«Er wollte Rache an der Gesellschaft»

Ein Pariser Soziologe glaubt nicht an ein islamistisches Motiv des Attentäters von Strassburg. Für ihn ist Chérif C. ein Krimineller, der mit religiösen Motiven Angst verbreitet.

Ein Einschussloch in der Rue du Savon in Strassburg. Bild: Reuters

Ein Einschussloch in der Rue du Savon in Strassburg. Bild: Reuters

Der mutmassliche Attentäter vom Strassburger Weihnachtsmarkt, Chérif C., stand in Frankreich auf der «Fiche S»-Liste für radikalisierte, möglicherweise staatsgefährdende Personen. Am Donnerstagabend endete die Suche nach C.. Die Polizei erschoss den vorbestraften Franzosen bei einer Grossrazzia im Viertel Neudorf südöstlich des Strassburger Zentrums. Er hatte zuvor auf Einsatzkräfte gefeuert.

Inzwischen reklamiert der sogenannte «Islamische Staat» den Angriff auf den Strassburger Weihnachtsmarkt mit drei Toten und mehreren Verletzten für sich. Nicht nur deshalb vermuten die Behörden ein islamistisches Motiv. Der französisch-iranische Soziologe und Radikalismusforscher Farhad Khosrokhavar zweifelt daran. Er glaubt, dass Chérif C. den Islam benutzt hat, um die Menschen zu verängstigen.

Der französische Innenminister sagt, Chérif C. habe sich im Gefängnis radikalisiert. Wie geht das?
Ich glaube das nicht. Er hat zwar auf andere Häftlinge eingewirkt, den Islam zu praktizieren, aber im Gefängnis funktioniert das anders. Die Gefangenen zeigen die Radikalisierung nicht. Wenn sie sie sichtbar machen, muss ihnen klar sein, dass der Geheimdienst auf sie aufmerksam wird. Der Radikalisierungsprozess ist gut erforscht. Normalerweise beginnt er damit, dass die Insassen anfangen, den Koran zu lesen. Dann wählen sie nur die Suren aus, die extremistisch sind. Die anderen ignorieren sie. In kleinen Gruppen tauschen sie sich darüber aus.


Video: Polizei erschiesst Attentäter von Strassburg

Zwei Tage nach dem Anschlag in Strassburg ist der mutmassliche Angreifer Cherif C. getötet worden. (Video: AFP/AP/Webvideo Tamedia)


Warum gehen die Behörden von einer islamistischen Radikalisierung aus?
Islamischer Fundamentalismus und die Radikalisierung zum Jihadisten sind zwei verschiedene Dinge. Die Sicherheitsbehörden glauben aus ihrem säkularen Blickwinkel heraus, dass man automatisch beginnt, sich zum Jihadisten zu radikalisieren, wenn man ein Fundamentalist ist. Das ist empirisch nicht bewiesen.

Gab es bei C. keine Radikalisierung zum Jihadisten?
In Deutschland hat C. lange in Haft gesessen, aber die Behörden haben bei ihm kein Anzeichen von Radikalisierung im Namen des Islam gesehen. Er war für 27 Vergehen bekannt, wie etwa bewaffnete Raubüberfälle, der Islam spielte dabei nie eine Rolle. Er ist auch nie in ein anderes Land gegangen, um von Jihadisten ideologisch geschult zu werden. Viele Attentäter, die ernsthaft radikalisiert waren, sind zuvor nach Syrien, Pakistan, Afghanistan, Mali oder Jemen gereist.

Aber er hat bei seinem Angriff angeblich «Allahu Akbar» gerufen.
In Europa gibt es viele Fälle wie diesen. Menschen geben fälschlicherweise vor, Jihadisten zu sein, und töten dann. Die Täter behaupten oft, sie seien eine Art Glaubensritter in der sehr säkularen westeuropäischen Gesellschaft. Aber der religiöse Faktor ist nicht wichtig. Sie benutzen den Islam, weil sie wissen, dass «Allahu Akbar» die Menschen noch mehr verängstigt. Das nutzt auch die islamistische IS-Propaganda gerne für sich aus. C. wird durch die Vereinnahmung des Islam zum negativen Helden. Er wird berühmt und überall auf der Welt spricht man über ihn.


Bildstrecke: Anschlag auf Strassburger Weihnachtsmarkt

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Wenn die Behörden die Tat dann als islamistisch motiviert bezeichnen, spielen sie den Tätern in die Hände?
Die Art, wie europäische Gesellschaften mit solchen Menschen umgehen und sich Angst machen lassen, gibt den Tätern, die den Islam für sich vereinnahmen wollen, in gewisser Weise eine zusätzliche Legitimation und das ist gefährlich.

Wenn nicht aus islamistischen Motiven, warum sonst hat Chérif C. auf dem Weihnachtsmarkt in Strassburg geschossen?
Er wurde von den Behörden wegen vieler krimineller Aktivitäten verfolgt. Vier oder fünf seiner Freunde wurden verhaftet. Er war deprimiert und verzweifelt. C. sollte zum wiederholen Mal ins Gefängnis kommen. Er wollte Rache an der Gesellschaft üben und Menschen töten.

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