Die Politikerin, der die Schweden vertrauen

Annie Lööf, die Zentrumspolitikerin, siegt im Machtkampf in Schweden – obwohl sie gar nicht mitregiert.

Hat alte Träume der Bürgerlichen wahr gemacht: Annie Lööf. Foto: PD

Hat alte Träume der Bürgerlichen wahr gemacht: Annie Lööf. Foto: PD

Kai Strittmatter

Nach über vier Monaten politischen Stillstands hat Schweden einen neuen Ministerpräsidenten, den Sozialdemokraten Stefan Löfven. Vor allem aber, da sind sich die meisten Kommentatoren einig, hat das Land eine neue Gewinnerin: Annie Lööf von der bürgerlichen Zentrumspartei, eine der beliebtesten Politikerinnen Schwedens. Ohne ihre Unterstützung wäre Löfven nicht Regierungschef einer rot-grünen Koalition geworden. Auf dem Weg dahin hat sie, Chefin einer 8-Prozent-Partei, dem Sozialdemokraten Löfven so viele Zugeständnisse abgetrotzt, dass die Zeitung «Aftonbladet» schreibt, man bekomme das Gefühl, «dass Stefan Löfven zum Stützrad für Annie Lööf wird statt umgekehrt».

Zentral im Programm der Regierung stehen nun unter anderem Steuerkürzungen, die Deregulierung des Arbeitsmarktes, die Liberalisierung des Wohnungsmarktes – für Linke und Sozialdemokraten bittere Pillen, für Lööfs Zentrumspartei die Erfüllung alter Träume. Die 35-Jährige braucht den Erfolg, denn sie hat einen historischen Schwenk vollzogen: Gemeinsam mit einer zweiten kleinen Partei, den Liberalen, brach Lööf aus der Allianz aus, die seit eineinhalb Jahrzehnten den bürgerlichen Block in Schwedens Politik stellt.

Jünge Parteivorsitzende der Geschichte

Mit ihrer Unterstützung für die rot-grüne Minderheitsregierung bricht sie auch ihr eigenes Wort: Im Wahlkampf hatte sie gesagt, eher werde sie ihren eigenen Schuh verspeisen, als Löfven zum Premierminister zu machen. Annie Lööf führt zu ihrer Verteidigung ein hehres Motiv an: Sie hatte ihren Wählern auch versprochen, sie werde nie zulassen, dass die rechtspopulistischen Schwedendemokraten Einfluss auf die Regierungsbildung bekämen. Löfven zu unterstützen, sei am Ende der einzige Weg gewesen.

Für Politik interessierte sich Annie Lööf schon als Schülerin, für Fussball auch: Sie war damals Torfrau beim IFK Värnamo. Sie trat in die Zentrumspartei ein, in der auch ihr Vater aktiv war, später studierte sie Jura. Als die Partei die eloquente und leidenschaftliche Rednerin 2011 mit 28 Jahren zur jüngsten Vorsitzenden in ihrer Geschichte wählte, da beschrieben die Medien sie als Rockstar der schwedischen Politik. Annie Lööf trug dazu bei, die Zentrumspartei mit den bäuerlichen Wurzeln zu modernisieren; zur konservativ-liberalen Wirtschaftspolitik kam ein liberales Profil in gesellschaftlichen Fragen. In den Jahren 2017 und 2018 nannten die Schweden sie in mehreren Umfragen als die Politikerin, der sie das grösste Vertrauen schenkten.

Berufswunsch: Premierministerin

Nun wird Lööf wegen ihrer Unterstützung Löfvens online als «Verräterin» attackiert. Die Zeitung «Svenska Dagbladet» fühlt sich gar an die Hasskampagnen gegen den 1986 ermordeten Premier Olof Palme erinnert, der neue Premier Löfven sprang ihr zur Seite: Es gebe offensichtlich eine tiefe «Furcht vor starken Frauen», sagte er. Allerdings ist es kein Geheimnis, dass das persönliche Verhältnis zwischen Löfven und Lööf nicht das beste ist.

Doch wie steht es mit Lööfs eigenen Ambitionen? Ihren Ehrgeiz hat Annie Lööf nie versteckt. In einem Interview sagte sie vor einigen Jahren, es sei selbstverständlich «Teil der Jobbeschreibung, dass ich meine Partei so gross mache, dass ich es einmal verdiene, Premierministerin zu sein».

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt