Deutschland schrumpft

Zu wenig Kinder, zu wenig Einwanderer und zu viele Hochqualifizierte, die wegziehen: Deutschland verliert Einwohner. Die Wirtschaftskraft droht in den nächsten Jahrzehnten stark zu sinken.

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David Nauer@davidnauer

Während es in der Schweiz langsam eng wird, hat Deutschland ein ganz anderes Problem: Das Land schrumpft. Heute leben knapp 82 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, rund 700'000 weniger als 2002. Und die Prognosen sind erschreckend: Bis in 50 Jahren könnte die Zahl der Deutschen auf weniger als 65 Millionen sinken, so hat das Statistische Bundesamt errechnet. Die Gründe: Die Geburtenrate ist mit 1,37 Kindern pro Frau viel zu tief; die Zuwanderung vermag diese Verluste nicht zu kompensieren.

Vom «Schrumpfland» sprechen deswegen die Forscher des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in ihrer aktuellen Studie zur demografischen Lage der Nation. Dabei ist das Problem nicht eine abstrakte Angelegenheit für Soziologen, sondern längst Realität. Vor allem ländliche Randregionen verlieren Einwohner. Betroffen sind nicht nur ostdeutsche Bundesländer, auch im Westen gibt es immer mehr schwindsüchtige Landkreise, in Bayern etwa entlang der Grenze zu Tschechien oder in Nordhessen.

Landflucht auch im Westen

Was sich dort abspielt, ist so etwas wie ein Vorbote gewaltiger Umwälzungen: In manchen Dörfern stehen 10 Prozent des Wohnraumes leer, die ganze Infrastruktur ist am Schrumpfen: Schulen schliessen, Betriebe und Geschäfte ebenso, pensionierte Ärzte finden keine Nachfolger. Je magerer das Angebot, desto schwieriger ist es, junge Menschen zu halten. Ein Teufelskreis.

«Noch hat niemand den Mut zu sagen, gewisse Dörfer hätten keine Zukunft», sagt Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut. «Aber es gibt Orte, in denen sich jetzt schon absehen lässt, dass irgendwann niemand mehr dort wohnt.» Seit der demografische Niedergang auch Westdeutschland erreicht hat, ist die Politik aufgescheucht. Der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat einen Zukunftsrat eingesetzt, der zu brisanten Schlüssen kam. Statt staatliche Gelder übers weite Bundesland zu verteilen, soll vor allem in bereits «potente Städte» investiert werden. Periphere Gebiete in Bayern hingegen sollen sich «grenzübergreifend orientieren», nach Sachsen etwa, Österreich oder Frankfurt am Main. Die Tipps aus München haben eine Welle der Empörung ausgelöst. Von einer «Kriegserklärung an die Provinz» war die Rede, es wurde an den «Selbstbehauptungswillen» der Bayern appelliert. Dabei geht es dem Freistaat verglichen mit anderen Bundesländern noch gut. Dank ihrer Wirtschaftskraft boomt die Hauptstadt München wie auch andere Metropolregionen in Deutschland, zum Beispiel Stuttgart, der Grossraum Hamburg oder Berlin. Die Menschen konzentrieren sich in den Gebieten, in denen es Jobs gibt. Urbanisierung kann man das nennen oder Landflucht.

Immer mehr Fachkräfte fehlen

Neben der abnehmenden Zahl der Einwohner ist es vor allem die Überalterung, welche die Experten besorgt. Prognosen zufolge sinkt in Deutschland die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2050 um 30 Prozent. Kaum denkbar, dass Effizienzsteigerungen diese Produktionsausfälle kompensieren können. Was passiert dann? Ein wirtschaftlicher Abstieg? Kann ein kapitalistisches Wirtschaftssystem ohne Wachstum überhaupt funktionieren? Solche Fragen – bisher hauptsächlich von Globalisierungskritikern und linken Theoretikern debattiert – könnten bald zuoberst auf der Tagesordnung stehen. Der ewige Politiker-Ruf nach «mehr Wachstum» wird im Schrumpfland ungehört verhallen.

