«Es ist kein Vergnügen, als Lügner und Nazi beschimpft zu werden»

Am Dienstag entscheidet der Europarat, ob er den Bericht des Abgeordneten Dick Marty zu mutmasslichen Kriegsverbrechen im Kosovo annehmen wird. Marty erzählt, wie er die letzten Wochen erlebt hat.

«Ich bin ein ‹Denunziant›»: Dick Marty.

«Ich bin ein ‹Denunziant›»: Dick Marty.

Am Dienstag behandelt der Europarat die Vorwürfe des Schweizer Abgeordneten Dick Marty. Sein Bericht über mutmasslichen Organhandel der kosovarischen Befreiungsarmee UCK habe so grosses Aufsehen erregt, «weil er glaubwürdig ist und einen Nerv getroffen hat».

Auf die Vorwürfe, er liefere in seinem Bericht keine Beweise, entgegnete Marty im Interview mit der «Sonntagszeitung» und «Le Matin Dimanche»: «Ich bin kein Untersuchungsrichter, ich bin ein ‹Denunziant›.» Sein Bericht enthalte sehr genaue Details. Er staune allerdings über die Aufregung, da fast alle Elemente schon bekannt gewesen seien.

Marty erinnert in dem Interview an die Berichterstattung der «New York Times» und des «Guardian» unter Berufung auf einen FBI-Bericht 1999. Sechs Jahre später habe «Der Spiegel» ebenfalls über den Organhandel berichtet. «Der wahre Skandal ist, dass man die Augen verschloss vor den Machenschaften gewisser Kreise, die man in Pristina an die Macht gebracht hatte», sagte Marty.

«Musste viele Kröten schlucken»

Die heftigen Reaktionen auf seinen Bericht haben beim Tessiner FDP-Ständerat Spuren hinterlassen: «Ich musste viele Kröten schlucken. Es ist kein Vergnügen, als Lügner und Nazi beschimpft zu werden.» Kosovos Premier Hashim Taci hatte Marty unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe mit Joseph Goebbels verglichen.

Besonders geschmerzt habe ihn aber die Kritik, die aus der Schweiz gekommen sei. Einige Kollegen seien auf ihn zugekommen und hätten ihn gebeten, sich besser um die Interessen der Schweiz zu kümmern. «Aber was im Kosovo passiert, hat einen Einfluss auf unser Land.» Wenn man nicht mehr für die Rechte anderer einstehen wolle, sei man bald auch nicht mehr fähig, die eigenen zu verteidigen, sagte Marty weiter.

Ehemalige Abgeordnete rechnet mit Zustimmung

Die ehemalige SP-Nationalrätin und Europaratsabgeordnete Ruth-Gaby Vermot-Mangold geht davon aus, dass dem Bericht ihres ehemaligen Ratskollegen zugestimmt wird. «Der Europarat kann es sich nicht leisten, einen derart fundierten Bericht abzulehnen», sagte Vermot-Mangold auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Zudem geniesse Dick Marty im Europarat eine grosse Wertschätzung. Allerdings würden jene Staaten, welche die Vorwürfe gegen den Kosovo bestritten, wahrscheinlich zahlreiche Änderungsvorschläge einbringen. Dessen sei sich Marty bewusst.

«Marty bezeichnt sich als Denunziant und genau das ist seine Aufgabe», sagte Vermot-Mangold weiter. Bei den Vorwürfen, er liefere keine Beweise, werde seine ehemalige Funktion als Staatsanwalt mit seiner jetzigen als Politiker vermischt. Es sei Aufgabe des Internationalen Strafgerichtshofes, Klarheit zu schaffen.

Vermot teilt zwar Martys Überraschung über die Aufregung, die der jüngste Bericht hervorgerufen hat. «Er hat aber nicht nur eine Zusammenfassung der bekannten Vorwürfe geliefert, sondern auch zusätzliches Material gesammelt», sagte Vermot-Mangold. Nun gehe es darum abzuklären, ob Kriegsverbrechen begangen worden seien.

oku/sda

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt