Die Wunden von 1972 wollen nicht verheilen

Am «Bloody Sunday» erschossen britische Soldaten 13 nordirische Demonstranten. Nun könnten einige doch noch vor Gericht kommen – mitten in der Brexit-Debatte.

Wandbilder in Londonderry erinnert an den «Blutigen Sonntag», der 13 Tote forderte. Foto: AFP

Wandbilder in Londonderry erinnert an den «Blutigen Sonntag», der 13 Tote forderte. Foto: AFP

Cathrin Kahlweit@CathrinKahlweit

«Wir standen im Feuer. Wir haben angefangen, nach Zielen Ausschau zu halten, und auf sie geschossen. Sie fielen zu Boden. Man kann die Stimmung unter uns Jungs nicht als euphorisch bezeichnen, aber wir fanden, wir haben unseren Job gut gemacht.» Der das sagt, firmiert in der Geschichte des nordirischen Bürgerkriegs als «Sergeant O.»; und er sagte das erst vor wenigen ­Tagen in die Kamera von BBC-Reporter Peter Taylor, der seit mehr als 40 Jahren aus Nord­irland berichtet.

Taylor kehrt regelmässig aus London auf die irische Insel zurück, und er befragt immer wieder dieselben Zeugen des Bürgerkriegs; auch mit Sergeant O. hat er schon früher gesprochen. Er hat ihn gefragt, warum er am berüchtigten «Bloody Sunday», als ein Protestmarsch im nordirischen Derry/Londonderry in ein Massaker mit 13 Toten ausartete, auf die Demonstranten geschossen habe. Niemals habe der Veteran, so Taylor, auch nur einen Hauch von Schuldgefühl gezeigt darüber, dass seine Kameraden und er, britische Soldaten im Einsatz in Nordirland, damals auf wehrlose Menschen geschossen hätten.

Familien der Opfer alarmiert

Nun, im März 2019, 47 Jahre nach dem «Blutigen Sonntag», ist Taylor erneut zu Sergeant O. gefahren. Der Grund: O., wie viele andere britische Soldaten, die an der «Operation Banner» während der sogenannten Troubles teilnahmen, könnte im hohen Alter doch noch vor Gericht gestellt werden. In der kommenden Woche wird der PPS, eine nordirische Ermittlereinheit, seine Entscheidung veröffentlichen, ob sich einige der Einsatzkräfte von damals verantworten müssen.

Ermittler hatten in den vergangenen Jahren insgesamt 1200 ungeklärte Todesfälle aus der Zeit zwischen 1969, dem Beginn des Bürgerkriegs, und 1998, der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens, untersucht. Nächste Woche soll nun bekannt gegeben werden, ob der «Bloody Sunday» vom 30. Januar 1972 neu aufgerollt wird.

Es ist dies nur der vorläufige Höhepunkt eines seit Jahrzehnten währenden Streits darüber, ob und wie der Bürgerkrieg juristisch aufzuarbeiten ist. Das Karfreitagsabkommen hatte festgelegt, dass Haftstrafen für Terrorakte nicht länger als zwei Jahre dauern dürfen; damit wollte man dem Frieden auf der Insel eine Chance geben. Doch die Regelung betraf nicht die Mitglieder der britischen Armee.

Der Krieg dauerte von 1969 bis zum Karfreitag 1998, 3500 Menschen wurden getötet, 40'000 verletzt.

Nun sind die Familien der Opfer in Alarmbereitschaft, denn sie beklagen seit Jahr und Tag, dass die Täter, die sie einst Besatzungskräfte nannten, ungeschoren davonkommen. Und auch in London versetzt der Termin, der zeitlich zusammenfällt mit dem Ringen um eine politische Lösung für Nordirland in den ­Brexit-Verhandlungen, die Regierung in den Krisenmodus. Sollten Verfahren gegen Veteranen eröffnet werden, dürften die Spannungen zwischen probritischen und republikanischen Kräften auf der Insel weiter wachsen – und die Premierministerin könnte von den eigenen Leuten dazu gezwungen werden, eine Amnestie für die Ex-Soldaten auszusprechen. Verteidigungsminister Gavin Williamson hat mögliche Gerichtsverfahren gegen Veteranen im Unterhaus als «Hexenjagd» bezeichnet und ein zehnjähriges Moratorium für Soldaten ins Spiel gebracht. «Bei dieser ‹Bloody-Sunday-Sache›», so Williamson, «dreht sich dem britischen Volk der Magen um.» Und die konservative Nordirland-Staatssekretärin Karen Bradley hat einen Aufschrei der Opferfamilien ausgelöst, als sie sagte, die Taten der Sicherheitskräfte damals seien «nicht als Verbrechen zu werten». Sie hat sich mittlerweile entschuldigt.


