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Die Partisanen von heute

Die Sardinen sind der Beweis dafür, dass sich die Italiener nicht aufgegeben haben. Sie sind der Lichtblick in einem dunklen Jahr.

Die Sardinen treten dezent auf und sind die Antwort auf Matteo Salvinis vulgäre Art.
Die Sardinen treten dezent auf und sind die Antwort auf Matteo Salvinis vulgäre Art.
Stefano Montesi

Es war einmal mehr ein schwieriges Jahr für Italien. Politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und meteoro­logisch. Die Populistenregierung aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung drückte dem Land einen fremden- und europafeindlichen Stempel auf. Während Monaten dominierten Hass und Missgunst, Angst wurde geschürt. Die hässliche Fratze Italiens, die man zuletzt so deutlich während des Faschismus zu sehen bekommen hatte, kam zum Vorschein. Der Fall von Carola Rackete, der deutschen Kapitänin, die im Juni über 50 Flüchtlinge im Mittelmeer aus Seenot rettete und verhaftet wurde, ist nur eines von vielen Beispielen dafür.

Zumindest diese Aggressivität steht mit dem aktuellen Regierungsbündnis aus Sozialdemokraten und ­Movimento 5 Stelle nicht mehr im Vordergrund. Von Stabilität kann aber noch immer nicht die Rede sein – zu gross ist der Graben zwischen den beiden Parteien. Die Wirtschaft erholt sich nicht. So ist etwa die Zukunft des bedeutenden Stahlwerks Ilva in Tarent, das rund 10000 Menschen beschäftigt, immer noch unsicher. Die Banca Popolare di Bari hat eine Milliarde Euro Verlust gemacht und wird – wenn überhaupt – nur dank staatlicher Geldspritze überleben.

Etwas vom Besten, was Italien, dem eine gesellschaftliche Degeneration zu drohen schien, passieren konnte, sind die Sardinen.

Und als ob das Land nicht schon fest genug im Schlamm stecken würde, wurde es im Herbst auch noch von Norden bis Süden von heftigen ­Unwettern heimgesucht. Die Autobahnbrücke auf der A6 zwischen Turin und Savona stürzte ein, Venedig stand tagelang unter Wasser. Wertvolle Kunstwerke und Archivmaterial wurden stark beschädigt. In der kalabrischen Stadt Lamezia Terme schwammen Autos und Abfall in den Strassen.

In diesem dunklen Jahr, das sich schon bald dem Ende zu neigt, gibt es aber dennoch einen Lichtblick. Zwei sogar, wenn man die erfolgreiche Qualifikation der italienischen Fussball-Nationalmannschaft für die Europameisterschaften 2020 dazuzählt. Etwas vom Besten, was Italien, dem eine gesellschaftliche Degeneration zu drohen schien, passieren konnte, sind die Sardinen. Eine breite, bunt durchmischte, friedliche Protestbewegung gegen Fremdenhass und Intoleranz, geboren in Bologna.

In der Emilia-Romagna finden im Januar Wahlen statt. Matteo Salvini, Chef der Lega und bis vor kurzem noch Innenminister, hofft auf einen Sieg. In anderen Regionen, zuletzt in Umbrien, konnte der Rechtspopulist mit seiner Partei bereits Erfolge ­feiern, und in Umfragen führt die Lega ­immer noch mit einem Wähleranteil von 30 Prozent.

Die Aussicht, dass Salvini nun auch die linke Hochburg erobern könnte, trieb den 32-jährigen Mattia Santori in die Schlaflosigkeit und brachte ihn auf eine Idee. Am 14. November, am Tag, an dem der Lega-Chef in einer Turnhalle in Bologna vor mehreren Tausend Anhängern den Wahlkampf hätte eröffnen wollen, versammelten sich nach einem Aufruf zu einem Flashmob etwa 15000 Personen auf der Piazza Maggiore im Herzen der Stadt. Dicht aneinandergedrängt, wie die Sardinen in der Büchse, standen sie da und sangen «Bella Ciao», die Hymne der italienischen Widerstandsbewegung gegen den Faschismus. Wenige Tage später wiederholte sich die Szene in Modena, diesmal im strömenden Regen. Am vergangenen Wochenende erlebte die Bewegung in Rom ihren Höhepunkt. Zehntausende demonstrierten mit selbst gebastelten Sardinen und Schriftzügen auf der Piazza San Giovanni; die Organisatoren sprachen gar von 100000 Teilnehmern. «Versucht uns zu fischen – Rom beisst nicht an», stand auf einigen Fischen geschrieben.

Die Sardinen sind die Partisanen von heute.

Die Sardinen seien eine hygienisch-gesundheitliche Bewegung, schrieb Komiker und Gründer der kriselnden Fünf-Sterne-Bewegung, Beppe Grillo, auf Twitter. «Junge, reine, begeisterte, grossartige, aber gleichzeitig bescheidene Menschen, die, ohne zu hassen, Würde fordern. Nicht für sich selbst, sondern für die Italiener.» Vielleicht hat Grillo damit versucht, sich anzubiedern. Aber was er sagt, stimmt.

Sie sind vor allem der Beweis dafür, dass sich die Italiener trotz aller Widrigkeiten noch nicht aufgegeben haben. Sie resignieren nicht, sie ­stehen auf, nehmen ihre Zukunft in die Hand. Sie stehen zusammen und kämpfen gewaltlos gegen Ausgrenzung jeglicher Art, einzig bewaffnet mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit und Demokratie. Die Sardinen sind die Partisanen von heute.

Anders als die Fünf-Sterne-Bewegung sind sie aus dem Volk entstanden. Sie haben keinen politischen Anführer, obwohl inzwischen viele Politiker der Linken mit der Bewegung sympathisieren und der Ruf nach einem politischen Programm immer stärker wird. Sie verkünden ihre Botschaft nicht in den sozialen Medien, sondern nutzen dazu die Piazza. Sie treten dezent auf und rufen in Erinnerung, was Italien auch sein kann: raffiniert und stilvoll. Die Sardinen sind die Antwort auf Salvinis laute und vulgäre Art.

«Viva l’Italia», singt Francesco De Gregori, einer der bedeutendsten italienischen Musiker. «L’Italia che resiste.» Italien hält stand.

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