Undercover in Libyen

«Trottel in der Wüste» wurden die Elitetruppen des britischen Geheimdienstes nach einer missratenen Aktion beschimpft. Den Agenten von SAS und CIA stellt sich in Libyen aber auch eine spezielle Aufgabe.

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Matthias Chapman@matthiaschapman

Es war am letzten Freitag, als britische Elitesoldaten der Geheimdiensteinheit SAS in einem Chinook-Helikopter südwestlich der libyschen Stadt Benghazi landeten. Sie sollten Kontakt zu den libyschen Rebellen herstellen, wie die Regierung später klarstellte. Die Aktion der schwarz gekleideten Männer missriet jedoch gründlich. Laut britischen Medienberichten hätten die Agenten angegeben, unbewaffnet zu sein. Was sich bei der Durchsuchung als falsch herausstellen sollte. Die Briten wurden von den verärgerten Rebellen festgenommen und am Sonntag nach Hause geschickt.

Hämisch stürzte sich die heimische Presse auf die sogenannte Eliteeinheit. «Trottel in der Wüste», hiess es im «Guardian», «Diplomatisches Desaster», schimpfte die BBC. Dass nur Tage zuvor holländische Soldaten bei einer Geheimoperation in Libyen festgenommen wurden, macht die Sache nicht besser. Die missratenen Undercover-Aktionen werfen aber die Frage auf, wie Geheimdiensteinsätze in Libyen verlaufen, was deren Ziele sind und mit welchen Tücken die Leute von CIA und SAS zu kämpfen haben.

Nichts ist zu schwierig für die britischen Agenten

Dass die SAS-Aktion sowie die Operation der Holländer nicht die einzigen Vorstösse westlicher Geheimdienste in Libyen sind, daran scheinen keine Zweifel zu bestehen. «Die CIA ist mit entsprechenden Special Forces unterwegs», sagt Erich Schmidt-Eenboom, Geheimdienstexperte und Leiter des Forschungsinstituts für Friedenspolitik in Weilheim in Bayern, gegenüber baz.ch/Newsnet. Roland Popp vom Center for Security Studies an der ETH Zürich nannte den Weg der westlichen Staaten über Geheimoperationen den «Königsweg».

«Dilettantisch» nennt auch Schmidt-Eenboom das Vorgehen des britischen SAS vom Wochenende. «Was Kommandoaktionen anbelangt, gehört diese Elitetruppe zu den besten der Welt.» Wäre es zum Beispiel darum gegangen, in Tripolis einen von Ghadhafis Brigadegenerälen auszuschalten, hätte es kaum eine bessere Truppe gegeben als diese. Kein Auftrag scheint zu schwierig für den SAS. Selbst die CIA stützt sich jeweils bei ihren Aktionen auf den SAS, so Schmidt-Eenboom. Umso schlimmer nun dieses Debakel für die Briten.

Beispiel Afghanistan oder Irak

Allerdings sei das Einsatzgebiet Libyen für geheimdienstliche Tätigkeit ungleich schwieriger als etwa Afghanistan oder der Irak. Für diese unerwartete Aussage liefert Schmidt-Eenboom die Erklärung nach: «In Libyen fehlt es den Geheimdiensten an Ansprechpartnern.» Als es in Afghanistan nach den Luftangriffen der Alliierten 2001 darum ging, eine starke Opposition gegen die Taliban-Regierung aufzubauen, hätte man zum Beispiel bereits über Kontakte zu Ahmad Shah Massoud verfügt. Genauso im Irak beim Feldzug der Alliierten von 2003. Via die Türkei hätten Kontakte zu den Kurden bestanden. Und so wurde die Opposition im Norden aufgebaut.

Was im Fall Libyen laut Schmidt-Eenboom zusätzlich fehlt, ist eine starke Exil-Opposition in westlichen Staaten. «Es fehlt an Leuten mit Kontakten ins Land, die man nun zur Informationsbeschaffung benützen könnte.» Auch das hätte es im Fall von Operationen in anderen Ländern gegeben.

Waffen nicht in die falschen Hände liefern

Nichtsdestotrotz sind die Operationen in Libyen am Laufen. «Das braucht nur rund 200 gut ausgebildete Leute», schätzt Schmidt-Eenboom. Diese Zahl nennt der Experte auch für die früheren Einsätze der Geheimdienste in Afghanistan und im Irak. Ziel dieser «Undercover-Einsätze» sei es, die «richtigen» Ansprechpartner im Land aufzuspüren. Was im Fall der Stammesführer einfach ist, wird beim zersplitterten Teil der Rebellen zur kniffligen Aufgabe. Auf keinen Fall dürfe man Waffen «in die falschen Hände» liefern. «Der Westen muss verlässliche Partner finden.»

Verlässlich auch, weil man die Rebellen mit Waffen versorgt. «Es geht darum, bestimmte Gruppen mit Hightechwaffen auszurüsten», erklärt Schmidt-Eenboom. Das sei im Übrigen der einzige Weg, den Umsturz in Libyen zu forcieren. Jegliche direkten kriegerischen Eingriffe durch den Westen könnten zu Propagandazwecken missbraucht werden.

Stinger-Raketen auf dem Waffen-Schwarzmarkt

Wie heikel die Belieferung der Rebellen mit Waffen sei, hätte der afghanisch-sowjetische Krieg in den 80er-Jahren gezeigt. «Damals gelangten die Stinger-Raketen, welche von den Amerikanern an die Mujahedin geliefert wurden auf den weltweiten Schwarzmarkt mit Kriegsmaterial.» Ob schon Waffen an die libyschen Rebellen geliefert wurden, kann Schmidt-Eenboom nicht sagen. «Mit Bestimmtheit ist das eines der Hauptziele der westlichen geheimdienstlichen Tätigkeit in Libyen.»

baz.ch/Newsnet

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