Ein Griff nach den olympischen Ringen

Mit einer Olympiabewerbung will der italienische Premier Matteo Renzi dem Land eine Perspektive geben.

«Wir geben nicht auf, wir schaffen das»: Der italienische Premier Matteo Renzi bewirbt sich trotz Schulden für die Olympischen Spiele 2024. Foto: Andrew Medichini / Keystone

«Wir geben nicht auf, wir schaffen das»: Der italienische Premier Matteo Renzi bewirbt sich trotz Schulden für die Olympischen Spiele 2024. Foto: Andrew Medichini / Keystone

Es ist ein starkes Stück: Ein Land, das sich vor Skandalen und vor Schulden nicht mehr retten kann, und eine Stadt, die bis ins Innerste von organisierter Kriminalität durchsetzt ist – sie bewerben sich um die Olympischen Spiele 2024. «Grosse Träume» will Premierminister Matteo Renzi den Italienern und den Römern schenken. Dabei müsste er die Verwaltung der Hauptstadt dieser Tage wegen mafiöser Verstrickungen auflösen, wenn das für kalabrische und sizilianische Gemeinden entworfene Gesetz auch auf das 2,8 Millionen Einwohner zählende Rom anwendbar wäre.

Kein Geld, aber ein Projekt

Italien weiss, dass sich die Mafia in jeder seiner Grossbaustellen breitmacht, dass öffentliche Milliarden regelmässig in dunkle Kanälen fliessen, dass deshalb nirgendwo in Europa neue Bahn- und U-Bahn-Linien so viel kosten wie hier. Die Expo in Mailand ist eine Spielwiese der Korruption, der Eröffnungstermin im Mai 2015 wird nur mit Mühe einzuhalten sein. Kriminelle Klüngelei hat sogar den Wiederaufbau des erdbebenzerstörten L’Aquila gebremst. Doch der Justiz fehlt es dermassen an Geld, dass ausrückende Ermittler das Benzin für Streifenwagen teilweise selber zahlen müssen.

«Für Olympia haben wir kein Geld», erklärte der technokratische Regierungschef Mario Monti vor zwei Jahren und stoppte Roms Bewerbung für 2020 jäh. Jetzt regiert ein junger Mann, für den Geld offenbar keine Rolle spielt: Renzi will neue Schulden machen, um den normalen Staatshaushalt 2015 zu bestreiten. Zusätzlich greift er jetzt nach den Olympischen Spiele, wo allein das Bewerbungsverfahren Millionen verschlingt.

Renzi, der Berufsoptimist

Anderseits: Italien dümpelt im Stimmungstief vor sich hin, auch nach dem sechsten Krisenjahr zeigt sich kein noch so kleiner Aufschwung hinter dem Komma. Was stetig wächst, sind die Arbeitslosenzahlen und die Schlangen vor den Mittagstischen der Caritas. Dringend nötig ist ein Ziel. Monti hatte dem Land «Sparen, sparen, sparen!» verordnet; er hatte die Italiener bei ihrem Familiensinn gepackt: «Ihr müsst mitmachen, damit eure Kinder eine Zukunft haben!» Der Sparkurs hat die Trübsal aber nur vergrössert: Gerade junge Leute haben grosse Mühe, überhaupt noch einen Job zu finden.

Renzi, der Berufsoptimist, versucht die Stimmung mit den bunten Fahnen fröhlicher Spiele aufzuhellen und seine Italiener – darin waren sie immer schon stark – mit einem nationalen Grossprojekt zusammenzuschweissen. Er möchte der Nation wieder Stolz vermitteln: «Wir geben uns nicht auf, wir schaffen das, wir haben alle Möglichkeiten zur Goldmedaille, Italien war immer schon Avantgarde, wenn es nur wollte.»

Soziologen werfen den italienischen Politikern gerne vor, das Land ohne Ideen und ohne Identitätsstiftung zu regieren. Hier aber gibt es eine Idee und einen Politiker, der zupackt. Renzi hat kein Geld, aber ein Projekt. Er will zurück zu einem Italien, das in der Wirtschaftswunderzeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner ökonomischen Stärke, seiner Entschlossenheit und seiner Innovationskraft eine Weile lang auf Augenhöhe mit Deutschland war. Viele werfen ihm vor, kein Gesellschaftsmodell zu haben. Das stimmt nicht: Sein Vorbild heisst «Germania».

Beim Stolz gepackt

Eine Baustelle Olympia könnte Renzi bei der Renovation des Finanzhaushalts helfen. In Italien geht viel zu viel Geld für die laufenden Verwaltungskosten drauf. Aber nur Investitionen schaffen Arbeitsplätze. Und mit einem Grossprojekt im Hintergrund könnte Renzi Einsparungen, die auf Umschichtungen zielen, leichter durchsetzen. Das dürfte an manchen Stellen unbequem für die Bürger werden, aber diese waren – aus Nationalstolz und des Dabeiseins wegen – auch bei Einführung des Euro zu Opfern bereit.

Wenn es Renzi geschickt anstellt, kann er die Italiener auch unter Verweis auf Turin für die olympische Idee erwärmen: Die Winterspiele dort waren 2006 nicht nur rundweg gelungen; sie haben in der Stadt auch einen ungewöhnlichen, bis heute anhaltenden Gemeinsinn erzeugt.

Und dann gibt es noch ein weiteres Motiv für Renzis Olympiabegeisterung: Den Zuschlag würden Rom und Italien, falls überhaupt, im September 2017 erhalten – und die nächsten Parlamentswahlen sind auf Frühling 2018 geplant.

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