Der rechte Gigolo

Der Shootingstar der holländischen Politik, Thierry Baudet, sehnt sich nach dem alten Europa. Und hasst die EU.

Sein Kampf gegen die EU machte ihn bekannt: Thierry Baudet. Foto: PD

Sein Kampf gegen die EU machte ihn bekannt: Thierry Baudet. Foto: PD

Beat Metzler@tagesanzeiger

Auf dem wohl bekanntesten Foto, das es von Thierry Baudet gibt, liegt er bäuchlings auf einem Flügel, gekleidet in Jeans und Cowboystiefel, hinter ihm an der Wand dahinter hängt ein Goethe-Porträt. Mit dieser Mischung aus Bildungsbürgertum und Gigolo-Machismus ist der 36-Jährige zu einem der erfolgreichsten Politiker Hollands aufgestiegen. Am Mittwoch ging seine Partei als stärkste aus den Wahlen hervor, sie holte 13 Sitze von 75 im Senat. Dabei gibt es die FVD (Forum voor Democratie) erst drei Jahre.

Baudet verfolgt das klassische Widerstandsprogramm moderner Rechter: gegen «Masseneinwanderung», gegen «politische Korrektheit» und «linksliberale Eliten», gegen Klimaschutz und Gleichstellung. Neu an ihm ist sein lockeres Auftreten und die gleichzeitige Zurschaustellung seiner Bildung. Baudet hat Recht und Geschichte studiert, in seiner Doktorarbeit verteidigte er den Nationalstaat als einzigen Ort der Demokratie. Seine erste Parlamentsrede begann er auf Lateinisch. Am Parteitag sehnte er sich zurück ins 19. Jahrhundert, als Europa «der Stern der Welt war, mit Konzerten von Brahms, Opern von Puccini und Wagner, der Poesie von Rilke und Baudelaire», eine Zeit, als der «Terror der modernen Kunst» noch nicht wütete und keine «moderne Architektur unsere Städte verschandelte».

Diese Altes-Europa-Romantik mischt Baudet mit EU-Verdammung. Ein «kulturmarxistisches Projekt» schimpft er die europäische Union, «ausgerichtet auf das Führen von Kriegen». Der Kampf gegen die EU machte Baudet bekannt, 2016 provozierte er eine Volksabstimmung gegen das Abkommen zwischen der EU und der Ukraine. Die Wählerinnen unterstützten das Referendum, die Regierung unterschrieb den Vertrag trotzdem, was Baudet noch populärer machte. Er nutzte das Hoch, gründete eine Partei. Seither inszeniert er sich wie ein Showbiz-Promi, die Verlobung mit einer 22-jährigen Fotografin machte er über Instagram bekannt.

Baudet sei auch für Menschen wählbar, die Geert Wilders für zu derb hielten, heisst es.

Davor schrieb der Sohn aus einer französisch-indonesischen Musikerfamilie mehrere Bücher, etwa «Oikophobie – Der Hass auf das Eigene». Darin stellt Baudet eine angebliche europäische Selbstzerfleischung fest, die zum Niedergang des Abendlands führe – eine typisch konservative Verfall-These. Baudet sieht sich immer wieder Rassismusvorwürfen ausgesetzt, auch weil er sich mit Männern wie Jared Taylor trifft, der die Überlegenheit der Weissen behauptet. Baudet sagt, dass er als Politiker mit verschiedensten Leuten reden müsse, er sei kein Rassist.

Politologen deuten den Triumph der FVD nicht nur als Ausdruck eines wachsenden Nationalismus. Am meisten Wählerinnen schnappte Baudet seinem direkten Konkurrenten weg, dem um 20 Jahre älteren Rechtspopulisten Geert Wilders. Baudet sei auch für Menschen wählbar, die Geert Wilders für zu derb hielten, heisst es. Und seine Lockerheit mache ihn für Jüngere interessant. Baudet jagte aber auch anderen Parteien Stimmen ab.

Experten halten sein Wählerpotenzial für beschränkt. Laut einer Umfrage wollen nur 18 Prozent der Holländerinnen die EU tatsächlich verlassen. Ende Mai kann sich der Shootingstar wieder beweisen, dann stehen Wahlen an – Europawahlen.

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