Das richtige politische Leben im falschen

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble behält gerne recht. Geholfen hat ihm dies wenig

Machterhalt an erster, zweiter und dritter Stelle: Angela Merkel und Wolfgang Schäuble im Deutschen Bundestag (17. Juli)

Machterhalt an erster, zweiter und dritter Stelle: Angela Merkel und Wolfgang Schäuble im Deutschen Bundestag (17. Juli)

Wolfgang Schäuble ist eines der letzten Überbleibsel der alten Bundesrepublik. Der Mann, der heute als deutscher Finanzminister ganz Europa zur Sparsamkeit verpflichten will und sich dabei den Süden des Kontinents zum Feind gemacht hat, wird 1942 als mittlerer von drei Söhnen geboren. Sein Vater Karl ist im badischen Schwarzwaldstädtchen Hornberg ein Aufsteiger: Sohn eines Schreiners, arbeitet er sich nach einer kaufmännischen Lehre zum Prokuristen in diversen lokalen Unternehmungen hoch.

Zur Zeit der Weimarer Republik politisiert Karl Schäuble in Badens Christlich-Sozialer Volkspartei; im Dritten Reich steht er den Machthabern distanziert gegenüber. Nach dem Krieg gehört er als Abgeordneter der CDU dem badischen Landtag an. Eine bürgerliche Laufbahn ohne Brüche und Zwiespältigkeiten: Ein Handwerkersohn steigt auf in den Kreis kleinstädtischer Honoratioren.

Gegen die Kirche

Karl Schäuble ist aber auch ein Aussenseiter in Hornberg: Eine Lutheranerin hat er geheiratet, Gertrud Göhring aus Stuttgart-Untertürkheim, Tochter eines Mannes, der für die SPD im Kreistag sass. Wegen seiner konfessionellen Mischehe und aufgrund der Tatsache, dass seine Söhne als Protestanten aufwachsen, verweigert die katholische Kirche, die damals noch eine Autorität im Land ist, Karl Schäuble die Sakramente. Als er Ende der Vierzigerjahre Bürgermeister werden will, interveniert das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg zu seinen Ungunsten. Die CDU lässt ihn fallen, es ist das Ende des Politikers Karl Schäuble.

Nach seinem Tod ist man sich nicht einmal sicher, ob der katholische Priester überhaupt zu seiner Beerdigung kommen wird. Der Katholizismus der Vorväter wird abgehakt, scheinbar emotionslos: Wenn der Pfarrer nicht wolle, könne man ja seinen evangelischen Kollegen holen, sagt Sohn Wolfgang, bevor der Gottesmann dann doch noch klein beigibt. Es ist eine Demonstration des Stolzes und der Eigenwilligkeit: Will die römische Kirche nichts von den Schäubles wissen, so will Wolfgang Schäuble auch nichts von ihr wissen.

Politisieren, bis es der Mutter zu viel wird

Sein Vater sei ein weicher, gütiger Mensch gewesen, erinnert sich Thomas, der mittlerweile verstorbene jüngste Schäuble-Bruder, im Gespräch mit Hans Peter Schütz, dem Biografen seines Bruders. In seinen Söhnen weckt Karl Schäuble das Interesse an der Politik: Jeden Abend werden am Küchentisch die Fährnisse der werdenden Bundesrepublik diskutiert, nicht selten so lange, bis es der Mutter zu viel wird.

Dennoch sei sie es gewesen, die in der Ehe das Sagen gehabt habe, berichtet Thomas Schäuble. Zwei Anekdoten kursieren über Gertrud Schäuble, bezeichnend sind beide, die erste wird von Thomas bestätigt: Einmal, da habe ein Mann im Hornberger Freibad seinen Sohn auf quälerische Weise zwingen wollen, schwimmen zu lernen, worauf Gertrud Schäuble eingegriffen und den Mann in den Senkel gestellt habe.

Ehrbarkeit bis auf den Pfennig

Die zweite Anekdote ist im Hinblick auf die heutige politische Situation beinahe zu schön, um wahr zu sein: Nachdem Gertrud Schäuble vor einer Hornberger Parkuhr ohne Münz dastand, soll sie am nächsten Tag an den Ort des Geschehens zurückgekehrt sein, um ihre Schuld zu begleichen: 20 Pfennig. Schwäbische Ehrbarkeit bis weit über die Grenze zum Peniblen hinaus, eine Eigenschaft, die Wolfgang Schäubles Bewunderer, aber auch seine Verächter auch ihm zuschreiben.