Noch überwiegt freilich die Freude über den derzeitigen Wirtschaftsboom. Der Exportmotor brummt, die Krise ist überwunden. Im Mai ist die Zahl der Menschen ohne Job auf unter drei Millionen gefallen – erstmals seit 1992. Die Arbeitslosenquote beträgt noch 7,2 Prozent. Die Bundesregierung aus Union und FDP reklamiert diesen Erfolg gerne für sich. Zu Unrecht, wie Kritiker finden. Zu wenig lang ist Schwarz-Gelb in Berlin an der Macht, um die Wirtschaft derart nachhaltig beeinflusst zu haben. Dem Kabinett zu Hilfe gekommen ist – neben dem allgemeinen Aufschwung – vielmehr die demografische Wende. Grössere Jahrgänge, die noch während des Krieges auf die Welt kamen, gingen in den vergangenen fünf Jahren in Pension. Die nachrückende junge Generation ist zahlenmässig viel kleiner. Eine sinkende Arbeitslosigkeit ergibt sich da fast von alleine. Die Entwicklung geht so weit, dass der Arbeitsmarkt teilweise kippt, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften grösser ist als das Angebot. Bereits leiden viele Betriebe an einem Mangel an Fachkräften. Die Lücken sollen nach dem Willen der Regierung in Berlin, die das Problem erkannt hat, drei Kategorien von Arbeitnehmern füllen: Alte, die später in Pension gehen; Frauen, die voll statt nur Teilzeit arbeiten sollen – und Zuwanderer. Einfach wird das nicht. Schon die Erhöhung der Rentenalters auf 67 Jahre hat zu massiven Protesten geführt. Als die Wirtschaftsweisen kürzlich gar die Rente mit 69 forderten, kannte die Empörung kaum mehr Grenzen. «Weltfremd» sei diese Idee, zeterten Gewerkschafter, in der deutschen Arbeitswirklichkeit gar nicht umsetzbar.

Gebildete Zuwanderer gesucht

Auch der Rückgriff auf Zuwanderer gestaltet sich schwierig. Deutschland ist zwar viele Jahrzehnte lang Einwanderungsland gewesen. In den Jahren 2008 und 2009 verliessen jedoch mehr Menschen die Bundesrepublik, als einwanderten. Der Trend hat 2010 wieder gedreht, aber nach wie vor sind es vor allem Menschen mit geringer beruflicher Qualifikation, die kommen – unter anderem angelockt von einem grosszügigen Sozialstaat.

Für gebildete Migranten hingegen ist Deutschland nicht sonderlich attraktiv. Vor allem wenn ein potenzieller Arbeitnehmer von ausserhalb der EU stammt, sind die rechtlichen Voraussetzungen und die Bürokratie so kompliziert, «dass sich die Leute sagen, wir gehen lieber in die USA oder nach Grossbritannien als nach Deutschland», formuliert es Sozialwissenschaftler Steffen Kröhnert. Es fehle an einer «Willkommenskultur». Ähnlich argumentiert der Bremer Forscher Gunnar Heinsohn: «In Deutschland warten auf qualifizierte Zuwanderer mehr Zumutungen als Versprechen.» Die Zuwanderer müssten den «grössten Sozialhilfesektor der Welt finanzieren», sie dürften von ihrem Verdienst gerade mal 45 Prozent behalten und müssten – neben Englisch, das sie ohnehin könnten – auch noch Deutsch lernen. Viele einheimische Arbeitskräfte leiden derweil unter tiefen Löhnen und starren, hierarchischen Strukturen. Sie suchen darum ihr Glück in der weiten Welt respektive im benachbarten Ausland. «Wir haben seit Jahren eine Netto-abwanderung von gut ausgebildeten deutschen Arbeitnehmern», sagt Kröhnert. Beliebtestes Zielland ist – die TA-Leser wissen es – die Schweiz. Fast 140 000 Deutsche haben sich seit 2002 in unserem Land niedergelassen. Andere beliebte Destinationen sind Österreich und die USA. Diese Wanderungsbewegung falle zwar demografisch nicht sehr ins Gewicht, sagt Kröhnert. Es handle sich aber um einen «Brain Drain», einen Abfluss von Know-how – zum Schaden der deutschen Wirtschaft.

