Heimat. Ans Weggehen habe er nie gedacht: «Wohin soll ich auch gehen? Ich muss dafür sorgen, dass es hier endlich besser wird.» Salvatore D’Ambrosio glaubt, dass die Zeit dafür gekommen ist. 50'000 Menschen hat die Bewegung «terra dei fuochi» in Feuerland auf die Strasse gebracht, 120'000 in Neapel.

Kronzeuge warnt vor Atommüll

Der Wahlerfolg von Beppe Grillos Fünfsternbewegung hat die traditionellen Parteien aufgerüttelt. Der Durchmarsch der «Forconi»-Bewegung, die im Herbst landesweit Strassen blockierte und die Belieferung grosser Einkaufszentren verhinderte, war ein weiteres Warnzeichen: Protest wird neuerdings ernst genommen, denn was heute noch eine Bewegung ist, kann morgen schon eine Partei sein und aus der allgemeinen Politikverdrossenheit im Post-Berlusconismus Stimmenkapital schlagen.

Doch vom Erfolg der «terra dei fuochi»-Aktivisten könnte auch eine andere Organisation profitieren: die Camorra. Denn die Aufmerksamkeit für Feuerland ist auch deshalb so gross, weil einer der bekanntesten Kronzeugen der Camorra das Medieninteresse auf sich gelenkt hat. In Interviews warnt der Ex-Casalese Carmine Schiavone vor Nuklearmüll und Giftmüllablagerungen – und verweist darauf, dass er die Behörden bereits vor 20 Jahren gewarnt habe.

Schiavone sei ein Wichtigtuer, erwidert Raffaele Cantone. Der Staatsanwalt lebt mit seiner Familie noch immer in Giugliano, mitten in Feuerland, nach Jahrzehnten der Mafiajagd in der Heimat arbeitet er jetzt in Rom. «Wir sind jedem Hinweis Schiavones nachgegangen und haben nichts gefunden», berichtet Cantone. Gefährlich sei im Moment nur eins: dass die Camorra sich die Aufträge für die Entgiftung jener Gegend sichere, die sie zuvor so gründlich verseucht habe. Und jede angebliche Giftmüllkippe bedeute am Ende ein paar Millionen öffentlicher Gelder mehr.

Tages-Anzeiger

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