Ein Wahlzettel von 80 Zentimeter Länge

So viele Kandidaturen für die ukrainische Präsidentenwahl gab es noch nie. Doch so gross die Zahl der Kandidaten, so gross ist auch das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Wahlen.

Tetyana Slipachuk, Chefin der Zentralen Wahlkommission, präsentiert mit Yuriy Onyshchenkoden, Direktor der staatlichen Druckerei, das Papier für die kommende Präsidentenwahl. Foto: Keystone

Tetyana Slipachuk, Chefin der Zentralen Wahlkommission, präsentiert mit Yuriy Onyshchenkoden, Direktor der staatlichen Druckerei, das Papier für die kommende Präsidentenwahl. Foto: Keystone

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Es sind so viele Kandidaten wie noch nie, die zur ukrainischen Präsidentenwahl am 31. März antreten. Fast 40 Namen stehen auf der Liste, die vergangenen Donnerstag offiziell vorgestellt wurde. Dafür brauchte es vier Hände, denn das Papier misst 80 Zentimeter. Fast 50 weiteren Kandidaten wurde die Registrierung verweigert. Das Feld der Bewerber ist weit: Es reicht vom Amtsinhaber über einen Komödianten zu einem ehemaligen Geheimdienstmann, zu Ex-Ministern und Kommandanten von paramilitärischen Freiwilligenverbänden.

Doch so gross wie die Zahl der Kandidaten, so klein die Zahl jener, die der Wahl trauen: Nur 12 Prozent der Ukrainer glauben, dass der Urnengang frei und fair sein wird. Das ist selbst für die pessimistische Ukraine ein neuer Tiefststand. Gerade mal 9 Prozent haben Vertrauen in die Führung des Landes, laut dem renommierten amerikanischen Meinungsforschungsinstitut Gallup weltweit der tiefste Wert überhaupt. Unter dem hoch korrupten und von der Maidan-Revolution verjagten Präsidenten Wiktor Janukowitsch betrug die Vertrauensrate noch 24 Prozent; das war immerhin halb so viel wie in der Region üblich. Heute sagen 91 Prozent der Ukrainer, Korruption sei in der Regierung weit verbreitet, unter der alten Führung waren es gut 80 Prozent.

Ein Outsider hat die besten Wahlchancen

Kein Wunder, hat ein Outsider die besten Wahlchancen: der Komiker Wolodymyr Selensky. Schon jetzt ist klar, dass es der Mann in die Stichwahl schaffen wird, entweder gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko oder gegen die ehemalige Premierministerin Julija Timoschenko, die bereits mehrmals versuchte, Präsidentin zu werden.

Selensky hat mit realer Politik nichts zu schaffen. Er stammt aus der virtuellen Welt: Er spielt in einer populären Fernsehserie mit dem Namen «Diener des Volkes» den ukrainischen Präsidenten. Und zwar so, wie die Menschen ihn sich wünschen: ein Kreuzritter gegen die Korruption. Ein politisches Programm für das wirkliche Leben hat Selensky bisher nicht vorgelegt. «Anders als unsere grossartigen Politiker will ich keine sinnlosen Wahlversprechen machen. Aber ich kann euch versichern, ich werde alles richtig machen.» (za)

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