Experten warnen vor «unkontrollierbarer» Ölpest

Unter den grossen Energiekonzernen hat der Ölrausch in der Arktis begonnen. Wissenschaftler sind alarmiert: Die Folgen einer Ölpest im Eis wären verheerend. Und die Notfallpläne der Firmen sind ungenügend.

Von Greenpeace-Aktivisten blockiert: Bohrplattform von Cair Energy vor Grönland. (Archivbild)

Von Greenpeace-Aktivisten blockiert: Bohrplattform von Cair Energy vor Grönland. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Vor einer Woche gaben der russische Ölriese Rosneft und der US-Konzern Exxon ihre historischen Pläne bekannt: Gemeinsam wollen die beiden Giganten Ölvorkommen in der Arktis erkunden. Kaum wurde bekannt, dass die beiden Firmen neue Grenzen erobern wollen, wurden schon die ersten Stimmen laut, die vor den Gefahren von Ölbohrungen in der Arktis warnten. Oder besser gesagt davor, was passieren könnte, wenn es im ewigen Eis zu einer Ölpest kommt.

Glaubt man Peter Wadhams, Professor für Meeresphysik an der Universität von Cambridge, könnte eine Ölkatastrophe in der Arktis zu einem unkontrollierbaren Desaster werden. Gegenüber der englischen Zeitung «Telegraph» sagte Wadhams: «Es könnte äusserst schwierig, wenn nicht sogar unmöglich werden, bei einem Ölleck unter dem Eis eine Umweltkatastrophe zu verhindern.» Laut dem Wissenschaftler ist das Projekt von Exxon und Rosneft das riskanteste Bohrvorhaben, das jemals unternommen wurde.

Überschätzter Notfallplan

Der Professor aus Cambridge ist bei weitem nicht die einzige Person, die bezüglich des Arktis-Ölrausches Alarm schlägt. Als vor einigen Tagen der Ölpest-Notfallplan der schottischen Firma Cairn Energy an die Öffentlichkeit gelangte, liess der «Guardian» das Dokument vom emeritierten Professor Richard Steiner, einem Experten für Ölkatastrophen, analysieren. Das Verdikt über den Notfallplan der Firma – diese hat bereits mit den ersten Bohrungen vor Grönland begonnen – ist vernichtend. Gegenüber der Zeitung meinte ein besorgter Steiner: «Cairn unterschätzt das potenzielle Ausmass und die Auswirkungen auf die Natur dramatisch.» Mehr noch: die Firma überschätze die Wirksamkeit von klassischen Massnahmen gegen Ölteppiche.

Polaraktivist Ben Ayliffe von Greenpeace, in deren Namen Professor Steiner den Plan von Cairn Energy unter die Lupe nahm, verdeutlicht: «Ein Ölleck im arktischen Eis würde so etwas wie die Katastrophe im Golf von Mexiko geradewegs harmlos aussehen lassen.»

Die Tücken der Arktis

Was Richard Steiner mit der Wirkungslosigkeit von klassischen Massnahmen meint, verdeutlicht er in einer Liste: Beispielsweise würden Ölsperren und Absauganlagen im ewigen Eis nicht funktionieren. Des Weiteren müssten Betreiberfirmen einem Austreten von Öl während des arktischen Winters tatenlos zusehen. Ein Entlastungsschacht zur defekten Quelle könnte bis zum Frühling nicht gebohrt werden. Das Öl würde somit während Monaten bis zum Frühling ungehindert ins Meer fliessen.

Steiners Aufzählung von Überlegungsfehlern und Schwachstellen im Cairn-Plan geht ad infinitum. Offenbar hat der Konzern weder an die erschwerenden Bedingungen der beinahe totalen Dunkelheit in den Wintermonaten gedacht, noch daran, dass die tiefen Temperaturen das Öl zähflüssig werden lassen, was wiederum die üblichen Dispergiermittel unwirksam macht.

Die Reaktion von Cairn Energy auf die vernichtende Kritik des Spezialisten für Ölunglücke liess nicht lange auf sich warten. Der Notfallplan sei von der Regierung Grönlands, von einem dänischen Umweltinstitut sowie von Spezialisten für Ölunfälle überprüft und für robust erklärt worden. Selbstverständlich steht für Cairn, wie auch für die anderen Ölkonzerne, welche Interesse an Arktisbohrungen bekunden, einiges auf dem Spiel. Immerhin warten laut der «Independent» nördlich des Polarkreises rund 160 Milliarden Barrel des schwarzen Goldes auf sie. Dies entspricht etwa einem Viertel der bisher unerschlossenen Ölreserven.

Wanderndes Öl

Derweil betont Professor Peter Wadhams die Langzeitfolgen einer Ölpest in der Arktis. Ein Teil des ausgetretenen Öls, so der Wissenschaftler, könnte unter der Eisdecke gefangen werden. Dort wäre es für Aufräumarbeiten nicht zugänglich und würde innert kurzer Zeit in eine neue Eisschicht eingearbeitet werden. «So würde das Öl dann im Eis eingeschlossen durch die Arktis wandern und käme erst im Frühling mehrere Hundert oder Tausend Meilen vom eigentlichen Leck entfernt ins Meer.»

kpn

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