Die Gesichter des Matteo Renzi

Italiens neuer Premier ist fulminant gestartet. Doch was will Matteo Renzi wirklich? Woher kommt er, was kann er und woran glaubt er? Ein Anruf in Rom bringt Klarheit. Zumindest ein bisschen.

«Im Tiergarten der italienischen Politik ein seltenes Exemplar»: Matteo Renzi im Parlament in Rom.

«Im Tiergarten der italienischen Politik ein seltenes Exemplar»: Matteo Renzi im Parlament in Rom.

(Bild: Keystone)

Wer ist Matteo Renzi? Seit etwas mehr als drei Monaten ist Italiens neuer Regierungschef nun im Amt und der unerwartete Triumph seiner Partei bei der EU-Wahl hat ihn zu Europas neuem Superstar gemacht: Einen «Matador» nannte ihn Angela Merkel, was gemessen am stilistisch dürftigen Technokratenjargon der deutschen Kanzlerin ein geradezu feuriges Lob darstellt.

Interviews, Porträts und Analysen sonder Zahl sind seither in der Weltpresse erschienen, doch ob Renzi ein Genie ist oder ein Scharlatan, ob es sich bei dem 39-jährigen Florentiner um einen Michelangelo der Politik handelt oder doch nur um einen besonders begnadeten Schaumschläger, weiss bisher niemand mit Sicherheit zu sagen. Kann Matteo Renzi die enormen Erwartungen, die Italien in ihn setzt, erfüllen? Gelingt es ihm, das krisengeplagte Land zu retten und vielleicht sogar Europa aus der Depression herauszuführen?

Durch einen Anruf bei meinem Kollegen Giuliano will ich mir Klarheit verschaffen. Giuliano Ferrara (62), Berlusconi-Intimus, früher Minister, nun Chefredaktor des nonkonformistischen Intellektuellenblättchens «Il Foglio», kennt die italienische Politik mit ihren oftmals absurden Winkelzügen aus dem Effeff. «Weisst du, Hans», sagt Giuliano mir zum Auftakt vieldeutig, «im Tiergarten der italienischen Politik ist Matteo Renzi ein seltenes Exemplar.»

Katholisches Idyll

Wenig verrät mehr über einen Mann als dessen Herkunft. Renzi ist in Rignano sull’Arno aufgewachsen, 20 Kilometer südöstlich von Florenz. Sein Vater war Unternehmer und verkaufte Inserate für die Florentiner Zeitung «La Nazione». Vor allem aber war Tiziano Renzi mit Leib und Seele Christdemokrat und als solcher auch Gemeinderat. Solides Bürgertum also, katholisch, rechtschaffen. Im grossen Parteienkampf zwischen Kommunisten und Democrazia Cristiana, der zu jener Zeit Italiens Politik prägte und auch lähmte, standen die Renzis aufseiten der Kirche, der Nato, der Europäischen Gemeinschaft, Fiats und der Familie Agnelli, kurzum: aufseiten der herrschenden Ordnung.

Matteos Werdegang schien programmiert: Seine Sozialisation durchlief er bei der katholischen Pfadfinderschaft in Rignano, es folgte ein Jurastudium im nahen Florenz. Die einzige Extravaganz im Leben des jungen Renzi bestand wohl in der Teilnahme an der Spielshow «La Ruota della Fortuna» («Glücksrad»), wo der 21-jährige Student unter den Augen des Gastgebers Mike Bongiorno fünf aufeinander folgende Episoden überstand und dabei sagenhafte 48 Millionen Lire abräumte. In Florenz stieg Renzi auch in die Politik ein. Italiens politisches System war da bereits implodiert: Mitte der 90er-Jahre waren die beiden bisher dominierenden Parteien, Sozialisten und Christdemokraten, in einem Strudel von Schmiergeldskandalen untergegangen.

