Brexit oder Die Kunst des Aufhörens

Aus dem Brexit austreten ist nicht so einfach, wie aus einem Kartoffelacker heraus zu kommen. Gibt es überhaupt eine Klausel die aufzeigt, wie man dem vertrackten Packt entflieht?

Es wäre vermutlich leichter, wenn die EU aus dem Vereinigten Königreich austreten würde.

Es wäre vermutlich leichter, wenn die EU aus dem Vereinigten Königreich austreten würde.

(Bild: Keystone)

Christine Richard

Mit dem Brexit ist es wie mit dem Rauchen. Der Ausstieg ist eine endlose Geschichte. Vielleicht sollte die EU einfach aus dem Vereinigten Königreich austreten, das wäre vermutlich leichter.

Jedenfalls lehrt der Brexit: Es ist einfacher, in eine Sache einzusteigen als wieder herauszukommen. Zwar war auch der Beitritt der Engländer in die EU so heavy wie ein Plum Pudding.

Charles de Gaulle schmetterte zwei Beitrittsanträge der Briten ab. Dabei warnte er vor den fremden Sitten der Insulaner: «England hat in allem, was es tut, sehr eigene Gewohnheiten und Traditionen. Kurz gesagt, die Natur, die Struktur und die Konjunktur, die England eigen sind, unterscheiden sich zutiefst von denen der Länder auf dem Kontinent.» Wie wahr.

Doch kaum war Charles de Gaulle aus dem Élysée-Palast draussen, waren die Briten in den Europäischen Gemeinschaften drinnen. Bei der Volksabstimmung 1975 wollten 67 Prozent drin bleiben. Anders bei der Volksabstimmung 2016: Da wollten knapp 52 Prozent lieber wieder hinaus.

«Hinein in die Kartoffeln, heraus aus den Kartoffeln»: So sprach mein Grossvater, wenn er den Wankelmut unserer Sippe rügen wollte. Rein, raus, vorwärts, zurück. Wie beim Brexit.

Natürlich hinkt der Vergleich. Denn aus einem Kartoffelacker kommt man viel leichter heraus als aus einer Europäischen Union. Manchmal habe ich den leisen Verdacht, dass im Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft gar nicht drinsteht, wie man aus dem vertrackten Pakt wieder herauskommt. Wo wurde verzeichnet, unter welchen Bedingungen ein Mitglied aus dem Club austreten kann?

Es ist wie mit der Liebesehe. Man rasselt in ein grosses Ding hinein, ohne zuvor geklärt zu haben, wie man heil herauskommt, wenns daneben geht. Im Krieg ist es nicht anders. Man steht verdattert in Vietnam oder im Irak und weiss nicht, wie man sich zurückziehen soll. Die Kunst des Rückzugs passt nicht in Gesellschaften, die auf Expansion und Wachstum ausgerichtet sind.

Die Reihe der Beispiele liesse sich fortsetzen. Du steigst auf einen Berg und weisst nicht, wie du wieder herunterkommst. Du meldest dich bei Facebook an, doch richtig austreten kannst du nicht, weil sie deine alten Daten behalten.

Der neueste Zug, der nicht mehr rückwärts fährt, heisst Blockchain. Diese Technologie erlaubt Transaktionen ohne Mittler. Bank, Notar und Aufsichtsbehörden werden überflüssig, wenn Millionen von Teilnehmern eine Kopie der jeweiligen Transaktion bei sich speichern. Die Daten, etwa Verträge, liegen weltweit bei allen «Blockchain-Mitgliedern».

Positiv gesagt: Eine dritte, eine zentrale Instanz ist unnötig, um die Integrität einer Transaktion zu bestätigen. Negativ gesagt: Alle Beteiligten wissen alle Transaktionen aller Beteiligten; verschlüsselt zwar – aber wie lange noch? Bei Blockchain mitmachen kann jeder, aufhören auch. Aber alle Transaktionen bleiben auf ewig bei den anderen verzeichnet.

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffel, das geht immer. Aber dabei bleibt immer auch Schmutz hängen. Atomkraftwerke ja, Atomkraftwerke nein. Aber der gefährliche Müll bleibt.

Die Entscheidungen in einer vernetzten, hochtechnologisierten Welt sind weitreichender, riskanter und schwerer abschätzbar als vor fünfzig Jahren. Es ist realistisch, schon beim Einstieg an den Ausstieg zu denken. Wie könnte das gehen: Ausstieg aus dem Beruf; Ausstieg aus der EU; Ausstieg aus dem Plastik-Wahn; Ausstieg aus Kernenergie, Kohle und Öl; Ausstieg aus der Geldvermehrungslogik.

Immer nur Ausstieg und Aufhören? Auch das Anfangen ist toll. Es trägt weit. Hermann Hesse wusste: «Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.» Hesse war ein typischer Aussteiger.

Basler Zeitung

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