Die Weichen falsch gestellt

Die Möglichkeiten der Politik, diese Prozesse zu steuern, sind beschränkt, zumal die Einwanderungspolitik in der Bundesregierung umstritten ist. Rainer Brüderle, bis vor kurzem Wirtschaftsminister und nun FDP-Fraktionschef im Bundestag, plädiert für ein Punktesystem, wie es Kanada kennt. Dabei sollen Schulbildung, Sprachkenntnisse und zahlreiche andere Parameter benotet werden – wer eine bestimmte Punktezahl erreicht, darf kommen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ihrerseits hat Ende vergangenen Jahres vorgeschlagen, die sogenannte «Vorrangprüfung» vorübergehend auszusetzen. Das heisst, deutsche Arbeitgeber könnten dann auch Ausländer anstellen, ohne vorher beweisen zu müssen, keinen qualifizierten Deutschen gefunden zu haben. Die CSU lehnt eine Lockerung der Migrationsgesetze jedoch strikt ab. Es sei ein «Irrglaube», dass die bestehenden Bestimmungen nicht ausreichten, sagte Generalsekretär Alexander Dobrindt. Jede weitere Erleichterung der Zuwanderung gehe komplett zulasten der drei Millionen Arbeitslosen in Deutschland.

Noch schwieriger ist es, die Geburtenrate mit einer familienfreundlichen Politik zu steigern. Ob Elternzeit oder landesweiter Ausbau von Kinderhorten und Tagesschulen: Der Effekt der ergriffenen Massnahmen ist bisher begrenzt. Experten glauben, wenig Kinder zu haben, sei in Deutschland schon so zur gesellschaftlichen Norm geworden, dass soziale Massnahmen allein nicht viel daran änderten. Der Grund: Deutschland hielt gesellschaftspolitisch sehr lange am traditionellen Familienbild fest, wo der Vater arbeitet und die Mutter auf den Nachwuchs aufpasst. Diese konservative Haltung kollidierte seit den späten Sechzigerjahren mit dem Wunsch vieler junger Frauen, sich selber auch beruflich zu verwirklichen. Als Folge verzichteten viele Paare auf Kinder. Länder wie Frankreich oder Schweden hingegen reagierten auf die gesellschaftlichen Veränderungen früher und schufen Möglichkeiten, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen. In der Folge stabilisierten sich die Geburtenraten dort auf deutlich höherem Niveau.

Jetzt heisst es sich anpassen

Deutschland habe eine Chance verpasst, sind sich Experten einig. Und dieser Rückstand lasse sich nicht mehr aufholen. Was nun noch bleibe, sei die Notwendigkeit, «Anpassungsstrategien» zu entwickeln. Mit anderen Worten: Ein 82-Millionen-Volk muss sich darauf einstellen, irgendwann nur noch 65 Millionen Köpfe zu umfassen.

Die Natur nimmt derweil ihren Lauf. Während sich der Mensch zurückzieht, kehrt jemand anderes zurück: der Wolf. Vor gut zehn Jahren haben sich im immer dünner besiedelten Grenzgebiet zu Polen die ersten Exemplare seit Beginn des 20. Jahrhunderts niedergelassen – zunächst auf verlassenen Übungsplätzen der DDR-Streitkräfte. Und im Gegensatz zum Menschen breiten sich die Tiere aus. Inzwischen leben schätzungsweise 40 Wölfe in Deutschland.

Tages-Anzeiger

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