Politisch heimatlos geworden, schloss sich der rechte Flügel der Democrazia Cristiana (DC) der neugegründeten Forza Italia an, der Retortenpartei des Mailänder Medienunternehmers Silvio Berlusconi. Der linke DC-Flügel und mit ihm Sozialisten und Ex-Kommunisten taten sich derweil in wechselnden politischen Formationen zusammen, aus denen schliesslich die Demokratische Partei hervorging, der Renzi bis heute angehört.

Schnell stieg Renzi in der toskanischen Regionalpolitik auf: 2004 wurde er, damals gerade 29, zum Präsidenten der Provinz gewählt. Sein Einzug ins Rathaus folgte fünf Jahre später.

Florenz als Schule der Intrige

«Florenz ist die Stadt der Renaissance, ein Ort der Schönheit, aber auch der Intrige und der harschen Rhetorik», erklärt mir Giuliano. «Vergiss nicht, Hans, dass Niccolò Machiavelli Florentiner war.» Renzi, das zeigte sich in Florenz ein erstes Mal, hat wenig Respekt vor aufgeblähten Institutionen. Entsprechend rücksichtslos ging er als Bürgermeister vor: Die Zahl der Gemeinderäte reduzierte er drastisch, eine Massnahme, die ihm den Hass geltungssüchtiger Lokalpolitiker eintrug – und die Zuneigung der Steuerzahler.

Auf die Art der Machtausübung, der landläufig das Etikett «machiavellistisch» angehängt wird, versteht sich Renzi trefflich. Seinen Vorgänger im Amt des Regierungschefs, den ebenso farb- wie glücklosen Technokraten Enrico Letta, wiegte er noch einen Monat vor dessen Sturz Ende Februar in Sicherheit: «Beruhige dich, Enrico, keiner will dir deinen Job wegnehmen», so Renzi damals zu seinem Parteikollegen. Wenige Wochen später zog er selbst an Lettas Stelle in den Palazzo Chigi, den Amtssitz der italienischen Premierminister, ein.

Berlusconis politischer Sohn?

«Ein guter Typ, ein brillanter Kommunikator, ein erfolgreicher Bürgermeister» – Giuliano scheint Renzi kaum genug loben zu können. Selbst das Wort «Demagoge», mit dem er den Premier wenig später noch bezeichnet, wirkt aus dem Mund des durchtriebenen Polit-Beobachters wie die Verbeugung eines Connaisseurs.

Giuliano, der Berlusconi-Freund, als Bewunderer des Linken Renzi? Eine Paarung, die ausländische Beobachter erstaunen mag. Italiener nicht unbedingt. Ja, es ist tatsächlich so: Ausgerechnet Renzi, der Hoffnungsträger Europas, steht Berlusconi, dem früheren Bunga-Bunga-Premier, der nördlich der Alpen so gerne verachtet wird, gar nicht so fern. Als seinen politischen Sohn, der genauso gut auch Mitglied der Forza Italia sein könnte, hat der Cavaliere den Florentiner einmal bezeichnet. Umgekehrt hat es Renzi im Gegensatz zu vielen seiner Parteikollegen stets vermieden, Berlusconi zu attackieren.

Tatsächlich haben Renzi und Berlusconi einiges gemeinsam: Vor allem verstehen sich beide darauf, das Fernsehen für ihre Zwecke zu nutzen. Renzis Liebesgeschichte mit dem Fernsehen begann im Grunde bereits, als er als ganz junger Mann zum ersten Mal an Mike Bongiornos Schicksalsrad drehte. Ihren vorläufigen Höhepunkt scheint sie dieser Tage, zu Beginn seiner Amtszeit als Premier, erreicht zu haben. Genau wie Berlusconi ist auch Renzi, der vor wenigen Wochen noch für die italienische Ausgabe der «Vanity Fair» posierte, ein eitler Mann, wobei man ihm zugutehalten darf, seine Eitelkeit bis anhin ungleich stilvoller zelebriert zu haben, als Berlusconi dies gelegentlich tat.

Ein Berg von Problemen

Zeit für Selbstinszenierungen wird Renzi in Zukunft wohl kaum noch haben, zumindest, wenn er seinen Job ernst nimmt. Italiens Sorgen sind nämlich Legion: hohe Steuern, eine überbordende Bürokratie, immer mehr Alte, die versorgt werden wollen, und immer weniger Junge, die in die Rentenversicherung einzahlen könnten.

Eine Gesellschaft in sozioökonomischer Schockstarre, für die berufliche Mobilität ein Fremdwort ist: Treffe er heute in Rom auf der Strasse einen Kameraden aus Gymnasialzeiten, so berichtet mir Giuliano, könne er sicher sein, dass der seit Jahrzehnten denselben Beruf ausübe und dies meist im selben Amt oder Unternehmen. Wer hingegen jung ist und gut ausgebildet, der flieht vor dem rigiden Kündigungsschutz, der Berufsanfängern kaum eine Chance lässt, nach Berlin, Zürich oder Boston. In der gesamten Eurozone ist Italien das einzige Land, dessen Bruttoinlandprodukt pro Kopf seit der Euro-Einführung 1999 gesunken ist.

Zu grosse Worte?

Dass es für Renzi viel zu tun gibt, ist also klar. Zumindest eine gute Nachricht gibt es zu vermelden: Der Premier scheint sich dessen bewusst zu sein. Als er sich im Februar beiden Kammern des Parlaments zum Vertrauensvotum stellte, versprach Renzi, von nun an jeden Monat eine grosse Reform durchzuführen: Für den Februar kündigte er eine Generalüberholung des Wahlrechts an, für den März eine umfassende Reform des Arbeitsmarkts. Der öffentliche Dienst mit seinen byzantinisch anmutenden Regelungen und Privilegien sollte im April drankommen und für den Mai versprach Renzi, Italiens albtraumhaft anmutendes Steuerrecht vom Kopf auf die Füsse zu stellen.

Geschehen ist seither wenig. Immerhin, eines hat Renzi vollbracht: Für sechs bis acht Millionen Geringverdiener im Land hat die Regierung die Steuerbelastung um 80 Euro pro Monat reduziert. Renzi-Fan Giuliano hält das schon für einen gewaltigen Schritt und glaubt, der Erfolg bei den EU-Wahlen sei in erster Linie auf die Dankbarkeit der Beglückten zurückzuführen. Das mag sein, und gewiss sind 80 Euro besser als nichts. Deprimierend ist die Zahl dennoch: Eine Steuerersparnis von nicht einmal drei Euro pro Tag scheint für viele Italiener bereits eine grosse Nummer zu sein – und dies in einem Land, das zumindest auf dem Papier noch immer zu den führenden Industrienationen zählt.

Kein Ideologe

Woran glaubt Matteo Renzi? Die Signale, die er aussendet, sind widersprüchlich: Einerseits preist er Deutschland als Vorbild, andererseits fordert er eine Abkehr von der Sparpolitik, die Südeuropa stranguliere. «Was hat all das zu bedeuten?», frage ich Giuliano. «Weisst du, Hans, ideologische Fragen, das sind nicht die Kategorien, mit denen man Renzi messen darf», antwortet der und seufzt laut hörbar auf über so viel teutonische Prinzipienreiterei.

Der Premier sei nun einmal Pragmatiker und beides sei doch richtig: «Die Deutschen haben ja recht, wenn sie sagen: ‹Ihr Italiener seid reich, aber ihr habt auch eine sehr hohe Staatsschuld. Jetzt, in der Krise, müsst ihr einen Teil eures Wohlstands opfern.›» Andererseits sei es aber auch notwendig, dass die Regierung die Wirtschaft ankurble, damit diese endlich wieder anfangen könne zu wachsen.

Zumindest eines ist jetzt schon sicher: Auf Angela Merkels Begeisterung für Matteo Renzi werden wohl einige Belastungsproben zukommen.

Basler Zeitung

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