Der Pakt mit dem Teufel

Der 80. Jahrestag des Überfalls der Sowjetunion auf Polen steht bevor. Die Sichtweise auf diesen Anlass dürfte unterschiedlich ausfallen.

Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen wurden zu einem Wendepunkt in der politischen Biografie einer ganzen Generation von kommunistisch engagierten Menschen.

Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen wurden zu einem Wendepunkt in der politischen Biografie einer ganzen Generation von kommunistisch engagierten Menschen.

(Bild: Keystone)

Roland Stark

Am 23. Dezember 1939 veröffentliche das KP-Organ «Freiheit» eine Erklärung der Kommunistischen Partei der Stadt Zürich: «Die stark besuchte Mitgliederversammlung nimmt davon Kenntnis, dass Otto Schütz (späterer SP-Nationalrat, Anmerkung des Autors) und Josef Stark in dem Moment aus der Partei austreten, wo gegen sie bereits Ausschlussverfahren eingeleitet waren. Die Austritte werden nicht angenommen, und die Versammlung beschliesst den Ausschluss von Otto Schütz und Josef Stark aus den Reihen der Kommunistischen Partei.» Für Stark gab es, so wird der Schritt begründet, «weder ideologische Bindungen an die revolutionäre Arbeiterbewegung noch politische Überzeugung zur kommunistischen Idee». Dazu kommen noch «seine Disziplinlosigkeit und seine Wühlarbeit».

Zu der Zeit wurde der «Verräter», mein Onkel, noch immer auf der Fahndungsliste «flüchtiger Kommunisten und Marxisten» der Gestapo (Deckname «Jupp») geführt. Den beiden Genossen wurde vorgeworfen, einen willkommenen Beitrag zu liefern zur «schändlichen Kommunistenhetze», wie sie im Zusammenhang mit den «internationalen Ereignissen» eingesetzt habe. Die erwähnten, von Schütz und Stark für ihren Austritt angeführten «Ereignisse» liegen nun 80 Jahre zurück.

Was war damit gemeint? Das Treffen zwischen den deutschen Nationalsozialisten und den sowjetischen Kommunisten im August 1939 begann äusserst freundlich. Zur Begrüssung von Hitlers Aussenminister Joachim von Ribbentrop auf dem Moskauer Flughafen wehten Hakenkreuzfahnen. Eine Gruppe von Gestapo-Agenten wurde von ihren NKWD-Kollegen herzlichst begrüsst. In der Nacht vom 23. auf den 24. August wurden ein Nichtangriffspakt und ein geheimes Zusatzprotokoll unterzeichnet. Tags darauf erschien die «Prawda» mit riesigen Bildern auf der Titelseite, die Stalin, Molotow und Ribbentrop in ausgelassener Festlaune zeigten.

Die völlig überraschte kommunistische und antifaschistische Weltbewegung war geschockt, Enttäuschung und Verzweiflung – und Austritte – waren die Konsequenz. Eine Woche später, am 1. September 1939, überfiel Hitlers Armee Polen. Der Zweite Weltkrieg begann. Der Nichtangriffspakt war jedoch nur der Anfang einer verhängnisvollen Entwicklung. Es folgten der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Polen am 17. September 1939, die Aufteilung Polens zwischen Hitler-Deutschland und der Sowjetunion, Ribbentrops zweite Reise nach Moskau Ende September, die enge Zusammenarbeit zwischen den beiden Diktaturen auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet, der sowjetische Krieg gegen Finnland 1939/40, die Auslieferung deutscher kommunistischer Emigranten an die Gestapo, die Erschiessung der polnischen Offiziere im Wald von Katyn, die sowjetische Besetzung der baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen (wie im Geheimprotokoll verabredet) und der Anschluss Bessarabiens an die Sowjetunion Ende Juni 1940. Und gewissermassen als Krönung: der Besuch des sowjetischen Aussenministers Molotow bei Hitler in Berlin am 12. November 1940.

Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen wurden zu einem Wendepunkt in der politischen Biografie einer ganzen Generation von kommunistisch engagierten Menschen. Die bisher als unerschütterlich geltende Loyalität zum «Vaterland des Sozialismus» zerbrach. Der «Fall Margarete Buber-Neumann» zeigt die Auswirkungen des Teufelspakts auf besonders eindrückliche Weise. Ihr Mann, der KP-Funktionär Heinz Neumann, wurde im April 1937 im Moskauer Exil verhaftet und kurz darauf erschossen. Sie selbst wurde im Juli 1938 als «sozial gefährliches Element» zu fünf Jahren «Besserungs-Arbeitslager» im Gulag Karaganda in Kasachstan verurteilt.

Wenige Wochen nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts wurden einige verhaftete deutsche Kommunistinnen zurück nach Moskau gebracht, darunter auch Bertolt Brechts Lieblingsschauspielerin Carola Neher (Polly in der «Dreigroschenoper»). Statt der erhofften Freiheit warteten allerdings vergitterte Gefängniswagen an einem Bahnhof, in dem nur Züge Richtung Westen abfuhren. Ziel war Anfang Februar 1940 Brest-Litowsk, das nach der Aufteilung Polens zur Grenzstadt geworden war.

Die deutschen Kommunisten wurden von den NKWD-Offizieren an die Schergen der Gestapo übergeben. Die Gefangenen kamen zuerst in das Gefängnis von Lublin und wurden schliesslich in das Konzentrationslager Ravensbrück überführt. Dort blieb Margarete Buber-Neumann, die Gefangene Hitlers und Stalins, noch weitere fünf Jahre – bis zum Ende des Krieges. Nächste Woche ist der 80. Jahrestag des Überfalls der Sowjetunion auf Polen. Mit Schweigen wird Russland das Jubiläum kaum übergehen können. Präsident Putin hält den Hitler-Stalin-Pakt bisher für eine «friedenssichernde Massnahme».

Weder in Polen noch im Baltikum dürfte diese Sichtweise geteilt werden.

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