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Der Kampf um Florida: Bauchgefühl entscheidet

Betuchte Rentner, kämpferische Verfechter der reinen Südstaatenlehre und Opfer des Börsencrashs: Begegnungen mit dem «Mann der Strasse» zwischen Tampa und Orlando, wo der Kampf um Florida entschieden wird.

Clare Bowman lebt im Paradies. «Was», fragt die 75-Jährige mit der braun gegerbten Haut, «kann man sich Schöneres wünschen?» In Sun City Center scheint ewig die Sonne über ihrem kleinen Häuschen. Es gibt mehr als hundert Freizeitangebote, bei denen die Arztwitwe sich mit ihren Freundinnen die Zeit vertreibt. Von Aerobic bis Tai-Chi und Karaoke. Sun City Center ist eine fidele Seniorenstadt an Floridas Westküste.

Republikaner-Hochburg

Neuerdings aber geschehen merkwürdige Dinge in Sun City Center, die ihr Sorgen machen. In den Vorgärten tauchten Schilder auf, die man hier früher kaum sah: Wahlwerbung der Demokraten. Drüben hinter der Drogerie hat Barack Obama sogar ein Wahlbüro aufgemacht. Im zweiten Stock organisiert dort ein junger Kerl in Shorts und Turnschuhen die Kampagne des Senators in der Seniorenkommune. Floridas Rentner bilden eine Hochburg der Republikaner. Doch mancher ist für die Botschaft vom Wandel empfänglich. Hinten am Pebble Beach Boulevard etwa hat Howard Parker ein Obama-Schild neben seinen Briefkasten gepflanzt. Er ist neu hier. «Mit 58 Jahren bin ich für meine Nachbarn das Baby», erzählt der Frührentner. Jetzt weiss der Exspediteur nicht, ob er seinen Job nicht zu früh aufgegeben hat. Die Parkers wollten bis zur Rente vom Ersparten leben, doch der Börsencrash hat ein Drittel der Rücklagen aufgefressen. Er sagt: «Das Land ist so runtergewirtschaftet, wir müssen etwas Neues probieren.»

«McCain gewinnt Florida»

Clare Bowman kann das nicht verstehen, sie hat immer Republikaner gewählt, Obama ist ihr zu links, «ein Sozialist». John McCain hat schon ihre Stimme, per Briefwahl, weil sie Anfang November für ein paar Tage in die Karibik reist. Auch ihr Vermögen aber schrumpft. Auf der Bank haben sie ihr geraten, die Krise einfach auszusitzen. «Aber ich bin 75», empört sich Bowman. Sie bleibt überzeugte Republikanerin. «McCain gewinnt Florida», ist sie überzeugt, «die Rednecks wählen Obama nicht.» Bloss einen neuen Finanzberater will sie sich suchen.

Ein paar Kilometer weiter, wo die Autobahnen 4 und 75 sich kreuzen, streckt Phil Walters unter einer gewaltigen Südstaatenflagge die Linke zur Begrüssung hin. Der rechte Zeigefinger ist noch geschwollen, Ärzte haben vorige Woche die Kuppe wieder festgenäht. Seine Hunde hatten sich in der Wolle. Walters ging dazwischen. Walters war mal Weinhändler. Seit ihm das zu langweilig wurde, ist er Krokodiljäger. 800 Dollar kostet die Nacht mit dem «Gator Guide» in Floridas Sümpfen. Neuerdings aber gibt es Beschwerden, wenn er zur Geisterstunde mit seinem Propellerboot übers trübe Wasser braust. Neu-Floridianer in schicken Villen wollen ihre Ruhe. «Es ist wie damals», schimpft Walters, «die Leute kommen aus dem Norden und wollen uns sagen, wie wir zu leben haben.» Damals war im Bürgerkrieg. Mindestens 27 seiner Vorfahren, hat Walters herausgefunden, haben einst auf Seiten der Südstaaten gekämpft. Nicht um Sklaverei ging es da, sagt er, das sei die Legende der Yankees. Der Süden habe einfach keine Steuern mehr nach Washington überweisen wollen. Da sei man eben aus der Union ausgetreten. Die Sklaverei hätte man sowieso abgeschafft, aber graduell, über ein, zwei Generationen. «Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Rassist», sagt der Krokodiljäger, «wenn ich Obama nicht wähle, dann, weil er ein Linker ist, nicht wegen seiner Hautfarbe.» Er will nur eben nichts auf seine Südstaatlerehre kommen lassen. Deshalb macht Walters mit bei Floridas Sons of Confederate Veterans, die hier «die grösste Südstaatlerfahne der Welt» gleich neben der Autobahn gehisst haben. Dass viele die Fahne als Symbol von Intoleranz und Hass empfinden, lässt er nicht gelten.

