«Berlusconi hinterlässt einen Scherbenhaufen»

Für den Basler Cantautore Tonino Castiglione war Silvio Berlusconi der grösstmögliche Schadensfall für Italien.

«Finito Bunga Bunga!» Als Politiker hat er den Italienern den Himmel auf Erden versprochen und kaum etwas davon eingelöst.

«Finito Bunga Bunga!» Als Politiker hat er den Italienern den Himmel auf Erden versprochen und kaum etwas davon eingelöst.

(Bild: Keystone)

Vor 40 Jahren kam Tonino Castiglione (56) aus Sizilien nach Basel?– und blieb. Heute unterrichtet der ausgebildete Gymnasiallehrer an der Sekundarschule Muttenz Geschichte, Italienisch und Musik. Castiglione tritt hin und wieder als Liedermacher auf und präsidiert die Basler Sektion der Società Dante Alighieri, welche die Pflege und Verbreitung der italienischen Sprache und Kultur ausserhalb Italiens zum Ziel hat. Im vergangenen Jahr erhielt er für seine Verdienste um die italienische Kultur im Ausland den italienischen Solidaritätsorden. Dieser wurde auf Dekret von Staatspräsident Giorgio Napolitano verliehen. Wäre er von Berlusconi gekommen, hätte er ihn abgelehnt.

BaZ: Tonino Castiglione, in wie vielen Ihrer Lieder singen Sie über Berlusconi?Tonino Castiglione:In einigen. Ich habe schon bald nach seinem Erscheinen auf dem politischen Parkett damit begonnen. Ich bin zwar kein Hellseher, trotzdem war mir früh klar, dass er eine Gefahr für Italien darstellt.

Weshalb?Weil er ganz einfach zu viel Medienmacht auf sich vereinte. Das ist nie gut für einen Staat. Zu verdanken hatte er dies vor allem Bettino Craxi, dem Ministerpräsidenten in den Achtziger- jahren, mit dem er auch privat eng verbandelt war. Craxi ermöglichte es durch die Schaffung des sogenannten Mammì-Gesetzes, dass mehrere landesweit empfangbare Fernsehsender vom gleichen Unternehmen betrieben werden durften. Mit dieser geballten Medienmacht, das darf man nicht vergessen, verfolgte Berlusconi eine langfristige Strategie.

Nämlich?Sein Ziel war es, das Publikum einer Hirnwäsche zu unterziehen, indem man es auf allen Kanälen jahrzehntelang immer und immer wieder dasselbe hören lässt. Ich kann mich an meine Ferien in Italien in den Achtziger- und Neunzigerjahren erinnern, als ich keine Familie besuchen konnte, ohne dass dort einer der Berlusconi-Sender – Canale 5, Italia 1 oder Rete 4 – lief. Und immer wurde das Gleiche verkündet: dass die bösen Kommunisten Kinder fressen, dass die Linken an allem Übel dieser Welt schuld sind und so weiter. Irgendwann glaubten die Leute daran. Für Berlusconi ging die Rechnung voll auf. Er wurde gewählt. Auch weil er den bestmöglichen Zeitpunkt wählte, um in die Politik einzusteigen.

Das war Anfang 1994.Genau. Die Italiener waren der bisherigen Parteien überdrüssig, nachdem der damalige Staatsanwalt Antonio Di Pietro mit Tangentopoli Korruption und Amtsmissbrauch in der Politik aufgedeckt hatte. Berlusconi präsentierte sich mit der neu gegründeten Forza Italia als frische Kraft. Es müsse in Italien alles viel schneller und effizienter gehen, forderte er. Das sprach viele an, vor allem die Mitglieder der Partei Democrazia Cristiana, die aufgrund des Tangentopoli-Skandals in eine Krise geschlittert war. Seitdem durfte Berlusconi die politische Kultur Italiens mitprägen … Wie wir alle wissen, nicht im positiven Sinne.

