Berlusconis Höfling greift nach der Macht

Angelino Alfano hat nie einen Hehl aus seinen Ambitionen gemacht. Jetzt fordert Berlusconis Ziehsohn seinen politischen Vater heraus. Er könnte zum Führer der neuen italienischen Rechten aufrücken.

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Jahrelang galt er als politischer Ziehsohn Silvio Berlusconis, der ihm im Juni 2011 die Führung seiner Kreatur, der Partei Volk der Freiheit (PdL), anvertraut hatte. Nun tritt er aus dem Schatten seiner Mentors heraus.

Der Sizilianer Angelino Alfano war bisher nicht nur der treueste Mitarbeiter des Medienzaren. Mit seinen 42 Jahren zählt er in seiner dreifachen Funktion als Innenminister der Regierung Letta, Vizepremier und PdL-Chef bereits zu den Schlüsselfiguren der italienischen Politik.

Wartezeit zu Ende

Treu und ambitioniert: Alfano hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er Hoffnungen hegt, Berlusconis Zepter an der Spitze des Mitte-Rechts-Lagers zu übernehmen. Die Wartezeit scheint für ihn jetzt endlich zu Ende. Der «ewige Zweite», «Berlusconis Höfling» wie ihn seine Kritiker verschmähten, tritt jetzt aus dem Schatten und fordert seinen politischen «Vater» offen heraus.

Als «Brutus» prangerte Berlusconi seinen langjährigen Delfin an, der ihn ausgerechnet in der schwierigsten Phase seines politischen Lebens im Stich lässt. Für den despotischen TV-Tycoon, der trotz seiner rechtskräftigen Verurteilung wegen Steuerbetrugs immer noch herrisch und mit eisernem Griff seine PdL-Partei führt, hätte der Verrat nicht schmerzhafter sein können.

«Ich bin Opfer eines Vatermords», schilderte Berlusconi die Lage plastisch. Niemals hätte er gedacht, dass ausgerechnet der loyale Alfano, der jahrelang geduldig Berlusconis ärgsten Ausbrüche ausgehalten hatte, Profil zeigen und gegen sein Vorhaben, die Regierung Letta zu stürzen, revoltieren würde.

Gemässigt, europatreu, liberal

An der Spitze von 40 abtrünnigen Parlamentariern will sich Alfano jetzt selbstständig machen und eine eigene Mitte-Rechts-Partei nach Vorbild der Europäischen Volkspartei gründen. Gemässigt, europatreu und liberal soll die neue Gruppierung sein, die Italiens konservativen Wählern eine Alternative zu Berlusconi bieten will.

Das wäre eine Wende in der Karriere des ernst wirkenden, kahlköpfigen Politikers aus der Tempelstadt Agrigent, der in seiner Laufbahn schon viele Höhen und Tiefen erlebt und dabei Vermittler-Talent und politische Wendigkeit bewiesen hat. Nicht umsonst bewegte Alfano seine ersten politischen Schritte in der christdemokratischen Democrazia Cristiana (DC), die über 40 Jahre lang in Italien das Sagen hatte.

Rechtsanwalt und Enthusiast

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der katholischen Universität Sacro Cuore in Mailand arbeitete Alfano als Rechtsanwalt und spezialisierte sich in Unternehmensrecht. Nach dem Auseinanderfallen der DC schloss er sich 1994 der neugegründeten Berlusconi-Partei Forza Italia an.

Von 1996 bis 2001 sass Alfano im sizilianischen Regionalparlament. Bei den Parlamentswahlen 2001 wurde er dann in die italienische Abgeordnetenkammer gewählt. Parteiintern gewann Alfano immer mehr die Sympathie Berlusconis, indem er 2008 mit Enthusiasmus die Fusion der Forza Italia mit der Alleanza Nazionale von Gianfranco Fini befürwortete und bei der Gründung der neuen Partei Volk der Freiheit (PdL) aktiv mitwirkte.

Alfanos Gesetz für Berlusconi

Zur Belohnung vertraute Berlusconi Alfano das heikelste Ressort seiner im Mai 2008 aus der Taufe gehobenen Regierung an. Mit knapp 37 Jahren rückte Alfano zum Justizminister auf. Dabei musste er sich täglich mit Berlusconis Justizproblemen und seinen Querelen mit den Richtern befassen. Als Justizminister redigierte Alfano ein umstrittenes Gesetz, das seinen Namen trägt. Es sah das Aussetzen von Gerichtsprozessen gegen die Inhaber der vier höchsten Staatsämter für die Dauer ihres Mandats vor. Das Gesetz galt als für Berlusconi massgeschneidert, um die gegen ihn laufenden Prozesse zu stoppen. Das Gesetz wurde im Oktober 2009 durch das italienische Verfassungsgericht für ungültig erklärt.

Im Juli 2011 beschloss Berlusconi, Alfano den Chefposten des PdL zu überlassen. Der Justizminister trat daraufhin zurück, um sich ganz auf sein Parteiamt zu konzentrieren. Im letzten Jahr musste der PdL-Kronprinz einige Demütigungen schlucken, zum Beispiel als Berlusconi vor dem Wahlkampf für die Parlamentswahlen im vergangenen Februar unverblümt erklärte, Alfano tauge nicht zum Premierminister. Der PdL-Chef hielt trotz allem loyal zu dem Mann, den er bewunderte. Berlusconi revanchierte sich, indem er ihm das Amt des Innenministers und Vizepremiers im Kabinett Letta verschaffte.

«Akt tiefster Charakterlosigkeit»

Die PdL-Hardliner, die Alfano mehrmals vorgeworfen haben, er wolle Berlusconi pensionieren, beobachten ihn mit Argusaugen, vor allem jetzt, da sich der PdL-Chef politisch eigenständig machen will. «Berlusconi zu verraten, ist ein Akt tiefster Charakterlosigkeit, denn Silvio ist jetzt Attacken von unglaublichem Masse ausgeliefert, den schlimmsten, die man je in der politischen Geschichte Italiens erlebt hat», kommentierte der Berlusconi-Verbündete Gianfranco Micciche'.

Doch Alfano scheint Kritik zu ignorieren und macht weiter. Der ewige Zweite will jetzt aus dem Schatten treten und sich profilieren. Er könnte dabei zum Führer der neuen italienischen Rechten aufrücken.

ami/sda

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