Obama und Israel

Im Convention Center von Tampa glaubt Mark Wolfson, dass Barack Obama gut für Israel sei. An seinem zerknittertem Shirt klebt ein blauer Aufkleber. «Obama 08» steht da auf Hebräisch. Vor zwei Jahren sass der junge Mann mit der randlosen Brille an der Nordgrenze Israels im Bunker. Die Raketen der Hisbollah regneten ringsum nieder, die Wände wackelten. «Auf dem Feld vor uns starben elf israelische Soldaten», erinnert sich Wolfson, «mir muss niemand Israels fragile Sicherheitslage erklären.» Deshalb hatte der Reformjude aus Tampa auch Zweifel an Obama. Diplomatie findet er ja gut, doch mit Israels Feinden ist nicht zu spassen. Und wie wichtig wäre der jüdische Staat überhaupt für einen Präsidenten Obama?

Um Florida zu gewinnen, braucht der Demokrat das «jewish vote». Die jüdischen Amerikaner wählen eigentlich zuverlässig demokratisch. Doch mit Obama hat mancher ein Problem. «Es gibt viele Juden in Florida, die einem Mann mit einem muslimischen Namen einfach nicht vertrauen», sagt Mike Fisher, ein pensionierter Arzt, der – wenn auch aus anderen Gründen – McCain wählen will. Das Obama-Lager hat deshalb heute prominente Bürgen nach Tampa geschickt: Dennis Ross, einst Clintons Nahost-Unterhändler, und Lester Crown, ein prominenter jüdischer Mentor Obamas aus Chicago. «Ich bin seit 15 Jahren mit Obama befreundet», sagt Crown, «ich wette, er hat in Chicago mehr jüdische als schwarze Freunde.» Obama, versichert Ross, werde nie Israels Sicherheit kompromittieren oder die «militärische Option vom Tisch nehmen – aber auch nicht die diplomatische Option».

Explodierende Zinsen

Zwei Autostunden weiter, in Orlando, der Heimat von Micky Maus, verflucht Barbara Moore jenen Tag vor drei Jahren, als sie ihren Hauskredit unterschrieb. Die Moores wollten umfinanzieren, die Zinsen waren gerade niedrig. Dann aber hatten sie plötzlich einen Kredit, dessen Zinsen nach zwei Jahren explodierten, von 6,4 auf über 14 Prozent. 2500 Dollar sollen sie jetzt monatlich an die Bank zahlen, seit einem Jahr sind sie im Verzug. «Meine Eltern sind betrogen worden», sagt Sohn William, «die Makler haben ihnen einen Kredit angedreht, den sie nie wollten. Aber beweisen Sie das mal.» Mutter Barbara hat seit Jahrzehnten nicht gewählt, jetzt hat sie sogar bei der Registrierung von Neuwählern geholfen. «Obama ist unsere beste Hoffnung», sagt sie, «die Republikaner glauben, sie sitzen hier in Florida noch auf dem Gipfel, aber es ist ein Vulkan.

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