Die Opfer sollen selber fahnden

Die britische Polizei muss sparen. Sie kann sich nicht mehr um alles und alle kümmern. Das Spardiktat der regierenden Torys hat Folgen.

Bobbys, englische Polizisten, auf der Strasse in Manchester – bald ein seltenes Bild?<br>Foto: Jon Super (Keystone)

Bobbys, englische Polizisten, auf der Strasse in Manchester – bald ein seltenes Bild?
Foto: Jon Super (Keystone)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Einbruch im Haus? Wertsachen weggekommen? Da muss sich die Polizei erst mal kundig machen. Nicht welche Wertsachen es waren und ob die Einbrecher Spuren hinterlassen haben, will man als Erstes auf der Wache wissen. Sondern ob der Hilferuf aus einem Haus mit einer geraden Nummer kam oder einer ungeraden: Davon hängt ab, wie viel Hilfe den Bestohlenen zuteilwerden soll.

Ein Witz? Nicht in der englischen Grafschaft Leicestershire, wo jetzt in einer dreimonatigen Testphase nach diesem Prinzip verfahren wurde. Rief zum Beispiel jemand aus No 5 Elm Road an, vermerkte die Polizei die Meldung schlicht im Polizeicomputer. Kam der Anruf aber aus No 6 Elm Road, schickte man ein Team zu den Anrufern – und kümmerte sich um Finger­abdrücke, mögliche Spuren, die Details des Einbruchs vor Ort.

Empörende Einsparungen

Die Pechvögel mit den ungeraden Hausnummern fanden diese Praxis begreiflicherweise «em­­pörend». Leicestershires Ordnungshüter aber zuckten nur die Schultern. Die drastischen ­Einsparungen der letzten Jahre hätten sie dazu ­gezwungen, sich neue Formen der Arbeits­bewältigung einfallen zu lassen, erklärten die Verantwortlichen. Mehr sei an Aufklärungsarbeit einfach «nicht mehr drin».

In der Tat hat Englands Polizei nach eigenen Angaben in den letzten vier Jahren ein Viertel ihrer Ressourcen und Zehntausende von Jobs verloren. Für die nächsten Jahre wird eine ähnliche Einbusse befürchtet. Darum soll die Sache mit den geraden und ungeraden Haus­nummern nun in weiteren fünf Grafschaften des Königreichs «probeweise» durchexerziert werden – egal, was einzelne Bürger von diesem System halten.

Und es ist nicht die einzige Art und Weise, mit der die Polizei dem kontinuierlichen Abbau des Polizeiapparats auf der Insel zu begegnen sucht. Einbruchsopfer sollen generell «aktiver» werden. Sie sollen sich vor Ort selbst als Detektive betätigen.

Do-it-yourself-Aufklärung ist schon vielerorts gang und gäbe.

Einem amtlichen Bericht vom Vorjahr zufolge ist Do-it-yourself-Aufklärung schon vielerorts gang und gäbe. Manche Polizeistellen fordern zum Beispiel Anrufer mit aufgebrochenen Autos auf, selbst nach Hinweisen auf die Täter zu forschen. Die Opfer sollen herausfinden, ob es Überwachungskameras gibt in der Gegend. Sie sollen ausserdem ihre Nachbarn «interviewen» – und Webseiten für Gebrauchtwaren nach dem gestohlenen Eigentum durchgehen.

Gewisse Spuren könnten künftig auch per Mail-Attachment oder Mobil-Foto an die Polizei übermittelt werden, heisst es. Einzelne Beamte glauben sogar, dass man «die Leute» anleiten könnte, eigenhändig DNA-Proben zu sammeln. Für Sarah Thornton, die Vorsitzende des Nationalrats der Polizeichefs, gibt es inzwischen keine andere Alternative. Bald schon dürfe niemand, bei dem eingebrochen werde, noch das automatische Eintreffen einer Polizeistreife bei sich zu Hause erwarten, sagt sie.

Schlimmere Verbrechen – wie häusliche Gewalt, Kindsmissbrauch, Terrorismus, Waffenbesitz oder Internetkriminalität – benötigten volle Polizeiaufmerksamkeit, erklärt Thornton. So etwas wie ein iPad-Diebstahl dagegen rutscht zwangsläufig «ans untere Ende der Aufklärungsskala». Auch geklaute Fahrräder oder aufgebrochene Schuppen rangieren auf niedrigen Plätzen. Anbau von Cannabis? Keine Zeit mehr zur Strafverfolgung, erklärt der Polizeikommissar der Stadt Durham.

Britischer Galgenhumor

In England hat die neue Polizeipraxis bissigen Humor provoziert. Das war zu erwarten. Auf einer Karikatur der «Times» sieht man einen Polizeibeamten am Telefon zu einem anderen sagen: «Kannst du die Leiche bitte nach No 6 rüberziehen?»

Ganz so wild, versichert die Polizei, sei es nun auch wieder nicht. Sollte nämlich ein Einbruchsopfer irgendwo auf Blutspuren stossen, setzt sich auf jeden Fall ein Streifenwagen in Be­­wegung – egal, ob es sich um eine gerade oder ungerade Hausnummer handelt. Desgleichen, «wenn ein mutmasslicher Täter verhaftet worden ist» im betreffenden Falle. Wer den mut­masslichen Täter verhaften soll: Das sagt die Polizei allerdings nicht.

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