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Plötzlich dreht der Wind

Der Technikglaube der Japaner war felsenfest noch in den ersten Tagen des Atomdesasters. Seit gestern ist alles anders – Protokoll eines Tages der Horrormeldungen, der das Land für immer verändert hat.

Die betroffenen Industriegebiete Japans
Die betroffenen Industriegebiete Japans
TA-Grafik str

Der Tag, der Japan endgültig verändern sollte, beginnt um zehn Minuten nach sechs mit einer weiteren Explosion. Es ist die vierte innerhalb von vier Tagen im Atomkraftwerk Fukushima 1. Diesmal ist es Reaktorblock Nummer 2, aber wer will das eigentlich noch wissen. Die Fernsehzuschauer verlieren allmählich den Überblick. Block 1 am Samstag, Block 3 am Montag, ein neuer Tag, ein neuer Knall. Und das gewöhnlich gefolgt von neuen Beschwichtigungen der Betreibergesellschaft Tepco und Ministerpräsident Naoto Kan, dass von alldem keine wirkliche Gefahr ausgehe. Dass man das schon wieder in den Griff bekomme. An diesem Tag aber wird es anders. Die Magie der Verharmlosung wird an ihre Grenzen stossen.

Die Wolke zieht auf Tokio zu

Als Masako Goto am Dienstagmorgen in der Präfektur Fukushima aufwacht, ist es bereits sieben Uhr. Von der Explosion hat die 42-jährige Übersetzerin nichts gehört. Ihre Wohnung in Kagami liegt rund 70 Kilometer von dem Kernkraftwerk entfernt. Sie frühstückt. Um halb neun steigt sie auf ihr Fahrrad und radelt in den benachbarten Ort Sugagawa, um Gemüse einzukaufen: Kohl, Karotten, Zwiebeln. «Ich hatte heute Morgen nicht sofort den Fernseher eingeschaltet, daher war ich völlig ahnungslos», sagt Goto.

Ziemlich genau zu der Zeit, als Goto durch die Landschaft radelt, springt die Radioaktivität direkt neben dem Atommeiler schlagartig auf 400 Millisievert pro Stunde empor. Das ist 400 Mal mehr, als man normalerweise in einem Jahr auf natürliche Weise an Radioaktivität abbekommt. Eine radioaktive Wolke steigt auf. Und ausgerechnet diesen Dienstag steht der Wind erstmals ungünstig, nachdem er an den Tagen zuvor so verlässlich aufs Meer hinaus blies, als sei er ein Befürworter der Kernkraft.

Steigende Werte

Diesmal weht die Wolke über die Präfektur Fukushima und dann in Richtung Südwesten auf Tokio zu. «Erst im Gemüseladen habe ich von der neuen Explosion erfahren. Da bekam ich grosse Angst», sagt Masako Goto. Sie lässt ihr Fahrrad stehen. Eine Freundin fährt sie im Auto nach Hause. Und dann beginnt für sie ein Tag vor dem Fernseher, der eine Horrormeldung nach der anderen bringen soll. 9.03 Uhr. Der Betreiber Tepco misst Strahlenwerte von 8217 Microsievert pro Stunde, achtmal das jährlich zugelassene Limit. Und die Werte werden im Laufe des Tages steigen. 9.20 Uhr. Tepco räumt ein, dass in allen drei Reaktorblöcken möglicherweise eine partielle Kernschmelze eingetreten sein könnte. «Möglicherweise» heisst es, weil viele der Instrumente beschädigt sind und die Betreiber selbst nicht mehr genau wissen, was in ihren halb zerstörten Reaktorhüllen vor sich geht.

Masako Goto will weg

9.40 Uhr. Im Reaktorblock Nummer 4 bricht ein Feuer aus, offenbar ausgelöst von einer weiteren Wasserstoffexplosion. Das japanische und das amerikanische Militär wird gerufen, um den Brand zu löschen. 9.41 Uhr. Es wird bekannt, dass Block 2 von der Explosion am Morgen schwer beschädigt wurde. Zum ersten Mal ist nicht bloss die äussere, sondern die innere Reaktorhülle beschädigt worden. Damit wurde radioaktives Material in grösseren Mengen ins Freie geschleudert.

Masako Goto will nun weg aus Fukushima. «Ich habe Angst. Freunde von mir wollen sogar ins Ausland. Vielleicht sollte ich erst mal aus Fukushima weg, vielleicht in den Norden Japans», sagt sie. Bisher hatte sie den Versicherungen der japanischen Nuklearindustrie und Politik vertraut, dass kein Land so sichere Atomkraftwerke besitze wie ihres. Und weil sich dieser Stimmungswandel Masako Gotos an diesem Dienstag überall in Japan millionenfach wiederholt, ist genau an diesem Tag der bislang unerschütterliche Technikglaube der Japanerinnen und Japaner erstmals schwer erschüttert worden.

Die ersten Panzer rollen an

An diesem Morgen hat eine Veränderung begonnen in einem Land, das der Welt nicht nur Spielzeuge wie den Walkman und das Tamagochi geschenkt hat, sondern auch eine erdbebengeprüfte Insel voller nuklearer Zeitbomben. Nun ist es auf einmal fast zu spät für die Flucht. Von Gotos Fenster aus sind die Staus auf der Nationalstrasse 4 zu sehen, die in den Norden führt. Von Freunden erfährt sie, dass kaum noch Tankstellen geöffnet haben. Das Erdbeben der Stärke 9 vom vergangenen Freitag hatte nicht nur die Reaktorblöcke in mehreren Kernkraftwerken beschädigt, sondern auch die Infrastruktur der Öl- und Benzinversorgung im Land. Wo noch eine Tankstelle geöffnet hat, stehen die Autos mehrere Kilometer lang Schlange.

