Balsam für eine zweifelnde Nation

Der WM-Final überstrahlt in Kroatien alles: Emigration, fehlende Reformen, unfähige Politiker.

«Wenn nicht jetzt, wann dann?» Kroatische Fans feiern in Zagreb ihre Nationalmannschaft.

«Wenn nicht jetzt, wann dann?» Kroatische Fans feiern in Zagreb ihre Nationalmannschaft.

(Bild: Keystone)

Die Hoffnung auf das Happy End im Fussballmärchen lässt selbst Kroatiens Berufskritiker alle Probleme des Landes vergessen. «Der Triumph bringt den Optimismus zurück», titelte die Zeitung Jutarnji List vorgestern. Vom Finalfieber zeigen sich aber auch die Würdenträger infiziert. Zur letzten Kabinettssitzung trat die Ministerriege in rot-weisser Fan-Kluft an. Vollmundig gelobte der konservative Premier Andrej Plenkovic der Nation gar den Bau eines modernen Fussballstadions: «Wenn nicht jetzt, wann dann?»

Tatsächlich ist der Fussball Balsam auf die Wunden der zweifelnden und mit sich selbst hadernden Nation. Die WM-Euphorie hat der unpopulären Regierung leicht gestiegene Umfragewerte beschert. Doch obwohl der Anteil derjenigen, die glauben, dass sich das Land in die falsche Richtung entwickle, dank der WM von 75 auf 70 Prozent geschrumpft ist, kann von Zufriedenheit beim wirtschaftlich angeschlagenen und politischen zerrissenen EU-Neuling keinerlei Rede sein: 27 Jahre nach Staatsgründung ist das Land in eine tiefe Identitätskrise gerutscht. Seit Monaten führt bei Umfragen der am häufigsten genannte «Niemand» mit Abstand die Liste der beliebtesten Politiker des Adriastaates an.

Ein trostloses Bild

Clanwirtschaft und eine als völlig inkompetent erfahrene Politikerkaste bestimmen fünf Jahre nach Kroatiens EU-Beitritt das Bild. Warum sind die Nationalkicker viel erfolgreicher als Kroatien?, fragt sich Kolumnist Goran Vojkovic. Im Fussball gebe es keinen Platz für Vetternwirtschaft, Anstellung nach Parteibuch und manipulierte Ausschreibungen, so sein Erklärungsversuch: «Was zählt ist der Umgang mit dem Ball. Und das ist es.»

Stets werde Kroatien von einer unfähigen Regierung geführt und in der Regel sei die Opposition noch hoffnungsloser, pflegen Analysten in Zagreb zu spötteln.

Tatsächlich bietet der Blick auf Kroatiens Politparkett ein eher trostloses Bild. Über ein Jahr wurstelt Premier Plenkovic seit dem Bruch der Koalition seiner HDZ mit der Protestpartei Most mit einer hauchdünnen Mehrheit als «lahme Ente» vor sich hin. Das wenig harmonische Verhältnis mit Staatschefin Kolinda Grabar-Kitarovic geht mit Dauerspannungen in seiner eigenen Partei einher: den rechten Flügel seiner HDZ hat Plencovic nur bedingt im Griff.

Zehntausende packen die Koffer

Zu seinem Glück sind die oppositionellen Sozialdemokraten (SDP) unter ihrem glücklosen Parteivorsitzenden Davor Bernadic in einem noch desolateren Zustand. Zu einem Machtwechsel an den Urnen scheint die in der Popularität stark gefallene SDP kaum mehr in der Lage. Stattdessen scheint ihr nach den nächsten Wahlen die Rolle als Juniorpartner der HDZ vorherbestimmt. Die «verbliebenen Reste der SDP» würden nach den nächsten Wahlen der HDZ in einer grossen Koalition dabei helfen, «mit vereinten Kräften Kroatien zu berauben», schreibt der Kommentator der Zeitung 24 sata, der in Zagreb «keinerlei Willen zu Reformen» erkennen kann: «Wir werden weiter eine massive Versorgung der Parteikader im öffentlichen Dienst erleben – und den Exodus der kreativsten Leute.»

Nicht nur die allgegenwärtige Korruption, sondern auch Arbeitslosigkeit sowie der gesellschaftliche Rechtsruck seit dem EU-Beitritt 2013 haben viele jüngere Kroaten ermattet. Seit der Anerkennung der vollen Freizügigkeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt 2015 zieht die Zahl der Auswanderer in Kroatien steil an. Vor allem im strukturschwachen Ostslawonien packen Zehntausende die Koffer. Und ein Ende des Exodus ist nicht in Sicht: Seit 1998 ist die Bevölkerungszahl von 4,5 auf offiziell 4,1 Millionen geschrumpft. Angesichts rückläufiger Geburtenraten in Kroatien wird die Bevölkerungszahl wohl bald unter vier Millionen sinken.

Fast mit allen Nachbarn liegt der EU-Neuling im Dauerclinch: In Brüssel geniesst Kroatien den zweifelhaften Ruf als neues Problemkind. Auch wirtschaftlich hat das Land die Chancen des EU-Beitritts kaum genutzt. Fast alle während der Beitrittsverhandlungen angeleierten Reformvorhaben sind mittlerweile auf Eis gelegt.

Nach jahrelangem Minuswachstum ist Kroatien seit 2015 zwar wieder auf Wachstumspfad, doch von einer Aufholjagd kann trotz eines Wachstums von zuletzt 2,7 Prozent keine Rede sein. Im Gegenteil: Seit 2017 weist selbst Rumänien laut EU-Statistiken ein höheres Bruttoinlandprodukt pro Kopf als Kroatien auf. Auch der starke Rückgang der Arbeitslosigkeit von 17,4 auf 9,8 Prozent in den ersten fünf EU-Jahren geht fast ausschliesslich auf das Konto der verstärkten Emigration.

«Befristete Injektion»

«Die Siege der Feurigen müssen die Wegweiser für die Änderung der Gesellschaft sein», fordert die Kommentatorin der Zagreber Zeitung Vecernji List, die hoffnungsfroh einen «mobilisierenden Moment» nach Jahren der Lethargie ausmacht.

Nüchtern spricht das Webportal index.hr hingegen von einer «befristeten Injektion von Optimismus»: «Unsere Probleme werden uns nicht verlassen. Wenn die WM endet, wird Kroatien weiter am Ende der EU dümpeln, konfrontiert mit Korruption, organisierter Kriminalität, einer aufgeblähten Bürokratie und unbarmherzigen Steuern. Wir werden weiter brav wählen, schweigen und den Fernseher und Computer anfluchen – bis zur nächsten WM.»

Basler Zeitung

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