Dann dürften Sie mit Erleichterung reagiert haben, als er am Dienstag seinen Rücktritt ankündigte, oder nicht?Ich sage es so: Meine Nerven sind ziemlich strapaziert. Auf der einen Seite bin ich erleichtert. Berlusconi war für das Land der grösstmögliche Schadensfall seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie müssen wissen, dass Italien in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zur Industrienation aufstieg und von der Wirtschaftskraft her in Europa ganz vorne mitmachte. Das hat Berlusconi alles zugrunde gerichtet.

Dann ist es ja gut, dass er geht. Weshalb können Sie sich trotzdem nicht freuen?Weil er einen riesigen Scherbenhaufen hinterlässt. Wer auch immer die Wahlen gewinnt, er muss erst einmal ein Feuer löschen, das noch jahrelang weiterschwelen kann. Auf die neue Regierung kommen schwierige Zeiten zu. Sie wird mit all den Dummheiten zu kämpfen haben, die in der Ära Berlusconi begangen wurden.

Genau diese Erfahrung macht Barack Obama, der sich mit den Altlasten von George W. Bush herumschlagen muss.Ein schöner Vergleich, auch Bush gilt ja als der schlechteste Präsident der US-Geschichte. Was mir zugleich einen Funken Hoffnung gibt, ist die unglaublich hohe Produktivität Italiens. Ich halte deshalb nichts von der ganzen Angstmacherei der Experten. Italien kann nie so enden wie Griechenland. Nie. Trotz allen Problemen.

Was ist das grösste Problem Italiens?Das sind die Staatsschulden. Diese sind so gross, dass kein Wachstum möglich ist. Das lähmt die Wirtschaft. Vor allem der Staatsapparat ist viel zu gross. Er konnte jahrzehntelang ungehemmt wachsen, weil die Politik und der Staatsapparat voneinander profitierten. Wenn du in Italien in der richtigen Partei bist, bekommst du die Stelle in dieser Universität, im dortigen Spital, in jenem Staatsbetrieb. Es ist ein riesiger Filz. Das Geld, das in den aufgeblähten Staatsapparat fliesst, könnte für Sinnvolleres ausgegeben werden. Etwa für Bildung und Forschung. Oder die Infrastruktur. Dort sind dringend Reformen nötig.

Berlusconi versprach auch Reformen.Ja, Berlusconi hat den Himmel auf Erden versprochen. In seinen Medien wurde er immer als erfolgreicher Unternehmer dargestellt. Viele haben davon geträumt, ein kleiner «Berlusca» zu werden. Dabei steckte Berlusconi in den Achtzigerjahren in grössten Schwierigkeiten. Seine Unternehmen waren pleite. Nur dank Craxi und viel Geld vom Staat fand er aus dem Schlamassel heraus. Davon gab er nichts zurück, im Gegenteil. Berlusconi ist ja trotz allem ein intelligenter Mensch. Leider hat er diese Intelligenz nur für seine eigenen Interessen genutzt. Und um sich zu bereichern.

Italien ist ihm egal?Ja, das kann man so sagen. Er hat nie etwas gemacht, das Italien nach vorne gebracht hätte. Berlusconi ist ja zweimal bei den Wahlen von den Linken geschlagen worden. Von Romano Prodi, einem blitzgescheiten Wirtschaftsprofessor, der von der Gegenseite immer wieder als «Mortadella» verhöhnt wurde. Fakt ist aber: Prodi drehte das Wachstum des Bruttoinlandproduktes von Italien während seiner Amtszeit vom Negativen auf immerhin plus 1,5 Prozent.

