Der Vater aller Wutbürger

Exklusiv

Mit 93 Jahren sorgt der linke französische Intellektuelle Stéphane Hessel für eine Sensation: Sein Manifest beflügelt das Wutbürgertum.

«Auf dieser Welt gibt es unerträgliche Dinge. Die Empörung ist der Schlüssel zum Engagement»: Stéphane Hessel.

«Auf dieser Welt gibt es unerträgliche Dinge. Die Empörung ist der Schlüssel zum Engagement»: Stéphane Hessel.

(Bild: Keystone)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

In Frankreich reden sie von einem einzigartigen Verlagserfolg, einer wahren Sensation. Und von einem Gesellschaftsphänomen obendrein. Ein kleines politisches Büchlein, 32 Seiten dünn und nur 3 Euro teuer, mit dem imperativen Titel «Indignez-vous!» («Empört euch!») hat sich in den letzten Wochen 500'000-mal verkauft. Der Verlag druckt gerade weitere 300'000 Exemplare. Aus zehn Ländern sind schon Anfragen für die Rechte am Buch eingetroffen. Französische Buchhändler erzählen, zu Weihnachten sei die Nachfrage so gross gewesen, dass sie viele Kunden aufs neue Jahr hätten vertrösten müssen. Alle wollen sie dieses quasirevolutionäre Pamphlet von Stéphane Hessel lesen. Der linke Intellektuelle, eingebürgerter Sohn einer jüdischen Familie aus Berlin, avanciert zum Avantgardisten einer Bewegung, zu einer Art Popstar. Vor allem unter den Jungen. Und das mit 93 Jahren.

Offenbar wollen sich viele Menschen inspirieren lassen von der inneren moralischen Kraft dieses früheren Widerstandskämpfers und Weggefährten Charles de Gaulles, vom Wertekanon eines betagten und charmanten Denkers und ehemaligen Diplomaten, der das Nazi-Konzentrationslager von Buchenwald überlebt hat und später, 1948, bei der Formulierung der Menschenrechte mithalf. Offenbar lassen sich viele gern anstecken von dessen Wut über die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt: das Gefälle zwischen Arm und Reich; die Arroganz der Finanzmärkte; der Umgang mit Migranten; die Zerstörung der Umwelt.

Friedvolle Revolte

Darum geht es in diesem Buch, das sich in der Hand wie ein Heft anfühlt und sich in einer halben Stunde liest. «Auf dieser Welt gibt es unerträgliche Dinge», schreibt Hessel. Er animiert seine Mitbürger dazu, sich zu wehren: «Die Empörung ist der Schlüssel zum Engagement.» Er rät zur friedvollen Revolte, zur gewaltlosen Einmischung, zur Teilnahme an der politischen Dialektik. Unter allen Geisteshaltungen hält er die Gleichgültigkeit für die schlimmste.

Die Medien reissen sich um Hessel. Alle Fernsehsender berichteten über den Erfolg seines Buches – und förderten ihn damit. Am Montag trat Hessel in der derzeitigen Kultsendung, im «Grand Journal» von Canal Plus, auf. Er wirkte jung, war schlagfertig, wusste zu allem Bescheid, lächelte viel und souverän. Er sagt von sich, er sei Optimist und keinesfalls Defätist. Hessel erinnerte daran, dass in den letzten Jahrzehnten auch Grosses geschehen sei: die europäische Integration; das Ende der Apartheid; der Mauerfall; die Entkolonialisierung; der Rückgang der Armut. Und er sieht darin den Beweis, dass sich Missstände ändern können, wenn man sie denn ändern wolle. Mit aller Kraft der Empörung.

Unbehagen rechts – und links

Hessel erntet viel Applaus, auch wenn seine Analyse einfach klingt und keine konkreten politischen Lösungsansätze liefert. Sein Appell passt gut in die Zeit des Wutbürgertums. Der französischen Rechtsregierung dagegen gefallen die Auftritte des Philosophen nur mässig. Hessel ist ein Linker, das war er immer schon. Wenn man ihn auf die Präsidentenwahlen von 2012 anspricht, sagt er: «Ich mag Sarkozy nicht. Wir sollten doch möglichst verhindern, dass er wiedergewählt wird.»

Doch auch den Linken ist der denkwürdige Erfolg des alten Herrn nicht geheuer. Denn Hessel sagt laut, was die linke Basis gerne hören würde, sich die Sozialisten aber nicht zu sagen trauen. Im Parti socialiste fürchten sie, dass man sie des Populismus bezichtigen könnte, wenn sie ihrer Empörung über die Ausschaffung von Roma und die Stigmatisierung von Muslimen Luft machten. Stéphane Hessel fürchtet sich vor gar nichts mehr. Das ist ein Privileg des Alters. Er sagt: «Ich bin ja bald nicht mehr da.» Und lächelt dazu.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt