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Wenn sie nicht aufpassen, werden sie gelyncht

Sie kamen, um zu arbeiten – doch Ghadhafi holte sie, damit sie für ihn töten: Söldner aus Schwarzafrika. Viele von ihnen sind in Benghazi gestrandet und müssen nun um ihr eigenes Leben fürchten.

«Sie mögen keine Schwarzen»: Söldner aus Tschad wird von libyschen Milizen abgeführt.
«Sie mögen keine Schwarzen»: Söldner aus Tschad wird von libyschen Milizen abgeführt.
Keystone

Sehnsüchtig blicken die im Hafen von Benghazi Gestrandeten der libyschen Ostküste entgegen, an der ein ums andere mal ein Rettungsschiff am Horizont erscheint. Während der kühle libysche Winterwind über den Kiesstrand weht, sitzen die Wanderarbeiter zitternd in baufälligen Lagerhallen. Verzweifelt sehen sie dabei zu, wie die Frachter ihre Kollegen aus wohlhabenderen Ländern mit nach Hause nehmen, weg von der Gewalt in Libyen.

Die Vergessenen selbst stammen überwiegend aus Ländern südlich der Sahara und aus Bangladesh und stecken schon seit Tagen im Hafen fest.

Viele von ihnen wissen nur zu gut, dass nur jene den blutigen Unruhen entfliehen können, die eine mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten ausgestattete Heimatregierung haben. «Es ist gefährlich, und wenn du keine Firma hast, wird dich niemand mitnehmen», sagt der 22-jährige Maruf Khan aus Bangladesh. «Ich habe kein Geld und kann kein Arabisch.»

180'000 Wanderarbeiter über Grenzübergange geflohen

Mehr Glück haben auch jene Arbeiter, deren Heimatländer nicht weit von Libyen entfernt sind. So haben mehr als 180'000 aus dem Millionenheer ausländischer Arbeiter in Libyen bereits die Grenzübergänge zu Ägypten und Tunesien überrannt, um sich in Sicherheit zu bringen. Der sudanesische Konsul in Benghazi, Chalid Abbas Ahmed, erklärt, in der vergangenen Woche seien mindestens 2500 Sudanesen mit Minibussen von Benghazi an die ägyptische Grenze gebracht worden. Von dort ginge es dann zur sudanesischen Botschaft in Kairo, die sie entweder auf dem Luftweg oder über den Nil in ihre Heimat zurückbringe, sagt Ahmed. Ausserdem seien die Sudanesen den Libyern wohlbekannt und würden daher nicht fälschlicherweise für Söldner gehalten.

«Sie mögen keine Schwarzen»

Tatsächlich treibt viele der afrikanischen Gestrandeten im Hafen von Benghazi die Angst vor gewalttätigen Angriffen um, kursieren doch im ganzen Land Berichte über blutrünstige Söldner aus dem Süden, die im Auftrag Muammar al-Ghadhafis Regierungsgegner töteten. In einigen Städten wurde an mutmasslichen Söldnern Lynchjustiz verübt, in Benghazi sitzen mehr als ein Dutzend Afrikaner ein, die von Ghadhafi fürs Morden bezahlt worden sein sollen. Die meisten Inhaftierten erklärten jedoch, sie seien nur einfache Wanderarbeiter. Aus Furcht haben nun viele im Hafen von Benghazi Zuflucht gesucht.

Der Tagelöhner Abdel Basset ist einer von ihnen. «Wir verlassen unsere Länder, um hier zu arbeiten, und jetzt gibt es Probleme», sagt der magere 27-Jährige aus Äthiopien, der sich illegal in Libyen aufhält. «Sie mögen keine Schwarzen. Wenn wir rausgehen, töten sie uns vielleicht.» Basset gehört der muslimischen Minderheit der Oromo an, die in Äthiopien um ihre Unabhängigkeit kämpfen. Das Problem sei, dass Ghadhafi schwarze Menschen angeheuert habe, um sie als Soldaten einzusetzen, sagt sein 27-jähriger Leidensgenosse Mohammed Ibrahim.

«Keiner nimmt mich mit»

Der 22-jährige Maruf Khan arbeitete für ein libysches Unternehmen, bevor ihn die Welle der Gewalt an den Strand Benghazis spülte. «Ich hoffe die ganze Zeit, dass noch ein Schiff kommt, aber meine Regierung schickt keines», sagt er. «Die ganze Zeit sehe ich grosse Schiffe kommen, aber mich nimmt keiner mit.»

Die jüngste Rettungsaktion der britischen Fregatte «HMS Cumberland» bestätigt die Worte des Wanderarbeiters. Während der Frachter am Hafen Benghazi anlegte, um unter anderem einige Hundert Staatsbürger aus Grossbritannien und den USA zu evakuieren, konnten die Afrikaner und Bangladescher nur aus der Ferne zuschauen.

Vergessenen erfahren praktische Hilfe

Indes schlägt den Vergessenen von Benghazi nicht nur blanker Rassismus und Feindseligkeit entgegen. So haben es sich Vertreter des neu formierten Volkskomitees in Benghazi zur Aufgabe gemacht, den Flüchtlingen praktisch zu helfen. «Sie tun alles für dich, geben dir Milch, Medikamente, Suppe und Shampoo», sagt der 29-jährige Daniel Ibrahim, der seit der vergangenen Woche in dem Hafenlager lebt.

Der Ghanaer Ibrahim Mussa scheint sich trotz seiner misslichen Lage sein Lachen bewahrt zu haben. Erst einmal will er den Hafen nicht verlassen. «Wir brauchen Hilfe. Wir würden ja überall hingehen, aber wer nimmt uns auf?», fragt er, während er sehnsüchtig auf ein Kreuzfahrtschiff blickt, das sich der Küste nähert. Auch diesmal wird es wohl nur Staatsbürger wohlhabenderer Staaten ausser Landes bringen. Bei Mussa scheint sich nun doch Resignation eingestellt zu haben. «Nur die Weissen dürfen gehen. Die Schwarzen müssen hier bleiben.»

Paul Schemm / dapd/mrs

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