Schäubles Karriere ist beispiellos im Deutschland der Nachkriegszeit: Seit 43 Jahren gehört er dem deutschen Bundestag an, länger als jeder andere. 1984 trat er sein erstes Ministeramt an, das ist über 30 Jahre her. Damals war Helmut Kohl Kanzler; heute ist Schäuble der letzte Aktive aus jener Generation. Schäuble war es, der sich 1990, als die Deutschen darüber diskutierten, ob die Regierung von Bonn nach Berlin ziehen sollte, an vorderster Front für Berlin einsetzte, die neue alte Hauptstadt. Hätte er seine CDU nicht auf Kurs gebracht, Bonn wäre noch heute Regierungssitz. Und doch blickt dem Betrachter aus Schäubles Gesicht die verblichene Bonner Republik entgegen: ein Mann der Zeitenwende.

Der letzte Preusse?

Was treibt ihn an? Warum übt er im Alter von 72 Jahren noch immer einen Beruf aus, der nicht selten 18-Stunden-Tage mit sich bringt? Pflichtgefühl, heisst es aus seinem Umfeld immer wieder. Tatsächlich verkörpert ausgerechnet Schäuble, dessen Name und Dialekt so unverkennbar süddeutsch wirken, als Letzter das preussische Ideal des unbedingten Staatsdienertums. Einer, der alles, was er tut, um der Sache selbst willen macht. Undenkbar, dass er sein Amt wegen eines nichtigen Anlasses hinwerfen würde wie der frühere Bundespräsident Horst Köhler. Einsam fühle er sich unter jüngeren Politikern, von denen keiner mehr über das Geschichtsverständnis seiner Generation verfüge, vertraute Schäuble seinem Biografen Schütz an.

Schäuble, der Pflichtmensch: Nicht einmal das Ereignis, das er selbst als «den Unfall» bezeichnet, scheint für ihn eine wirkliche Schicksalswende gewesen zu sein. Damals, im Oktober 1990, steht Schäuble auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn: Deutschland ist nach 45 Jahren Teilung wieder eins. Und Schäuble, so sieht es damals zumindest aus, könnte als Nachfolger Helmut Kohls in nicht allzu ferner Zukunft Kanzler dieser grösseren Bundesrepublik werden.

Hochprozentiges in Oppenau

Am 12. Oktober tritt der damalige Innenminister in der Gaststätte Brauerei Bruder in Oppenau auf, nicht weit entfernt von seinem Heimatort. Badische Provinzpolitik und deutsche Geschichte treffen aufeinander: Der Chef der lokalen CDU überreicht dem Parteifreund aus Bonn eine Flasche vom heimischen Kirschwasser, verbunden mit dem Wunsch, das Wahlergebnis der Union möge mindestens dem Alkoholgehalt entsprechen: 50 Prozent.

Schäuble gibt sich patriotisch und erinnert an den Tag der Wiedervereinigung, der etwas mehr als eine Woche zurückliegt: Was denn von einem zu halten sei, der nicht einmal in dieser historischen Stunde beim Deutschlandlied die Lippen ein paar Millimeter auseinanderbekomme, fragt er rhetorisch und meint Oskar Lafontaine, den Kanzlerkandidaten der SPD. Deutschland ist wieder gross, und – so sehen das wenigstens Schäuble und seine Parteikollegen in Oppenau – es waren die politischen Enkel Konrad Adenauers, die das hinbekommen haben, nicht die Sozialdemokraten. Sehr viel scheint möglich in diesem Augenblick.

Wenige Minuten später, Schäuble ist gerade dabei, das Lokal zu verlassen, gibt ein Verwirrter drei Schüsse auf den Minister ab. Der Ausgang ist bekannt: Schäuble überlebt, ist seither vom dritten Brustwirbel an abwärts gelähmt. Seit 25 Jahren sitzt er im Rollstuhl.

Andere wirft ein solcher Schlag aus der Bahn, und auch Schäuble stöhnt im Spital: «Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?» Doch schon wenige Tage später lässt er sich Akten ans Krankenbett bringen. Es ist ein Sieg der Willenskraft über den eigenen Körper: Schäuble zeigt, dass er auch als Schwerbehinderter einen Beruf ausüben kann. Ein Amt wohlgemerkt, das die meisten nicht einmal in gesundem Zustand aushalten könnten. Schäuble, der Titan: Ein Mann besiegt das Schicksal, indem er seiner Republik weiterhin stoisch dient, als ob nichts geschehen wäre.

Europa oder Krieg?

Wenn Schäuble heute noch etwas mit seinem langjährigen Vorgesetzten Helmut Kohl verbindet, ist es der Glaube an die europäische Idee. Anders als Kohl hat er zwar nicht den Krieg, wohl aber die unmittelbare Nachkriegszeit bewusst miterlebt.

