Der General mit dem Gipsbein

Vor 30 Jahren erhob sich das Volk gegen Diktator Ceausescu. Eine Schlüsselrolle spielte General Victor Stanculescu.

Bukarest, 23. Dezember 1989: Zivilisten suchen Schutz hinter einem Panzer der Armee, die sich auf die Seite des Volkes gestellt hat. Foto: Charles Platiau (Reuters)

Bukarest, 23. Dezember 1989: Zivilisten suchen Schutz hinter einem Panzer der Armee, die sich auf die Seite des Volkes gestellt hat. Foto: Charles Platiau (Reuters)

General Victor Atanasie Stanculescu geht am Morgen des 22. Dezember in Bukarest ins Militärspital und lässt sich sein gesundes linkes Bein eingipsen. Kaum daheim, wird er zu Diktator Nicolae Ceausescu beordert und von diesem zum Verteidigungsminister ernannt – der Vorgänger hatte sich eben umgebracht. Stanculescu ist gerade von seinem Einsatz in Timisoara zurückgekehrt, wohin ihn Ceausescu am 17. Dezember geschickt hatte, um mit den Demonstranten aufzuräumen.

Dort hatte am 16. Dezember die Revolution begonnen. Am 17. um 16 Uhr flog Stanculescu nach Timisoara, ab 17 Uhr wurde dort scharf geschossen, das Massaker begann. Zahlreiche Zivilisten wurden in jener Nacht vom Militär getötet. Der Befehl dazu kam von Stanculescu.

Der 22. Dezember ist der Höhepunkt der rumänischen Revolution, dem dramatischen Ende des Wendejahres 1989. Die Lage in der Hauptstadt ist zum Zerreissen gespannt. Um 11.30 Uhr versucht Ceausescu vom Balkon des Zentralkomitees aus ein letztes Mal, Herr der Lage zu werden. Die entfesselte Menge lässt ihn – anders als noch am Vortag – nicht zu Wort kommen. Seine vor Schreck erstarrten Gesichtszüge und seine verstörte Gestik gingen um die Welt. Schliesslich aber flieht er mit seiner Frau Elena kurz nach 12 Uhr an Bord eines Helikopters vom Dach des Zentralkomitees. Den Helikopter organisiert hat Stanculescu. «Victorchen, pass auf unsere Kinder auf», soll Elena Ceausescu noch zu ihm gesagt haben.

«Ein Familienkomplott»

Inzwischen hat die Armee in Timisoara und Bukarest damit begonnen, mit dem Volk zu fraternisieren. Um 13.30 Uhr beordert Verteidigungsminister Stanculescu landesweit alle Truppen in die Kasernen zurück, auch jene, die sein Vorgänger in Bukarest Stunden zuvor in Marsch gesetzt hatte. Er verhindert dadurch vermutlich noch Schlimmeres. Das Diktatorenpaar Ceausescu glaubt noch an die Rettung, doch am gleichen Tag werden sie verhaftet und in eine Kaserne nach Targoviste gebracht, wo ihnen am Weihnachtstag in 55 Minuten der Prozess gemacht wird. Unmittelbar danach werden sie im Kasernenhof erschossen. Mitorganisiert wurden Schauprozess und Hinrichtung von Stanculescu.

In jenen hektischen Tagen vor Weihnachten, in denen der spontane Volksaufstand von einer Palastrevolte in Bukarest überlagert wurde, kamen bei Kämpfen und Schiessereien landesweit über 1100 Menschen um, über 3100 wurden verletzt. Bis heute sind viele Fragen ungeklärt. Wer schoss auf wen? Warum dauerten die blutigen Gefechte auch nach Ceausescus Verhaftung an?

Armeegeneral Victor Atanasie Stanculescu (1928–2016). Foto: PD

Wieso also liess sich Stanculescu am Morgen des 22. Dezember sein Bein in Gips legen? Er selbst sagte dazu in einem 2005 als Buch («Der Revolutionsgeneral mit Gipsbein») erschienenen Gespräch mit dem Schriftsteller Dinu Sararu: «Es war ein Familienkomplott. Meine Frau sagte mir: ‹Geh ins Spital und such eine Lösung, dass sie dich dort behalten.› Als ich mit dem Gips nach Hause kam, rief ich ins Ministerium an und sagte: ‹Ich war im Spital, hatte einen Unfall und habe jetzt das Bein im Gips. Ich kann nicht kommen›.» Vergeblich. Schliesslich holte man Stanculescu daheim ab und brachte ihn zu Ceausescu ins ZK-Gebäude.

Am Nachmittag des 22. Dezember übernahm in Bukarest der «Rat der Front zur Nationalen Rettung» unter Führung des späteren Langzeitpräsidenten Ion Iliescu die Macht. Zwischen Ceausescus Flucht und dem dramatischen TV-Auftritt der neuen Iliescu-Garde lag die Macht in Rumänien an jenem Freitag faktisch für fünf, sechs Stunden in den Händen von Victor Stanculescu, dem General mit Gipsbein und Verteidigungsminister von Ceausescus Gnaden. Er stand mit den neuen Machthabern, die sich nach und nach im Studio 4 der Bukarester TV-Zentrale versammelten, und mit dem Kommandanten der Kaserne in Targoviste in ständigem telefonischem Kontakt. Er genoss in jener entscheidenden Phase sowohl das Vertrauen von Ceausescu als auch jenes von Iliescu.