Trotzdem wurde Berlusconi wieder gewählt.Weil er genau das sagte, was die Menschen hören wollen. Er versprach ihnen: «Unter mir gibt es keine Steuer für Wohneigentum.» Nun muss man wissen, dass in Italien 70 Prozent der Leute Eigenheimbesitzer sind. Weil jedem das eigene Hemd – oder in diesem Fall das eigene Haus – am nächsten ist, gaben sie ihm ihre Stimme. Die Folgen sind verheerend: Die Gemeinden haben seitdem kein Geld mehr in der Kasse und können ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen. Es gibt Gemeinden, die haben nicht mal mehr Geld, um das Benzin für die Polizeipatrouillen zu bezahlen! Man muss sich das einmal vorstellen.

Gibt es auch irgendwas Gutes, das Berlusconi für das Land geleistet hat?Mir fällt nichts ein. Er hat alles aus Eigennutz gemacht. Er hat den Leuten die Brücke vom Festland nach Sizilien versprochen und damit auf der Insel viele Wähler für sich gewonnen. Konkret passiert ist trotzdem nichts, ausser dass die Millionen im Projekt versandeten. Oder die Autobahn von Neapel nach Reggio Calabria: Dort wird seit 30 Jahren gebaut und geflickt … Seit 30 Jahren! Und trotzdem ist kein Ende abzusehen. Warum auch? Es verdienen ja alle fleissig mit, nicht zuletzt auch die Mafia, die Ndrangheta.

Berlusconi hat auch das Image Italiens im Ausland geprägt……und wie! Leider nicht zum Positiven. Bis Mitte der Neunzigerjahre war Italien für die Schweizer das Paradies: Sie liebten Italiens grosse Kultur, das Essen, die Mode, die Strände. Seit Berlusconi an der Macht ist, lachen die Schweizer nur noch über Italien. In den Siebzigerjahren verliessen viele Italiener wegen der aufgeheizten Stimmung gegen Ausländer die Schweiz. Diejenigen, die blieben, wurden mehr oder weniger integriert. Heute wird wieder über die Italiener gelacht: «Wie könnt ihr nur einen solchen Mann wählen?» Sogar an den Schulen in der Schweiz ist Italiens Niedergang sichtbar.

Wie?Früher war hier Italienisch sehr beliebt in der Schule. In den letzten Jahren wurde Italienisch von anderen Sprachen verdrängt. Das hat auch mit Italiens schlechtem Image zu tun. Italien ist wegen Berlusconi kein Vorbild mehr in der Welt, sondern für die meisten nur noch Bunga Bunga.

Der «Blick» titelte nach der Rücktrittsankündigung: «Finito Bunga Bunga!»Genau das meine ich! Das ist doch himmeltraurig. Wir sind schon so weit, dass sogar Angela Merkel und Nicolas Sarkozy lachen müssen, wenn sie wie zuletzt beim Staatstreffen gefragt werden, ob sie Berlusconi über den Weg trauen. Gerade sie, die sonst wenig zu lachen haben. Berlusconi ist im Grunde genommen krank und müsste dringend kuriert werden. Das hat sogar seine Frau Veronica Lario öffentlich geäussert und ihn gleich auch noch als «Lüstling» und «Drachen» bezeichnet. Und was macht er? Er dreht die ganze Sache um und erklärt in einer auf ihn massgeschneiderten Fernsehsendung: «Meine Frau spinnt!» Dabei war er es, der sich mit jungen Mädchen die Zeit vertrieb.

Wie geht es mit Italien weiter? Droht ein Chaos?Nein, das glaube ich nicht. Italien hat eine breite Schicht, die immer noch eher konservativ denkt, sich zugleich aber nicht gegen dringende Neuerungen wehrt. Diese Kräfte werden dafür sorgen, dass die grössten Probleme angepackt werden, ohne dass das Land im Chaos versinkt. Denn das Potenzial ist, wie ich schon vorhin ausführte, auf jeden Fall da. Jetzt, da Berlusconi geht, können die Probleme endlich angepackt werden. Doch es braucht Geduld.

Wie lange?Einige Prognosen sprechen von zehn Jahren, bis Italien aus dem Schlamassel der Berlusconi-Ära herausgefunden hat. Das klingt realistisch.

Basler Zeitung

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