Auf den Spuren von Doktor Frankenstein

Das Organhandel-Geschäft blüht. Die Spuren führen stets nach Kosovo und in die Türkei.

Das Geschäft mit Organen ist lukrativ: Ein menschliches Organ wird zu einem Empfänger transportiert (Archiv).

Das Geschäft mit Organen ist lukrativ: Ein menschliches Organ wird zu einem Empfänger transportiert (Archiv).

(Bild: Keystone)

Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

Der Fall machte in Rumänien Schlagzeilen: Im März 2009 verhaftete die Polizei in der Provinzstadt Bacau zwei Männer, die gerade im Begriff waren, die Nieren ihrer Kinder zu verkaufen. Die Organe sollten nach Italien verkauft werden – für 12'000 Euro. Vor Gericht zeigten die beiden Väter wenig Schuldbewusstsein, und auch in ihrem Dorf hatten manche Bewohner Verständnis. Hier seien alle bitterarm, sagte ein Mann dem Reporter der «Deutschen Welle»: Für 12'000 Euro würde jeder sein Kind hergeben.

Die rumänische Regierung hat dem illegalen Organhandel zwar den Kampf angesagt, doch die Verlockungen des Geldes sind zu gross. Dass fünfstellige Beträge für Organe geboten werden, ist allerdings selten. Für gewöhnlich werden zwischen 1500 und 2000 Euro versprochen, und oft bekommen die Spender nur einen Bruchteil davon. Die gesundheitlichen Folgen einer fehlenden Niere oder einer schlecht durchgeführten Operation bemerken sie viel zu spät.

Bis zu 150'000 Dollar

Der Bericht von Ständerat Dick Marty an den Europarat hat den illegalen Handel mit menschlichen Organen wieder ins Rampenlicht gerückt. Dass Menschen bei diesem Handel gefangen, getötet und ausgeweidet werden, ist in Europa (anders als in China) neu. Anderseits war es für die Beteiligten offenbar nur die logische letzte Konsequenz ihres perversen Geschäfts. Nachdem sich die Lage in Kosovo so weit normalisiert hatte, dass man Menschen nicht einfach verschwinden lassen konnte, machten sie mit dem «normalen» bezahlten Organhandel weiter.

Immer wieder und seit vielen Jahren taucht in Berichten über illegale Transplantationen der Name des türkischen Arztes Yusuf Ercin Sönmez auf. Der Chirurg betrieb im Istanbuler Stadtteil Bostanci eine Klinik, in der illegal Organe transplantiert wurden. Die Spender kamen aus Rumänien, Bulgarien, der Ukraine, aus Weissrussland oder Moldau. Die Empfänger aus Israel, Grossbritannien, Frankreich. Für eine Niere zahlten sie bis zu 150'000 Dollar, die Spender bekamen höchstens ein Hundertstel davon. Die Gewinnspanne für Ärzte und Mittelsmänner war enorm. 2005 stürmte die Polizei Sönmez’ Klinik und verhaftete ihn am Operationstisch. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Zeitungen schrieben damals vom «türkischen Doktor Frankenstein».Ein Jahr danach soll Sönmez in Istanbul den kosovarischen Chirurgen Lutfi Dervishi getroffen und daraufhin seine Aktivitäten nach Pristina verlegt haben. Im November 2008 stürmte die Polizei die Medicus-Klinik am Stadtrand der kosovarischen Hauptstadt. Sowohl ein Spender (ein 23-jähriger Albaner, dessen Verhaftung auf dem Flughafen den Fall ins Rollen brachte) als auch der Empfänger der Spenderniere (ein 74-jähriger Israeli) identifizierten Sönmez als den operierenden Arzt.

Kaum Kontrollen in Kliniken

Laut der EU-Justizmission Eulex mussten die Empfänger aus Israel oder Kanada bis zu 100'000 Euro zahlen. Mindestens 20 Spendern wurden je 14'000 Euro versprochen, aber nie bezahlt. Seit Anfang dieser Woche läuft in Pristina das Verfahren gegen Dervishi und weitere sechs Angeklagte. Sönmez und ein israelischer Arzt werden von Interpol gesucht. Die britische Zeitung «Guardian» behauptet, dass auch die Organe der von der Untergrundarmee UCK im Jahr 1999 gefangenen und getöteten Serben und Albaner von Tirana aus in eine Istanbuler Klinik geflogen wurden.

Warum finden Transplantationen meistens in der Türkei statt? «Bei unseren Recherchen bekamen wir die Erklärung, dass die Privatkliniken dort überhaupt nicht kontrolliert werden», sagt die ehemalige Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot. Sie schrieb 2004 für den Europarat einen Bericht über den illegalen Organhandel in Europa anhand eines Beispiels aus Moldau. Bei ihren Recherchen vor Ort traf sie junge Männer zwischen 18 und 28 Jahren, die nach Istanbul gelockt und denen dort ohne Information über den Eingriff und die Folgen eine Niere entfernt worden war. Die Klinik gehörte Yusuf Ercin Sönmez.

Vermots Bericht wirbelte viel Staub auf, einige westeuropäische Länder verschärften ihre Transplantationsgesetze; in Moldau wurden zwei Frauen verhaftet und verurteilt, die als Drahtzieherinnen des Organhandels galten. Moldau sei aber keineswegs ein Zentrum des europäischen Organhandels, sagt Vermot, «hier wurde nie transplantiert. Und die Spender kommen auch aus anderen Ländern, in denen Armut herrscht.»

Tages-Anzeiger

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