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«Das Regime lässt nicht einmal verletzte Demonstranten ausreisen»

Idriss Boufayed sah den Wandel in seiner Heimat kommen. Nun will er sein Leben riskieren, um den Freiheitskampf vor Ort zu unterstützen.

Als Sie vor drei Jahren in Tripolis eine Demonstration für Demokratie organisierten, landeten Sie im Kerker. Auf internationalen Druck durften Sie ausreisen. Wie verfolgen Sie aus der Schweiz den Aufstand? Mit grosser Sorge und Hoffnung. Ich informiere mich über unabhängige libysche und arabische Websites. Telefonate brechen immer wieder ab.Was vernehmen Sie? Die meisten Städte sind in die Hände der Revolutionäre gefallen. Den Demonstranten haben sich auch in Tripolis viele Soldaten und Polizisten angeschlossen. Der Osten des Landes ist befreit – zu einem schrecklich hohen Preis an Menschenleben. Es hat wohl alleine dort mehr als 500 Tote gegeben und über 3000 Verletzte. Das sind viel mehr als bei der Revolution im weit grösseren Ägypten. Das Regime setzte schwere Waffen und afrikanische Söldnertruppen ein gegen friedliche Demonstranten, und es fliegt Luftangriffe. Die Zeit ist gekommen, um nach Libyen zu reisen.Ist das überhaupt möglich? Das werden wir sehen. Morgen fliege ich nach Djerba in Tunesien. Über Facebook haben sich mir innert kürzester Zeit über 20 Personen angeschlossen. Problematisch werden könnte es, nach Libyen zu gelangen. An der gesperrten Grenze sind Söldner stationiert, die uns vielleicht töten wollen.Was wollen Sie vor Ort erreichen? Das Regime lässt nicht einmal verletzte Demonstranten ausreisen, obwohl Spitäler in Tunesien sie aufnehmen könnten. Wir bringen Arzneimittel mit und als Chirurg mit Kriegserfahrung kann ich helfen, Menschenleben zu retten.Wieso wagen sich nun weit mehr Leute auf die Strasse als damals nach Ihrem Aufruf 2007? Die Angst ist weg, die Hoffnung da. Viele finden nach den Revolutionen in Tunesien und Ägypten, dass es sich lohnt, das Leben zu riskieren. Tausende wagen es, da die Aussichten besser sind als je.Welche Ideen vertreten sie alle? Erwarten Sie keine ausgereiften Programme. Das sind spontane Demonstrationen mit unterschiedlichsten Teilnehmern. Vor allem Männer, aber auch Frauen. Die Mehrheit ist zwischen 17 und 30 Jahre alt. Praktisch alle wollen Demokratie und das Ende der Herrschaft Ghadhafis. Es gibt moderate Nationalisten, einen Teil Islamisten. Die Libyer, die in der radikalen Islamic Fighting Group organisiert waren, haben die Waffen niedergelegt und demonstrieren friedlich. Das ist ein grosses Glück. Denn eine islamistische Diktatur wäre für die Bevölkerung noch schlimmer als eine nationalistische.In einem TA-Interview vor Jahresfrist erwarteten Sie eine Veränderung für 2011. Sind Sie trotzdem überrascht? Als Optimist hoffte ich damals vor allem auf die versprochene Verfassung. Herrschersohn Saif al-Islam Ghadhafi hätte die Arbeit daran nie gegen den Willen seines Vaters vorantreiben können. Es bestand ein internationaler Druck, der mich optimistisch stimmte. Dann kam, unerwartet schnell, der Sturz Ben Alis in Tunesien. Die Lage änderte sich dramatisch. Und plötzlich kann Ghadhafi keinen seiner Söhne mehr als seinen Nachfolger installieren. Wer ein Massaker anrichtet wie er, kann nicht von friedlichem Wandel reden. Es ist zu spät.Experten sagten jüngst, in Libyen sei eine Revolution nicht möglich, weil Ghadhafi über Erdöl und damit über eine viel bessere Machtbasis verfüge als die Nachbardiktatoren. Einiges ist anders als in Ägypten oder Tunesien. Die Unterdrückung in Libyen war am grössten. Es gab zum Beispiel nicht einmal eine Versammlungsfreiheit. Bei uns war es untersagt, eine Partei zu gründen oder eine Menschenrechtsorganisation. In Libyen ist – trotz des Ölreichtums – 1 Million Menschen arm. Die Arbeitslosigkeit ist riesig. Viele Leute arbeiten und erhalten monatelang keinen Lohn. Es gibt so viele Gründe für eine Revolution. Jetzt ist sie da. Die Menschen realisieren ihre Träume.

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