Etwa hundert Kilometer nördlich von Fukushima, entlang der Nationalstrasse 4 in das Tsunami-Katastrophengebiet in den Präfekturen Miyagi und Iwate, tauchen die ersten bewaffneten Panzerwagen der japanischen Armee auf. Die japanische Regierung hat begonnen, sich auf eine Massenpanik vorzubereiten. Noch fliesst der Verkehr jedoch in geordneten Bahnen. Doch alle Ausfallstrassen aus Fukushima, auch die nach Süden, sind hoffnungslos verstopft. Viele Menschen geben ihren Fluchtversuch gleich wieder auf, auch Masako Goto. «Ich habe kein Benzin, und ohnehin ist es schwer, meine alternden Eltern zum Weggehen zu überreden», sagt sie.

Beschwichtigungen

11.00 Uhr. Ministerpräsident Naoto Kan, in einen Blaumann gekleidet, der offenbar Tatkraft suggerieren soll, aber mit so traurigen Tränensäcken unter den müden Augen, die diesen Versuch gleich wieder zunichtemachen, redet im staatlichen Fernsehsender NHK. Die ausgetretene radioaktive Strahlung habe erstmals gesundheitsschädliche Werte erreicht, sagt Kan. Die Menschen in einem Umkreis von 30 Kilometern um Fukushima 1 sollten bitte daheimbleiben und Fenster und Türen geschlossen halten, sagt er.

Zum ersten Mal fällt das Wort «Tschernobyl». Natürlich wieder in einer Beschwichtigung. In Fukushima werde es nicht so schlimm werden wie damals in Tschernobyl, sagt Regierungssprecher Yukio Edano. Und der Betreiber Tepco will eine kritische «Kernschmelze» grösseren Stils nicht mehr ausschliessen. 12.03 Uhr. Der Wind bläst die radioaktive Wolke in Richtung Südwesten, sagen die Wetterfrösche. 12.37 Uhr. Erstmals werden kleine Mengen radioaktiver Substanzen in Tokio entdeckt.

Tokio ist eine der grössten Städte der Welt, und ihr Zentrum liegt 220 Kilometer Luftlinie von Fukushima 1 entfernt. Rund 20 Millionen Menschen wohnen hier eng aufeinander gedrängt in einem Ballungsraum, der von den aufgestiegenen Rettungshubschraubern der Armee aus wie ein Meer aus Häusern aussehen muss. 13.12 Uhr. In Utsonomiya werden 33-fach erhöhte Strahlenwerte gemessen. Die Strahlenwerte seien noch nicht akut gesundheitsgefährlich, gibt die Wissenschaftsbehörde bekannt.

Das Benzin geht aus

Während sich die Ausfallstrassen mit Atomflüchtlingen füllen, auch die Nationalstrasse 4, kämpfen direkt daneben die Überlebenden des Tsunami mit ihren eigenen Problemen, etwa an der schwer verwüsteten Küste der Präfektur Miyagi. In einem Leichenschauhaus des Städtchens Yamamoto steht Frau Tamura, die gar keine Zeit hat, an die radioaktive Strahlung zu denken. Sie sucht auf Fotos der angelieferten Opfer nach Angehörigen. «Ich habe schon so viele Bilder angeschaut, aber sie waren nicht dabei», sagt sie. Weil sie kein Benzin mehr für ihr Auto hat, wird sie in den kommenden Tagen nicht wieder hierherkommen. Die traurige Gewissheit wird möglicherweise warten müssen, bis die Tankstellen wieder funktionieren. Die Atomkrise hat zumindest in der internationalen Wahrnehmung die Naturkatastrophe des Erdbebens und Tsunami überschattet.

Mehr als 10'000 Menschen seien allein in seiner Präfektur Miyagi gestorben, hat der örtliche Polizeichef erklärt. Am Montag sind erneut 2000 Wasserleichen an den mit Schlamm, eingestürzten Häusern und allerlei Treibgut übersäten Küsten angeschwemmt worden. Viele der Toten aber wird das Meer vermutlich nie wieder hergeben. Die offizielle Zahl der Tsunami-Opfer wurde an diesem Dienstag der Atomkatastrophe mit 2722 beziffert.

Der Politiker betet Tepco nach

15.17 Uhr. Ministerpräsident Naoto Kan, der sich um die Tsunami- und Erdbebenopfer kümmern müsste, eilt wieder in ein Treffen mit der Betreibergesellschaft Tepco. Diesmal wird er laut. «Das Fernsehen zeigte eine Explosion, aber niemand hat dem Büro des Ministerpräsidenten Meldung gemacht. Was zum Teufel ist hier los?», poltert Kan.

Ein Reporter hörte zufällig diesen internen Schlagabtausch. Öffentlich aber, vor laufenden Kameras, betet Kan auch fast wortwörtlich das nach, was ihm von Tepco gemeldet wird. Zu den Gefahren der Atomkraft gehört, dass ihre technische Komplexität vor allem in Notsituationen bei weitem das Vorstellungsvermögen von Politikern übersteigt. Ingenieure in blauen Overalls beten Zahlenkolonnen vor, in denen Gefahren für Millionen von Menschen verborgen sind, doch niemand versteht ihre Sprache.

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