Bildstrecke: Der Blutsonntag in der Geschichte Nordirlands

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Sergeant O. ist so uneinsichtig wie einst. «Sie sagen wirklich, Sie hätten einen guten Job gemacht, obwohl 13 Tote zurückblieben», fragt der BBC-Reporter ungläubig, «obwohl eine umfassende Untersuchung der Ereignisse von damals zum Schluss kommt, dass die Opfer unbewaffnet und unschuldig waren?» Es könne schon sein, dass einige unschuldig waren, antwortet O. «Und ja, wenn jemand auf dich schiesst, und du schiesst zurück und tötest ihn, dann hast du verhindert, dass er dich tötet. Das nenne ich: einen Job gut machen», sagte der alte Herr.

Der Austausch zwischen dem Reporter und dem ehemaligen Soldaten zeigt im Kern das ganze Drama auf, das in der kommenden Woche auf einen neuen, traurigen Höhepunkt zusteuert. 20 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs zwischen katholischen Republikanern und protestantischen Unionisten im Norden der irischen Insel, 20 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen, liegen die Wunden so offen wie eh und je. 3500 Menschen sind damals umgekommen, mehr als 40'000 wurden verletzt. 250'000 britische Soldaten waren über die Jahre im Einsatz; sie waren, offiziell, den nordirischen Polizeikräften zu Hilfe gekommen.

Nordirische Terroristen seien verantwortlich für 90 Prozent der 3500 Toten, die der Bürgerkrieg gefordert habe.

Auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs 1972 waren 28000 Militärkräfte in der Provinz. Ein ­Bericht der Bibliothek des Unterhauses listet auf, dass 720 Soldaten durch Angriffe von Terroristen ums Leben gekommen ­seien. Umgekehrt gehen, nach offiziellen Angaben, 360 Tote auf das Konto der Armee. 63 Prozent ihrer Opfer seien definitiv unbewaffnet gewesen, heisst es. Aber das alles sind Zahlen, auch wenn diese in der aktuellen Debatte gerne hergenommen werden, um zu zeigen, dass es eine Grauzone gibt in der Definition von Opfern und Tätern, und dass auch die britische Armee einen Blutzoll zu zahlen hatte. Auch Theresa May betonte kürzlich im Parlament, nordirische Terroristen seien verantwortlich für 90 Prozent der 3500 Toten, die der Bürgerkrieg gefordert habe.

Ungleich schwerer wiegt in den Augen der meisten Nordiren jedoch der Bericht, den Lord Saville 2010 vorgelegt hatte. Der Leiter einer von Tony Blair 1998 eingesetzten Ermittlungskommission, deren Arbeit 195 Millionen Pfund kostete und die keinen Stein auf dem anderen liess, kam vor neun Jahren zu dem aufsehenerregenden Schluss, dass die unmittelbare Verantwortung für das Massaker am «Bloody Sunday» bei den Fallschirmjägern lag. Sie hätten «die Kontrolle verloren», ihr «ungerechtfertigtes Schiessen in die Menge» sei der Grund für die Toten.

Die «Bloody Sunday Inquiry» war eingerichtet worden, nachdem eine erste Untersuchung der Vorfälle von 1972 als einseitig und voreingenommen beurteilt worden war und weil die ge­genseitigen Schuldzuweisungen nicht enden wollten.

«Wir haben überlebt»

Die Armeeführung und britische Politiker hatten in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, die Aufarbeitung der Rolle der Armee in diesem Konflikt zu stoppen – vergeblich. Britische Medien gehen davon aus, dass die nordirischen Ermittler kommende Woche eine Reihe von Fällen an die Gerichte übergeben werden; genaue Zahlen sind nicht bekannt.

Peter Taylor, der BBC-Reporter, hat derweil die Abschrift seines Interviews mit Sergeant O. veröffentlicht. Der Ex-Soldat sieht sich selbst auch als Opfer: «Wir waren noch nie in Derry gewesen, nur die Offiziere hatten Karten, wir hatten keine Ahnung, wo wir Schutz suchen konnten. Wir wussten nicht, wo wir uns befanden, als das Schiessen begann. Wir haben überlebt.»

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