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Wer in Natori die Toten sucht, geht auf die Bowlingbahn

In Japan wurden schon mehr als 9000 Opfer gefunden, Tausende gelten noch als vermisst. Menschen suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen – teilweise auch an ungewohnten Orten.

Begräbnis in der Kälte: Angehörige der japanischen Selbstverteidigungstruppen setzen einen Sarg auf einem provisorischen Friedhof in Higashi-Matsushima bei (26. März)
Begräbnis in der Kälte: Angehörige der japanischen Selbstverteidigungstruppen setzen einen Sarg auf einem provisorischen Friedhof in Higashi-Matsushima bei (26. März)
Reuters
Tokiko Abe wartet auf den Sarg ihres Mannes, der beim Tsunami umgekommen ist. (22. März 2011)
Tokiko Abe wartet auf den Sarg ihres Mannes, der beim Tsunami umgekommen ist. (22. März 2011)
Reuters
...zusammen mit Angestellten der Stadt. (22. März 2011)
...zusammen mit Angestellten der Stadt. (22. März 2011)
Reuters
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In Natori werden die Leichen zurzeit in der Bowlingbahn gesammelt: Die gesprungenen Stufen hinauf, durch die Glastür, vorbei an der Neonreklame «Trink Coca-Cola» und dem Wandgemälde mit der in die Kegel krachenden Kugel. Sie studieren die Namenslisten und die Beschreibungen der unbekannten Toten. Drinnen, in der provisorischen Leichenhalle auf der Bahn, gehen sie langsam durch die ordentlichen Reihen der Särge und werfen einen Blick hinein. Nur selten finden sie, wen sie suchen.

Eine Bowlingbahn ist nicht der rechte Ort für Trauer. Doch viele Überlebende an der verwüsteten Nordostküste Japans bedrückt ein anderer, vielleicht ebenso schmerzlicher Kummer: Sie finden überhaupt niemanden, um ihn beizusetzen.

«Es müssten mehr Tote sein», sagt Marius Du Toit, der Leiter eines südafrikanischen Such- und Bergungstrupps. Sein Team wühlte sich durch die Überreste hunderter Häuser in der zerstörten Hafenstadt Natori und suchte unter den Trümmern nach Leichen.

Keiner weiss, wo sie geblieben sind

Elf Tage, nach dem der Tsunami nach dem gewaltigen Erdbeben am 11. März ganze Ortschaften auslöschte, sind über 9000 Todesopfer gefunden worden - doch rund 13'800 Menschen sind noch als vermisst gemeldet. Nach Schätzung der Polizei sind allein in der Provinz Miyagi, in der Natori liegt, mehr als 15'000 Menschen umgekommen.

Einige der Vermissten werden irgendwo auftauchen. Sie waren vielleicht im Krankenhaus, bei Verwandten oder verreist. Es werden auch mehr Leichen geborgen werden, wenn die Helfer die Berge von Trümmern und Schlamm beiseitezuräumen beginnen. Doch mehr und mehr gehen Helfer und Behörden davon aus, dass viele Opfer nie gefunden werden.

Vor ein paar Tagen noch fanden die Rettungstrupps in dieser Gegend noch bis zu 50 Tote am Tag; die Leichensäcke wurden knapp. Jetzt sind es nur noch ein paar Leichen täglich. «Wir wissen nicht, wo sie sind», sagt Du Toit.

«Die Hoffnung noch nicht aufgeben»

Bürgermeister Isoo Sasaki ist aus Yoriage, dem Viertel von Natori, wo Du Toit mit seinen Leuten gesucht hat. Es lag in der Altstadt und war jahrhundertealt, aus einer Zeit, lange bevor das Fischerdorf zu einer modernen Stadt mit 73'000 Einwohnern heranwuchs. Seit der Katastrophe übernachtet Sasaki in seinem Amtszimmer auf dem Fussboden. «Es ist so schrecklich, den Leichnam eines lieben Menschen zu finden», sagt er. «Aber vielleicht haben diese Familien auch Glück. Viele Menschen werden gar keinen Toten finden.»

Mit Stand vom Montag wurden in Natori 315 Tote identifiziert, weit über 1000 Menschen waren noch als vermisst gemeldet. Ein grosser Teil des Viertels Yoriage ist vom Erdboden verschwunden; oft sind nur noch Betonfundamente übrig. In Trümmerhaufern liegen Hausteile verknäult mit Fischerbooten und Autowracks. Ein Bus ist um einen anderen gewickelt. Stahlbetonpfosten sind verdreht wie Lakritzstangen.

Der Erfahrung nach dürften Tausende verschollen bleiben. Von den 164'000 Menschen, die in Indonesien bei dem Tsunami 2004 umkamen, blieben 37'000 einfach verschwunden; ihre Leichen wurden vermutlich vom Meer mitgerissen. Der Katastrophenschutzbeamte Iskandar aus der Provionz Aceh hat über ein Jahr damit zugebracht, mühselig eine genaue Aufstellung der Toten und Vermissten in seinem Land auszuarbeiten. Er ist sicher, dass viele Opfer in Japan immer noch gefunden werden können: «Man soll die Hoffnung noch nicht aufgeben!»

Ungewissheit bleibt

So halten es viele Überlebende, die noch nicht wahrhaben wollen, dass sie Angehörige und Freunde wohl nicht wiedersehen werden. Die 23-jährige Eriko Sato suchte das ganze Wochenende über im Ort Kesennuma nach einer Freundin und klammerte sich an ihrer Hoffnung fest. «Sie lebt, sie lebt, sie lebt!», wiederholte Sato immer wieder. «Wenn ich aufhöre, das zu sagen oder zu denken, dann tritt vielleicht das Schlimmste ein.»

Irgendwann gehen die Überlebenden von Natori alle den Weg zur Bowlingbahn. Erst lesen sie die Beschreibungen der unbekannten Toten durch: «Tätowierter Anker am linken Oberarm» steht da, oder «Schwarzer Kurzhaarschnitt, weinroter Pullover». Dann treten sie ein und wissen nicht, ob sie finden werden, was sie am meisten fürchten. Oder ob sie es nie erfahren.

dapd/mrs

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