Was soll aus Ghadhafi werden?

Paris und London gegen Rom und Berlin: In Europa streiten zwei rivalisierende Lager über eine Lösung für den Konflikt in Libyen.

Wird zum Spielball eines europäischen Prestigeduells: Muammar al-Ghadhafi, hier als Karikatur in Benghazi an eine Wand gesprayt.

Wird zum Spielball eines europäischen Prestigeduells: Muammar al-Ghadhafi, hier als Karikatur in Benghazi an eine Wand gesprayt.

(Bild: Reuters)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Vor dem Hintergrund des Krieges in Libyen spielt sich ein europäisches Prestigeduell ab: Die militärische Intervention gegen Muammar al-Ghadhafis Truppen hat die vier grössten Nationen des Kontinents in zwei Lager gedrängt – die entschlossenen Franzosen verbündeten sich mit den ebenfalls dezidierten Briten, was in den französischen Medien bereits als Neuauflage der «Entente cordiale» («Herzliches Einverständnis») beschrieben wird; die zögerlichen Italiener schauen mit Sympathie zu den ebenfalls verhaltenen Deutschen und hoffen auf deren Hilfe. Vor dem geplanten Gipfeltreffen von morgen Dienstag in London haben sich die beiden Lager übers Wochenende mehr oder weniger offen mit ihren Ideen für eine diplomatische und politische Lösung des Konflikts in Libyen gemessen.

Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der in diesem Dossier die politische Führerschaft behalten möchte, sprach von einem «gemeinsamen Weg», den er mit dem britischen Premier David Cameron beschreiten wolle: «Die Lösung (in Libyen, die Red.) kann nicht nur eine militärische sein, sie muss notgedrungen auch eine politische und diplomatische sein.»

Konkreter wurde Sarkozy nicht. Vermutet wird aber, dass Paris und London eine formelle Anerkennung der libyschen Rebellenregierung durch die internationale Gemeinschaft anstreben könnten. Frankreich hat den Nationalen Übergangsrat als einziger Staat bereits anerkannt. Ein solcher Schritt würde Ghadhafi politisch isolieren.

Berlusconi will vermitteln

Die Initiative der Italiener wiederum zielt offenbar darauf ab, ein Land zu finden, das Ghadhafi Exil anbietet. In einem Interview mit der Römer Zeitung «La Repubblica» sagte Aussenminister Franco Frattini: «Nachdem die Europäische Union und die Vereinten Nationen beschlossen haben, dass Ghadhafi kein akzeptabler Verhandlungspartner mehr ist, gibt es auch keine mögliche Lösung, die seinen Verbleib an der Macht beinhaltet. Bleibt natürlich die Frage nach dem Exil. Die Afrikanische Union hat sich bereit erklärt, eine Lösung zu finden.» Premier Silvio Berlusconi, der sich kürzlich «betrübt» darüber gab, was mit seinem Freund Ghadhafi passiert, bot sich als Vermittler an.

Die Frage ist nur, ob Muammar al-Ghadhafi tatsächlich in einen friedlichen Abgang einwilligen könnte, wie ihn sich vor allem die westlichen Alliierten wünschen, die sich vor einem langen Militäreinsatz fürchten. Bisher gab er sich immer entschlossen, bis «zum letzten Blutstropfen» zu kämpfen. Seit einigen Tagen kursieren aber hartnäckige Gerüchte, wonach Ghadhafis Emissäre diplomatische Auswege für den Despoten sondieren. Vielleicht eilen diese Verhandlungen nun umso mehr, als die Rebellen viel Terrain gutmachen – und gegen Tripolis marschieren.

Tages-Anzeiger

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