«Beunruhigend ist die Spirale von Aktionen und Gegenreaktionen»

Die Nato und Russland gefährden den Frieden, schreibt ein Thinktank und sorgt damit weltweit für Schlagzeilen. Gegenüber baz.ch/Newsnet nimmt der Autor Stellung.

Nur eine Übung: Eine russische Soldatin während des Trainings für eine Flottenparade in Wladiwostok. (24. Juli 2015)

Nur eine Übung: Eine russische Soldatin während des Trainings für eine Flottenparade in Wladiwostok. (24. Juli 2015)

(Bild: Reuters)

Luca De Carli@tagesanzeiger

27 Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge, U-Boote und mehrere Hundert Soldaten. Heute beginnt im Japanischen Meer eine grosse gemeinsame Militärübung von China und Russland. Gleichzeitig läuft in Europa das grösste Luftwaffenmanöver der USA und seiner westlichen Verbündeten seit dem Ende des Kalten Kriegs. Beteiligt sind rund 5000 Soldaten aus elf Nato-Staaten. Die beiden Manöver finden in einem heiklen Umfeld statt. China ist mit Japan und seinen südostasiatischen Nachbarn in diverse Streitigkeiten um Inseln verwickelt. In Europa ist wegen des Kriegs in der Ostukraine das Verhältnis zwischen Russland und der Nato sehr angespannt.

Der britische Thinktank European Leadership Network hat die jüngsten Militärmanöver Russlands und der Nato analysiert. Er kommt zum Schluss, dass die Manöver beider Seiten zuletzt deutlich grösser geworden seien und deutlich häufiger durchgeführt würden. Das sei eine «gefährliche Dynamik». Russland bereite sich auf einen Konflikt mit der Nato vor, die Nato auf eine mögliche Konfrontation mit Russland. Das Risiko einer Eskalation sei gestiegen.

Der kurze Bericht des Thinktanks sorgte in den letzten Tagen in den internationalen Medien für Schlagzeilen. Die Nato reagierte umgehend. Sprecherin Carmen Romero bezeichnete das Fazit des Berichts als falsch.

Auf baz.ch/Newsnet nimmt nun Thomas Frear, der Autor des umstrittenen Berichts, Stellung:

Der Bericht, den Sie letzte Woche veröffentlicht haben, hat ein grosses Echo in den internationalen Medien ausgelöst. Überrascht?
Die Reaktion der Medien war nicht überraschend. Wir haben ähnliche Erfahrungen mit anderen Berichten gemacht, die wir in den letzten Monaten publiziert haben. Überraschend war dagegen die Reaktion der Nato.

Die kam sehr schnell und war ziemlich scharf.
Die Nato hat uns vor allem vorgeworfen, wir würden den Umfang ihrer Manöver und jener Russlands gleich bewerten. Was so allerdings nicht im Bericht steht. Wir haben primär die Ziele der Manöver verglichen und klar geschrieben, dass die russischen Manöver in der Regel viel grösser seien. Auch haben wir festgehalten, dass Russland sich sehr unverantwortlich verhalten habe und anders als die Nato seine Manöver nicht immer im Voraus angekündigt habe.

Aber es ist eine Tatsache, dass sowohl die Nato als auch Russland die Zahl und die Grösse ihrer Manöver nach oben angepasst haben.
Ja. Was uns am meisten beunruhigt, ist die Spirale von Aktionen und Gegenreaktionen, die in Gang gesetzt worden ist. Vor allem weil gleichzeitig im Grenzgebiet zwischen der Nato und Russland in den letzten Monaten grundlegende Änderungen passiert sind.

Es gibt aber auch die Sicht, dass das Demonstrieren von Stärke ein Weg sei, um Kriege zu verhindern. Das sagt zum Beispiel die Nato.
Wir bestreiten nicht, dass Übungen und eine gute Vorbereitung sinnvoll sein können. Sie müssen aber von einem entsprechend intensiven Dialog begleitet werden für den Fall, dass etwas schiefläuft. Das ist nicht geschehen.

Heute startete eine grosse Militärübung von Russland und China im Japanischen Meer. Sehen Sie Parallelen zur Entwicklung in Europa?
Man sollte vorsichtig damit sein, Parallelen zu benennen. Die Entwicklung in den beiden Regionen ist ganz anders. Der russische Beitrag zum Manöver im Japanischen Meer ist zum Beispiel viel kleiner als Übungen im atlantischen Raum. Der Fokus Russlands liegt ganz klar auf dem atlantischen Raum und der Nato.

Also ist die Zunahme der Militärmanöver kein globales Phänomen?
Wir beobachten diese Entwicklung vor allem im Grenzgebiet zwischen der Nato und Russland. Russland ist aus Kapazitätsgründen derzeit zudem gar nicht in der Lage, seine Aktivitäten in mehreren Regionen gleichzeitig auszuweiten.

Trotzdem haben mit Russland, China und den USA alle drei grossen Akteure in den letzten Monaten ihre Militärstrategien angepasst. China und Russland sehen beide die USA als grösste Gefahr. Die USA erwähnen sowohl Russland als China. Der Tonfall scheint deutlich aggressiver.
Es ist nicht unüblich, dass sich die grössten militärischen Akteure der Welt gegenseitig in Militärdoktrinen oder Strategiepapieren erwähnen. Entscheidend für die Verhinderung von Konflikten ist, dass die Möglichkeiten zum Dialog ausgebaut werden. Zwischen der Nato und Russland wurde genau dafür ein Gremium gegründet, der Nato-Russland-Rat. Seit dem Ausbruch der Krise in der Ukraine funktioniert der Rat aber nicht mehr.

baz.ch/Newsnet

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