Ein Abgrund von Machtmissbrauch

In Grossbritannien kommen Missstände bei der Aufklärung von Sexualverbrechen ans Licht. Die Stadtregierung in Rotherham hat Sexualverbechen lange verneint und heruntergespielt.

Verheerendes Zeugnis: Neben anderen Institutionen hat in Rotherham auch die Polizei versagt.

Verheerendes Zeugnis: Neben anderen Institutionen hat in Rotherham auch die Polizei versagt.

(Bild: Keystone)

Im dritten Anlauf hat es endlich geklappt: Sieben Monate nach der ersten Ankündigung hat die britische Innenministerin Theresa May endlich die umfassende Untersuchung von Sexualverbrechen gegen Kinder und Jugendliche auf den Weg gebracht.

Das mit gesetzlich gesicherter Unabhängigkeit ausgestattete Gremium wird von der Neuseeländerin Lowell Goddard geleitet. Welchen Augiasstall die Richterin am High Court auszumisten hat, verdeutlichte ein neuer Bericht über die Machenschaften der Stadt­regierung von Rotherham. Dort würden die Straftaten von Männern, die überwiegend pakistanischer Herkunft sind, gegen weisse Mädchen «wegen deplatzierter politischer Korrektheit» weiterhin verneint oder heruntergespielt.

«Eine ungesunde Atmosphäre»

Die Analyse einer hohen Regierungsangestellten stellt den Verantwortlichen der 240 000-Einwohner-Stadt im nordenglischen Yorkshire ein ver­heerendes Zeugnis aus. In der Verwaltung herrsche eine «ungesunde Atmosphäre von Einschüchterung, Sexismus und Unterdrückung unangenehmer Fakten», schreibt Louise Casey.

Offenbar haben zwei Stadträte sowie ein örtlicher Polizeibeamter die vielfachen Straftaten nicht nur vertuscht, sondern sich selbst daran beteiligt. Selbst zwölfjährige Mädchen seien von einem Vergewaltiger zum anderen herumgereicht worden. Zu den Verbrechen gehörten «die Vergewaltigung mit einer zerbrochenen Flasche»; andere Jugendliche seien «mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen» worden, ihren Peinigern die Füsse zu küssen.

Sofort nach Veröffentlichung der 153-seitigen Anklageschrift trat die Labour-dominierte Stadtregierung geschlossen zurück. Der zuständige konservative Kommunalminister Eric Pickles ordnete bereits die Wiederwahl sämtlicher Stadträte für 2016 an. Dann werden der nationalpopulistischen Ukip gute Chancen eingeräumt, nach Jahrzehnte langer Labour-Herrschaft die Kontrolle über die Kommune zu gewinnen.

Bereits diesen Mai steht das Unterhausmandat, gehalten von der Labour-Politikerin Sarah Champion, auf der Liste von Ukip-Zielen. Deren Vorgänger, Denis MacShane, fasste die Einstellung der Behörden in der früheren Stahl­arbeiterstadt so zusammen: «Man wollte das multikulturelle Boot nicht zum Kentern bringen.»

Und so konnte geschehen, was bereits vergangenen August eine unabhängige Untersuchung als Ergebnis langer Recherchen veröffentlichte: «Nach konservativer Schätzung» wurden zwischen 1997 und 2013 mindestens 1400 Minderjährige missbraucht, «von mehreren Tätern vergewaltigt, in anderen Städten herumgereicht, entführt, geschlagen und eingeschüchtert.»

Angst vor Rassismus-Vorwürfen

In vielen Fällen seien Beweise unterdrückt oder ignoriert worden, glaubt die Untersuchungsführerin ­Alexis Jay und kommt zum gleichen Schluss wie jetzt die Regierungsbeamtin Casey: Weil die Täter überwiegend pakistanischer Herkunft, ihre Opfer fast ausschliesslich Weisse waren, schreckten Hilfsorganisationen und Strafverfolger vor dem Vorwurf des Rassismus zurück.

Ein leitender Polizeibeamter berichtete Casey von einem Gespräch mit zwei Stadträten: Diese hätten «mit Krawallen gedroht» für den Fall, dass die Polizei wie geplant asiatischen Taxifahrern auf den Zahn fühlen würde. Wie in anderen englischen Städten, etwa in Oxford, Rochdale oder Manchester, entwickelten sich die Verbrechergangs häufig aus Gruppen von Taxifahrern.

Die erneuten Enthüllungen von Rotherham geben der Kommission unter Richterin Goddard zusätzliche Aktualität. Dabei geht die unabhängige Untersuchung auf eine Reihe von Skandalen zurück, die Grossbritannien schon seit 2012 in Atem halten. Vorwürfe schwerster Straftaten, von Bedrohung über Körperverletzung, Leichenschändung und Massenvergewaltigung, wurden von Polizei- und Sozialbehörden über mehrere Jahrzehnte ignoriert oder unterdrückt.

Beim früheren BBC-Entertainer Jimmy Savile kamen Hunderte von Delikten erst posthum ans Licht, gegen eine Vielzahl anderer Männer ermittelt eine Sonderkommission der nationalen Polizeibehörde NCA. Am Donnerstag verurteilte das Krongericht Southwark einen früheren Lehrer zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe. Der Täter hatte vor dreissig Jahren in zwei katholischen Internaten zehnjährige Knaben verprügelt und unsittlich berührt.

Altlasten blieben liegen

Unaufgeklärt bleibt einstweilen, wie im zuständigen Innenministerium in den 1980er- und 90er-Jahren brisante Akten über mögliche Sexualstraftaten verlorengehen konnten, was Gerüchten über ein Netzwerk von Kinderschändern Auftrieb gab. Richterin Goddard hat also viel zu tun.

Die 65-Jährige rechnet mit mindestens drei Jahren Arbeit, in deren Mittelpunkt die Opfer von Straftaten stehen würden: «Deren Erfahrungen werden die Untersuchung bestimmen.»

Basler Zeitung

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