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Wie die Kinder von Benghazi den Krieg sehen

Soldaten, gewalttätige Männer und blutige Leichenteile: Kinderzeichnungen geben einen Eindruck vom Aufstand gegen Muammar al-Ghadhafi. In Benghazi sind viele Kinder stark traumatisiert.

«Freiheit»: Ein Kind zeichnet in Benghazi eine Karikatur von Muammar al-Ghadhafi. (24. April 2011)
«Freiheit»: Ein Kind zeichnet in Benghazi eine Karikatur von Muammar al-Ghadhafi. (24. April 2011)
Reuters
Libysche Kinder versuchen in Benghazi ihre Eindrücke vom Krieg zu verarbeiten. (24. April 2011)
Libysche Kinder versuchen in Benghazi ihre Eindrücke vom Krieg zu verarbeiten. (24. April 2011)
Reuters
Eine Zeichnung von Leena al-Bishara, Benghazi. (26. April 2011)
Eine Zeichnung von Leena al-Bishara, Benghazi. (26. April 2011)
Keystone
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Ein Bild zeigt einen libyschen Soldaten in grüner Uniform, der einen aufständischen Demonstranten tötet. Ein weiteres zeigt blutige Leichenteile vor einem Lastwagen, der von einem Nato-Flugzeug zerstört wurde. Auf einem dritten ist der Sarg eines getöteten Kämpfers zu sehen, eingehüllt in die rot-schwarz-grüne Rebellenflagge. Die bunten, von der zwölfjährigen Lina al Bischari gemalten Bilder geben einen Eindruck vom Aufstand gegen den libyschen Machthaber Muammar al-Ghadhafi, gesehen mit den Augen eines Kindes.

Diese und weitere Zeichnungen werden in einer Grundschule in Benghazi ausgestellt, der provisorischen Rebellenhauptstadt im Osten des Landes. Sie veranschaulichen die psychologischen Spuren, die die seit mehr als zwei Monaten währenden Kämpfe bei libyschen Kindern hinterlassen haben, sagen Freiwillige, die den Schülern bei der Bewältigung der Folgen des Kriegs helfen wollen und dazu eigens ein Projekt ins Leben gerufen haben.

Tausende Tote

«Der psychologische Effekt kommt daher, dass die Kinder den ganzen Tag bei ihrer Familie sitzen und die Nachrichten über das Bombardement und das Töten im Fernsehen schauen», sagt Mohammed al Gasiri, ein 38-jähriger Geschäftsmann und Vater von zwei Kindern, der das Programm mit initiierte. «Das löst Furcht aus, weil sie sehen, wie ihre Eltern reagieren.» Vor dem Eingreifen der Nato drohte Benghazi im März von Truppen Ghadhafis überrannt zu werden. Städte im Westen Libyens, der weitgehend von Ghadhafi kontrolliert wird, machten Schlimmeres durch: Von dort gibt es Berichte über Tausende Tote.

Kindern in Benghazi blieb wenig anderes übrig, als die schmerzhafte Realität des Krieges wahrzunehmen, denn seit Beginn des Aufstands Mitte Februar sind die Schulen geschlossen. Viele Eltern lassen ihre Kinder auch nicht mehr im Freien spielen, aus Angst, dass diese bei möglichen Schiessereien verletzt werden könnten. Die Behörden wollten die Schulen bis zu einem Rücktritt Ghadhafis wohl geschlossen halten, sagt Hana el Gallal, für den Erziehungssektor in Benghazis zuständig. Denn viele Lehrer und ältere Schüler nähmen als Freiwillige am Aufstand teil.

Teilnehmerzahl mehr als verdoppelt

In der Zwischenzeit stellten al Gasiri und andere Bewohner des Viertels Al Leithi ein Programm in einer der öffentlichen Schulen auf die Beine, um die Kinder abzulenken. Dort können sie zeichnen, singen und spielen, täglich drei Stunden, sechs Tage in der Woche. «Wir wollen, dass die Kinder den Krieg vergessen und versuchen, ein normales Leben zu führen», sagt die 18-jährige Asma al Sedawi, eine Englischstudentin, die als Kunstlehrerin im Einsatz ist. «Wir haben dieses Angebot gemacht, damit sich die Kinder wie in einem anderen Land fühlen können, wie in einer anderen Welt.»

Das Programm ging Ende April mit zunächst etwa 100 Schülern zwischen drei und 14 Jahren an den Start. Innerhalb einer Woche habe sich die Teilnehmerzahl mehr als verdoppelt, sagt al Gasiri. Ein ähnliches Programm gebe es in der Innenstadt, vier weitere seien geplant. Eine von al Sedawis Schülerinnen ist die zwölfjährige Lina, deren ruhige, zurückhaltende Art in krassem Gegensatz zur gewaltsamen Natur ihrer Zeichnungen steht. Diese zeigten «die Verbrechen Gadhafis, der sein eigenes Volk tötet», sagt das Mädchen. Sie sei traurig, dass sie nicht in die Schule gehen könne. Aber das sei schon in Ordnung, «weil wir das getan haben, um Ghadhafi loszuwerden und ein besseres Leben zu haben», sagt Lina, gekleidet mit weissem Kopftuch, schwarzer Jacke und Jeans.

Hoffen auf Hilfe ausgebildeter Psychiater

Zu Beginn hätten die Kinder wild darauflos gekritzelt, in dunklen Farben, sagt al Sedawi. Inzwischen seien viele zu freundlicheren Motiven wie Booten, Blumen oder der Rebellenflagge übergegangen. Das Programm ermuntert Kinder auch zum Fussballspielen oder anderen sportlichen Aktivitäten, die zuletzt zu kurz kamen. «Am Anfang haben viele Kinder über Waffen gesprochen und den Krieg nachgespielt», sagt Tarek al Mahdschub, ein 29-jähriger Sportlehrer und freiwilliger Helfer. «Hoffentlich schaffen wir es, sie wieder normal werden zu lassen.»

Während er spricht, spielen Kinder im Schulhof Fangen, andere üben sich in patriotischen Gesängen. «Libyen ist frei! Ghadhafi hau ab!» skandiert eine Gruppe etwa zehnjähriger Mädchen. «Misrata und Benghazi sind Brüder», ruft eine Gruppe der Kleinsten unter Bezug auf die von Ghadhafis Truppen belagerte Stadt im Westen des Landes. «Ich war traurig, als die Schule geschlossen wurde, aber dieses Programm hat mich aufgemuntert», sagt der elfjährige Abdel-Rahim Mohammed, der vom fröhlichen Umherrennen mit den anderen Kindern kurz Pause macht.

«Er weigert sich, aus dem Haus zu gehen»

Andere Kinder scheinen stärker traumatisiert. Chadidscha Mufta Hassi, eine der Leiterinnen des Programms, sagt, der achtjährige Sohn ihrer Schwägerin wache nachts schreiend auf und müsse sich manchmal sogar übergeben. «Er weigert sich immer noch, aus dem Haus zu gehen», sagt Hassi.

«Ich versuche ihn zu überreden, aber er vertraut niemandem.» Programmgründer al Gasiri ist besorgt, dass es seine Helfer ohne professionelle Hilfe von Psychiatern nicht schaffen werden, dass die Kinder ihre Kriegserlebnisse verarbeiten. «Wir bringen sie her, sodass sie wie normale Kinder spielen können», sagt al Gasiri. «Aber wenn wir uns wirklich um ihre psychologischen Probleme kümmern wollen, brauchen wir Experten.

Sebastian Abbot/ dapd

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