«Das ist keine Demontage. Das ist Vernichtungswille»

Der Schriftsteller Günter Wallraff hat die Rolle der «Bild»-Zeitung in der Affäre um den deutschen Präsidenten Christian Wulff scharf kritisiert. Zuerst habe «Bild» Wulff aufgebaut, nun demontiere sie ihn.

«Bis er sagte, der Islam gehöre zu Deutschland»: Günter Wallraff (Archivbild, 20. Mai 2008)

«Bis er sagte, der Islam gehöre zu Deutschland»: Günter Wallraff (Archivbild, 20. Mai 2008)

(Bild: Keystone)

«Es ist nicht besonders seriös wenn ‹Bild›-Chefredakteur Kai Diekmann über viele Jahre vertrauliche Gespräche mit einem Politiker pflegt und diesen dann plötzlich vorführt und öffentlich blossstellt», sagte Wallraff der «Frankfurter Rundschau». «Man hat den Eindruck, ‹Bild› will ihn vernichten. Das ist keine Demontage. Das ist Vernichtungswille.»

«Aufgebaut, hofiert, gehätschelt»

Man dürfe nicht vergessen, «dass Wulff von ‹Bild› in einer ganz besonderen Weise aufgebaut, hofiert, gehätschelt wurde», sagte Wallraff. Die Symbiose und «Hingabe Wulffs an die Boulevardpresse ist entwürdigend und verabscheuungswürdig». Über Jahre sei die Zeitung Wulffs Hofberichterstatter gewesen. «Bis er sagte, der Islam gehöre zu Deutschland – da setzte zum ersten Mal eine kritische Berichterstattung ein», sagte Wallraff.

Veröffentlichung von Fragen und Antworten gefordert

Die Kritik an Bundespräsident Christian Wulff wegen eines Privatkredits und versuchter Einflussnahme auf die Presse dauert an. Die Nichtveröffentlichung von Fragen und Antworten zu den Affären stösst auch in der Union zunehmend auf Unverständnis. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe nahm Wulff jetzt gegen die Forderungen aus den eigenen Reihen nach besserer Aufklärung der Vorwürfe in Schutz. Dagegen appellierte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) an das Staatsoberhaupt, seine Anwälte von ihrer Verschwiegenheitspflicht zu befreien.

Gröhe sagte der «Rheinischen Post»: «Bundespräsident Christian Wulff hat im Internet für alle zugänglich, umfassend und detailreich über seinen Hauskredit sowie verschiedene Urlaubsaufenthalte informiert. Dies sollte man jetzt auch anerkennen.» Zuvor hatte Unions-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU) die Anwälte Wulffs aufgefordert, sämtliche Antworten auf Fragen der Journalisten zur Kredit- und Medienaffäre im Internet zu veröffentlichen.

Wulff sollte Einschränkung durch Anwalt nicht hinnehmen

Thierse reagierte mit Unverständnis auf die Weigerung des Anwalts von Wulff, die Fragen und Antworten zu der Kredit- und Medienaffäre zu veröffentlichen. «Es wäre im Interesse des Bundespräsidenten, wenn er seiner Ankündigung von voller Transparenz auch entsprechende Taten folgen liesse und nicht die Einschränkung durch seine Anwälte hinnimmt,» sagte der SPD-Politiker dem «Hamburger Abendblatt».

Der SPD-Rechtsexperte Sebastian Edathy kritisierte die Absage der Veröffentlichung ebenfalls scharf. «Diese Argumentation kann ich nicht nachvollziehen. Das ist an den Haaren herbeigezogen», sagte Edathy der «Passauer Neuen Presse».

rub/dapd

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