Briten hamstern für den Brexit

Es ist wohl das Geschäft seines Lebens: James Blake aus Leeds verkauft für einen stolzen Preis Brexit-Notfall-Kisten. Eine Box enthält über 100 Mahlzeiten und einen Wasseraufbereiter.

Kasse machen mit der Angst: James Blake mit seiner Brexit-Box für den Notfall. (22. Januar 2019)

Kasse machen mit der Angst: James Blake mit seiner Brexit-Box für den Notfall. (22. Januar 2019)

(Bild: Reuters Phil Noble)

Vergammelte Waren, leere Lebensmittel-Regale: Die Gelassenheit vieler Briten hat angesichts solcher düsteren Prognosen zum EU-Austritt Grossbritanniens ihre Grenzen erreicht. Sieben Wochen vor dem Brexit will Premierministerin Theresa May das Parlament Medienberichten zufolge um mehr Zeit für mehr Nachverhandlungen bitten. Damit steigt weiter die Gefahr eines ungeregelten Ausstiegs.

Etliche Menschen in Grossbritannien fangen an zu hamstern. Und davon profitiert James Blake aus dem nordenglischen Leeds mit seinen Brexit-Notfall-Kisten. Eine Box enthält über 100 Mahlzeiten und einen Wasseraufbereiter, wie Blake der Nachrichtenagentur dpa berichtete.

Eine 22 Kilogramm schwere de-luxe-Variante bringt es sogar auf 157 Mahlzeiten, darunter Käse-Makkaroni, Reis-Pudding, Hühnchen süss-sauer oder scharf und Rührei. Ein Gel zum Feueranzünden gibt es auch noch dazu. Alles sei 25 Jahre haltbar, berichtete der gewiefte Geschäftsführer der Firma Emergency Food Storage UK. Die Edel-Box hat mit etwa 600 Britischen Pfund (fast 780 Franken) aber auch ihren Preis, die normale Notfall-Box ist für die Hälfte zu bekommen.

Für Brexit und andere Notfälle

Insgesamt mehr als 600 Kisten hat Blake bereits verkauft. «Sie sind nicht nur für den Brexit, sondern für alle Notfälle geeignet», betont er. «Jeder sollte so etwas haben.» Falls es tatsächlich zu einem No Deal mit Lieferengpässen kommen sollte, dann wären die Leute darauf mit den Brexit-Notfall-Kisten etwas vorbereitet.

Allein die neuen Zollkontrollen würden binnen kurzer Zeit Prognosen zufolge zu Megastaus etwa in der Hafenstadt Dover führen und den Warenverkehr von und zum europäischen Festland ausbremsen. Patienten wurde bereits geraten, bestimmte Arzneimittel zu horten.

Viele Unternehmen sorgen sich um Lieferteile, die zum Beispiel für die Autoherstellung knapp werden könnten. Hunger – so meinen Experten – müssten die Briten allerdings nicht bei einem ungeregelten EU-Austritt leiden, aber Lieferengpässe scheinen realistisch zu sein.

Frische Produkte könnten knapp werden

Die Lebensmittelhändler warnen davor, dass vor allem frische Produkte knapp werden könnten. Fast ein Drittel der Nahrungsmittel, die in Grossbritannien konsumiert werden, stammen ihren Angaben zufolge aus anderen EU-Ländern.

Besonders im März – also im Monat des geplanten EU-Austritts – sei die Lage akut: «90 Prozent des Salats, 80 Prozent unserer Tomaten und 70 Prozent unseres Beerenobstes stammen aus der EU zu dieser Jahreszeit», schrieben die Händler an das Parlament. «Und da diese Produkte frisch und leicht verderblich sind, müssen sie schnell von den Feldern in unsere Geschäfte gebracht werden», warnten die Unternehmen – darunter auch Lidl – weiter. Im Falle eines ungeregelten EU-Austritts werde die schnelle Lieferkette vor allem durch Zollkontrollen deutlich gestört; die Ware könnte vergammeln. Gekühlte Lagerräume seien bereits ausgebucht. Ein Brexit ohne Abkommen müsse daher mit Blick auf die Kunden verhindert werden.

Sammeln für nach dem Brexit

In sozialen Medien tauschen sich sogenannte Brexit-Preppers aus, was und wie man am besten für den Fall eines «No Deal» sammeln und horten sollte. «Ich kaufe Bohnen, Tomaten und Kartoffeln in Dosen, Säcke voller Reis, Nudeln, aber auch Tee und Wein», berichtete Paul Wagland aus Colchester nordöstlich von London.

Er ist Moderator der Facebook-Gruppe «48 % Preppers». Preppers ist eine Bezeichnung für Menschen, die sich für einen Katastrophenfall rüsten wollen. 48 Prozent der Briten hatten im Sommer 2016 gegen den Brexit gestimmt.

Mehr als 9000 Menschen haben sich der Gruppe bereits angeschlossen, vor allem jüngere Mütter und Väter. Viele von ihnen haben sogar den Anbau von Gemüse in ihren Gärten auf den Brexit ausgerichtet. «Wir hoffen das Beste, aber bereiten uns vorsichtshalber auf das Schlimmste vor», sagte Wagland.

Auch mehr Klopapier und Waschmittel sollten vorsichtshalber eingekauft werden. «Ich würde vereinfacht mal sagen, die Leute ziehen ihren April-Einkauf vor, um Ende März Probleme zu vermeiden.» Und das ist nicht mehr lange hin: Bereits am 29. März will Grossbritannien die Europäische Union verlassen.

nag/sda

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