Die Folgen der Katastrophe müssen selbst im ländlichen Hornberg, das im Gegensatz zu den industriellen Zentren des Landes von grösseren Zerstörungen verschont blieb, zu sehen gewesen sein, und wenn es nur durch die Präsenz der französischen Besatzer war. Europa oder Krieg, dies sind die Alternativen, die Männern wie Kohl und Schäuble bis heute vorschweben und wahrscheinlich ist dies der Grund, dass sich der Finanzminister und die Kanzlerin einander fremd geblieben sind: Schäuble muss Angela Merkel für eine Technokratin halten, für die der Machterhalt an erster, zweiter und dritter Stelle steht.

Das grosse Verhängnis des Wolfgang Schäuble besteht womöglich darin, dass er nun das, was er zusammen mit anderen schuf und was ihm so viel bedeutet, zerstören könnte: sein Europa. «Dem Wolf» gefalle es in Brüssel viel besser als in Berlin, sagt Bruder Thomas, doch eben dort, auf den Gipfeln der Europäischen Union, gilt Schäuble manchen nun als gefährlichster Deutscher seit 1945.

Sein Beharren auf einem Austeritätskurs drücke den Süden Europas nieder, glaubt man in Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und – was Schäuble besonders sorgen müsste – mehr und mehr auch in Frankreich. Als «Totengräber der Eurozone» schilt ihn zu Hause die linke Opposition.

Eine tragische Situation

Aus liberaler Sicht ist Schäuble einer, der das Richtige im Falschen tut: Dem hoch verschuldeten Griechenland versucht er dringend notwendige Reformen zu verordnen, doch ist diese Politik eben eine von aussen oktroyierte und dies auch noch im Rahmen einer Währungsunion, die in ihrer jetzigen Zusammensetzung ohnehin kaum funktionieren kann. Es ist eine tragische Situation im ursprünglichen, griechischen Sinn des Wortes, nämlich eine Lage, in der sich der Protagonist zwischen zwei Vorgehensweisen entscheiden muss, die letztlich beide ins Verderben führen.

Als Feindbild für Europas tatsächliche und vermeintliche Austeritätsopfer eignet sich Schäuble hervorragend: Er ist kein angenehmer Mensch. Beim Tennis, so erinnert sich Thomas Schäuble, habe ihm der ältere Bruder jeweils ungebetene Ratschläge erteilt, wie er sein Spiel verbessern könne, und dies, obwohl er, Thomas, der bessere Spieler gewesen sei. Jedes Doppel endete in einem lautstarken Zusammenstoss zwischen den Brüdern. «Der Wolf», so Thomas, habe «nicht verinnerlicht», dass er beim Tennis nun einmal unterlegen gewesen sei.

Wer langsamer denkt, ist verloren

Tatsächlich ist eine mehr oder weniger latente Unduldsamkeit wohl Wolfgang Schäubles hervorstechendster Charakterzug, verbunden mit einer leichten Erbitterung. Wer in seiner Gegenwart allzu offensichtlich langsamer denkt als er, ist verloren. Schäuble ist zu oft enttäuscht worden, vor allem von Helmut Kohl, dem er zwei Jahrzehnte lange die Treue hielt, dessen Nachfolger er zu werden hoffte, dessen halbkriminelles Gebaren bei der Annahme von Parteispenden ihn beinahe zu Fall brachte und dem er heute nichts mehr zu sagen hat. Schäuble musste mitansehen, dass ihm einer vor der Sonne stand, dem er sich intellektuell überlegen fühlte. «Strategische Verfügungsmasse» sei er für Kohl gewesen, klagt er heute.

Angela Merkel und er könnten sich aufeinander verlassen, sagte er dieser Tage dem «Spiegel», doch enttäuscht dürfte er sich auch von ihr fühlen: Das Amt des Bundespräsidenten, das ihm manche in der Union auch als Entschädigung für die entgangene Kanzlerschaft zudachten, enthielt sie ihm vor, um aus parteitaktischen Überlegungen den windigen Niedersachsen Christian Wulff versorgen zu können.

Wolfgang Schäuble ist ein Mann, der gerne recht behält. Und hat er nicht recht behalten, als er sich in seiner Jugend gegen die Selbstgerechtigkeit der Kirche empörte und später gegen jene Helmut Kohls, als er für die deutsche Einheit stritt und für die Hauptstadt Berlin? Und er hat ja auch heute recht, wenn er darauf hinweist, dass in einer Währungsunion nun einmal Regeln einzuhalten sind. Doch was hilft ihm all das?

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt