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Der Traum einer europäisch-mediterranen Union

Die Revolten im Maghreb werden die Welt verändern. Und es gibt schon kühne Visionen.

Noch ist unklar, welche nordafrikanischen Länder den Übergang von der Diktatur zur Demokratie schaffen werden. Die Bilder aus Tunis und Kairo, die im Januar und Februar um die Welt gingen, lassen jedoch viele Menschen träumen. Träume, die über den Wunsch der einfachen Menschen in den arabischen Ländern nach Demokratie und Freiheit hinausgehen. Die Lage in Libyen kommt aber einem Rückschlag gleich.

Dennoch: Es zirkulieren bereits kühne Visionen, wie zum Beispiel jene von Bill Emmott: Der frühere Chefredaktor der renommierten Zeitschrift «Economist» skizziert die Idee einer europäisch-mediterranen Union. In einem Artikel, der kürzlich in der italienischen Zeitung «La Stampa» erschien, schreibt Emmott, dass einige nordafrikanische Länder in die EU gehörten. Wirklich? Ist der Mann noch bei Sinnen?

Vergleich mit dem Umbruch in Osteuropa

Emmott schreibt, dass sich die EU dank Ideen weiterentwickelt habe, die zunächst völlig abwegig oder unrealistisch erschienen, um sich eines Tages als notwendig oder unumgänglich zu entpuppen. «Eine ähnliche Idee könnte die Erweiterung der EU im südlichen Mittelmeerraum sein.» Der britische Publizist meint, dass der laufende Umbruch in den arabischen Staaten mit den Umwälzungen in Osteuropa vor rund 20 Jahren vergleichbar sei.

«In den nächsten Monaten und Jahren werden sich die grossen Interessen und die historischen Chancen, die das arabische Erwachen Europa bietet, immer klarer zeigen.» So wie zehn Länder aus dem ehemaligen Ostblock der EU beigetreten seien, könne dies auch mit ein paar nordafrikanischen Nationen geschehen.

Verschiedene Formen der Integration

In seiner Vision ist der frühere «Economist»-Chefredaktor allerdings nicht so kühn, dass er eine Prognose wagen würde, welche Maghreb-Länder als erstes zur EU stossen könnten. Und er denkt an verschiedene Formen der Integration - so wie heute nicht alle Länder Europas die Euro-Währung haben oder dem Schengensystem angehören. Eine Variante der Integration wäre eine Art EWR.

Emmott plädiert jedenfalls für eine Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen. Und das beginnt keinesfalls bei Null, im Gegenteil: Schon heute sind die europäischen Staaten die wichtigsten Handelspartner vieler nordafrikanischer Länder. «Solche Bindungen werden sich - trotz aller Ängste vor Instabilität und Massenmigration - langfristig in eine Richtung entwickeln», meint Emmott. Das Resultat sei ein wie auch immer gestalteter EU-Beitritt von einigen nordafrikanischen Ländern. Denkbar sei die wirtschaftliche Integration, also der volle Zugang zum europäischen Markt - allerdings ohne vollständige Personenfreizügigkeit, zumindest nicht in der Anfangsphase.

«Möglichkeit, sich mit EU zu vereinen»

Falls Europa und die künftigen demokratischen Staaten der arabischen Welt zusammenwachsen, müsste die EU auch einen neuen Namen erhalten - zum Beispiel europäische und mediterrane Union. Emmott kommt ins Schwärmen: «Der Mauerfall lehrt, dass Europa als Reiz für demokratische Reformen etwas wirklich Wertvolles bieten kann: die Möglichkeit, sich mit der EU zu vereinen.» Der frühere «Economist»-Publizist räumt zwar ein, dass die Realisierung dieser Idee sehr schwierig erscheine. «Man muss da nicht mal den Islam erwähnen.»

Dennoch: Eine solche Entwicklung würde Europa einen politischen und wirtschaftlichen Sinn verleihen, meint Emmott. «Mediterraneum», so das ursprüngliche lateinische Wort, bedeute schliesslich «im Zentrum der Erde». «Und der Mittelmeerraum war während Jahrhunderten das Zentrum unserer Welt. Und er ist unsere Nachbarschaft.»

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