Die Berliner Säulenheiligen sind verschwunden

In Berlin wurde die Litfasssäule erfunden, hier gilt sie seit dem 19. Jahrhundert als Kulturgut. Doch alles soll anders werden.

Im Zentrum von Berlin wird 1930 eine leuchtende Litfasssäule montiert. Foto: Imagno/Keystone

Im Zentrum von Berlin wird 1930 eine leuchtende Litfasssäule montiert. Foto: Imagno/Keystone

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Auf einmal sind die Säulen weg. Aus den Fundamenten gerissen, abtransportiert. 2548 Litfass­säulen gab es in Berlin bis vor kurzem, die meisten waren 60 bis 70 Jahre alt. Es gab auch ältere, mit schmiedeeisernen Verzierungen oder türmchenhaften Aufbauten. Nun sind sie alle ­verschwunden. Oder wenigstens fast. 24 stünden unter Denkmalschutz und blieben «als Zeug­nisse der Berliner ­Stadtgeschichte an Ort und Stelle erhalten», ­teilte kürzlich der Landeskonservator mit. Die älteste denkmalgeschützte Säule steht am Hackeschen Markt, sie stammt aus dem Jahr 1900.

Der Abriss treibt die deutsche Hauptstadt seit Monaten um. Nach dem Entscheid verschwand als Erstes die Werbung von den Säulen. Nach und nach wurden sie mit leeren pinkfarbenen, blauen oder weissen Plakaten beklebt. Für eine traditionell ­widerständische Stadt wie Berlin war es die perfekte Einladung.

Sie locken Künstler an

Die meisten Säulen wurden im Nu mit Abschieds- und Widerstandsparolen neu beschriftet: «Bye-bye, Mrs Litfasssäule» sprayte jemand in Kreuzberg. «Rettet die Litfasssäule!», forderten andere. «Diese Säule bleibt!», drohten Anwohner auf ganz ­vielen. Andere freie Säulen ­lockten Künstler an. Statt auf Leinwand malten sie ihr neustes Werk auf die runden Plakatwände, als vergängliche Kunst.

Die Bewilligung für seine Säulen erhielt Ernst Litfass nur, weil er zusagte, öffentliche Toiletten einzurichten. 

Eine Gruppe von Künstlerinnen übertrug Grabinschriften von Berliner Friedhöfen auf die verschwindenden Werbeflächen, um das Verschwinden des Verschwindens im öffentlichen Raum zu beklagen: «Gewaltig wie der Tod ist die Liebe», stand da auf einmal. «Was vergangen, kehrt nicht wieder. Aber ging es leuchtend nieder, leuchtet’s ­lange noch zurück.» Ein Vers des romantischen Dichters Karl August Förster, in grossen gelben Plakatbuchstaben auf schwarzem Grund.

Berlin ist nicht nur die Hauptstadt der Litfasssäule, hier ­wurde sie erfunden. 1855 präsentierte Ernst Litfass feierlich die erste «Annonciersäule», eine eigens dafür komponierte Polka wurde gespielt. Litfass war ein «bunter Vogel»: nicht nur Unternehmer, Erfinder, Verleger, Veranstalter und Drucker, sondern auch Schauspieler, Poet, Impresario und Animateur. Die Idee der Anzeigesäule brachte er von seinen Lustreisen nach Paris und London mit.

Gegen das wilde Plakatieren

Litfass störte sich daran, dass Berlin über und über mit wilden Plakaten, Aushängen und Notizen beklebt war. Um gegen diese «weitverbreitete Hautkrankheit der Städte» vorzugehen, entwarf er die Säulen. Das Recht, sie aufzustellen, erhielt er nur, indem er sich im Gegenzug verpflichtete, öffentliche Toiletten einzurichten. Klos baute Litfass wenige, Säulen massenhaft. In Windeseile verbreiteten sie sich in die ganze Welt und machten ihren Erfinder reich. 51 000 gibt es heute noch allein in Deutschland – jede einzelne Säule erinnert gewissermassen auch an Ernst Litfass.

Längst sind die Reklamesäulen in das Bild eingegangen, das wir uns von der klassischen Grossstadt machen. Seit der ­Kaiserzeit zirkulieren Schwarzweissfotografien, die noble Berliner mit Zylinder zeigen, die sich lesend um Säulen scharen. Erich Kästners «Emil und die Detektive» ziert eine berühmte Illustration, die abbildet, wie die Kinder am Nollendorfplatz hinter einer Säule dem Dieb hinter­herspähen. Im Film «Der dritte Mann» ­bildet eine Litfasssäule quasi den ­Eingang zur Wiener Unterwelt.

Viele Berichte über das Verschwinden der Berliner Litfasssäulen klingen wie Nachrufe – dieser selbstverständlich auch. Dabei ist die Nachricht von ihrem Tod stark übertrieben. In Wahrheit verschwinden die Säulen nicht, sondern werden wieder aufgebaut. Berlin hat vor einiger Zeit den Vertrag für die Werbeflächen neu ausgeschrieben und festgelegt, dass diese flächen­deckend ausgetauscht werden müssen, falls nicht derselbe Anbieter zum Zug kommt. Mit dem Wechsel auf eine neue Firma war das Schicksal der alten Säulen besiegelt: Die eine riss sie ab, die andere baut neue wieder auf. Berlin halt.

Als Sondermüll entsorgt

Für den Austausch gab es in ­vielen Fällen einen stichhaltigen Grund: Sie wurden nach dem Krieg aus Eternit gefertigt, sind asbestverseucht und müssen als Sondermüll entsorgt werden. Noch in diesem Jahr will der neue schwäbische Betreiber 1500 Säulen wieder errichten. In den nächsten drei bis fünf Jahren sollen weitere 1000 dazukommen, teilweise auch an neuen, günstigeren Standorten.

Die neuen Säulen sehen nicht mehr exakt gleich aus wie die ­alten. Berlins Exemplare hatten eine schlanke Sondergrösse von 104 Zentimeter Durchmesser, die sich an den Abwasserrohren orientierte. Die neuen sind nun alle 118 Zentimeter dick, aus 2,5 Tonnen Beton, höher alsfrüher, oben mit einem kleinen Regendach versehen, manche beleuchtet. Kurz: Die Berliner ­sehen jetzt aus wie alle anderen deutschen Litfasssäulen auch. Damit erübrigen sich auch die besonderen Plakatgrössen.

Aber wirbt denn in Zeiten der digitalen Reklame überhaupt noch jemand auf Plakatsäulen? Für die sogenannte Kiezwerbung, sagen die Profis, gebe es heute noch nichts Besseres: Kleintheater, Buchhandlungen, Galerien und Flohmärkte können im Quartier so zielgenau auf ihr Angebot hinweisen. Der Preis dafür ist unschlagbar: ein Euro pro Säule pro Tag. Nostalgie des Analogen inklusive.

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