Stanculescu ist der Prototyp des erfolgreichen und schlauen Wendehalses. Erst Mitte der 90er-Jahre begann ihn die Vergangenheit einzuholen.

Am Abend des 22. Dezember waren weder Stanculescus Mission noch seine Karriere beendet. Kurz nach Weihnachten wurde er von Iliescu zum Wirtschaftsminister ernannt, um schon im Februar erneut für 14 Monate auf den Stuhl des Verteidigungsministers zurückzukehren. In dieser Funktion sagte er im Sommer 1990 in einem Radiointerview: «Die Armee spielte in unserer Dezemberrevolution, die das totalitäre Regime hinweggefegt hat, eine Schlüsselrolle, indem sie das Volk unterstützte.» Stanculescu arbeitete damit an seiner eigenen Legende.

In Tat und Wahrheit war er vor allem stets ein ultraloyaler Diener seines jeweiligen Herrn. Seit 1949 war er Berufsmilitär. In der rumänischen Armee machte er eine Bilderbuchkarriere. Der frühere Securitate-General und Ceausescu-Berater Mihai Pacepa, der sich 1978 in die USA absetzte, schreibt in seinem Buch «Rote Horizonte», dass Stanculescu speziell von Elena Ceausescu geschätzt wurde. Er war über Jahre Protegé und enger Vertrauter von Ceausescu, was angesichts von dessen Verfolgungswahn aussergewöhnlich war. Stanculescu selber sagte einmal, dass er bei Ceausescus Frau hoch im Kurs gewesen sei, «weil ich unglücklicherweise besser aussah als die anderen».

Auch nach seinem Rückzug aus der Politik machte Stanculescu – inzwischen als Rentner – Karriere und verdiente als Geschäftsmann viel Geld. Stanculescu ist der Prototyp des erfolgreichen und schlauen Wendehalses. Erst Mitte der 90er-Jahre begann ihn die Vergangenheit einzuholen. 1995 wurde ihm der Prozess wegen Betrugs gegen den Staat in Höhe von acht Millionen Dollar gemacht. Die «Motorola-Affäre» geht auf jene Zeit zurück, als Stanculescu für die materielle Ausrüstung der Armee zuständig war. 2002 wurde der Fall «wegen Verjährung» abgeschlossen. Ab 1997 wurde gegen Stanculescu endlich wegen Unterdrückung der Revolution ermittelt. Es folgte eine komplizierte und schier endlose Justizsaga. Die simple politische Logik dahinter: Waren die Postkommunisten um Ion Iliescu an der Macht, wurden die Verfahren gebremst oder eingestellt, wenn sie in der Opposition waren, ging es vorwärts damit.

Ehefrau begeht Selbstmord

Der 22. Dezember wurde auch für Stanculescu selbst zum Schicksalstag: Am 22.Dezember 2003, auf den Tag genau 14 Jahre nach der Revolution, sprang seine Frau Elena von der Terrasse ihres Bukarester Wohnhauses in den Freitod. Die 67-Jährige liess einen Zettel zurück: «Acht Jahre menschliches Elend. Motorola. Timisoara. Wer unter jenen von heute wäre überhaupt dort, wo er heute ist? Alle sind Helden. Was wäre aus euch geworden, hätte es nicht Stanculescu gegeben.» Seine Frau habe all die Häme in den Medien nicht mehr ausgehalten, sagte Stanculescu dazu. Zwei Jahre später zeigte er sich in der Öffentlichkeit mit einer neuen Begleiterin: Sie war 30 Jahre jünger als der General im Ruhestand – und hiess Elena, wie alle wichtigen Frauen in Stanculescus Leben.

Der 26. Januar ist ein anderes Schicksalsdatum: Es ist Nicolae Ceausescus Geburtstag, dem während seiner Herrschaftszeit von 1965 bis 1989 natürlich auch die Armee zu huldigen hatte. Am 26. Januar 2009 aber, just an Ceausescus 91. Geburtstag, wurde Stanculescu in letzter Instanz zu 15 Jahren Gefängnis und zur Zahlung von Entschädigung und Schmerzensgeld in Höhe von über einer Million Euro an die Angehörigen der Opfer verurteilt. Schuldig gesprochen wurde er der Umsetzung des «nicht verfassungskonformen und illegalen» Schiessbefehls am 17. Dezember 1989 in Timisoara. Direkte Folge davon: 72 Tote und 253 Verletzte.

Wegen gesundheitlicher Probleme wurde der Verurteilte anschliessend ins Spital des Bukarester Gefängnisses Jilava gebracht. Trotzig sagte der 6-Stunden-Militärherrscher: «Hier starb Marschall Antonescu.» Er stellte sich damit in eine Reihe mit Ion Antonescu, Rumäniens faschistischem Militärdiktator und Verbündetem von Adolf Hitler, der 1946 hingerichtet wurde.

Geständig oder gar einsichtig war der am 19. Juni 2016 in einem Altersheim in Ghermanesti bei Bukarest verstorbene Viersternegeneral auch im Ruhestand nicht. Am 22. Dezember 1989 habe er nur einen einzigen Fehler gemacht: «Ich bedaure, dass ich die Macht aus der Hand gegeben habe. Ich hätte für zwei Jahre eine Militärdiktatur errichten und das Land dann dem Volk geben sollen.»

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