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Produziert China bald die besseren Waffen?

Eine jährliche Analyse der militärischen Kräfteverhältnisse zeigt: China wird zur neuen Supermacht. Und für Europa bleibt Russland eine Bedrohung.

Moderne Eigenentwicklung: Der chinesische J-20-Kampfjet an einer Flugshow (1. November 2016).
Moderne Eigenentwicklung: Der chinesische J-20-Kampfjet an einer Flugshow (1. November 2016).
Stringer, Reuters

Militärforscher in London haben davor gewarnt, dass der Westen seine traditionelle Vorherrschaft in der Waffentechnologie einbüssen könnte. Insbesondere Chinas rapide Aufrüstung auf dem Wasser und in der Luft wird vom Internationalen Institut für Strategische Studen (IISS) als wachsende Herausforderung für die USA gesehen.

Die rasche Entwicklung hocheffizienter Waffensysteme durch die Chinesen und durch andere «aufstrebende» Staaten sowie deren Verkauf und Stationierung in aller Welt schaffe ausserdem ganz neue Sicherheits-Probleme, meinen die IISS-Experten in ihrem «Jahrbuch zur militärischen Balance» auf der Erde: «Für westliche Staaten und ihre Partner wächst stetig das Risiko, sich an mehr Stellen als früher hochentwickelten Offensivwaffen gegenüber zu sehen.»

Zwar räumt auch das Nato-nahe Institut ein, dass die USA noch immer die mit Abstand stärkste Militärmacht sind auf dem Planeten. Die jährlichen Militärausgaben der Vereinigten Staaten liegen mit rund 605 Milliarden Dollar viermal so hoch wie die Chinas und zehnmal so hoch wie die Russlands.

Insgesamt verlagere sich das Gewicht der Rüstungs-Bemühungen aber merklich nach Asien, wo die Militärausgaben in den letzten vier Jahren um 5 bis 6 Prozent im Jahr gestiegen seien, meldet das IISS. Nachdem China Europa vor vier Jahren schon als Region mit den zweithöchsten Militärausgaben in der Welt überholt habe, lägen die chinesischen Ausgaben mittlerweile um fast ein Drittel über denen der Europäer.

China forciert laut IISS vor allem fortgeschrittene Waffentechnologien und den Ausbau seiner Kriegsflotte. Allein die chinesische Küstenwache ist inzwischen offenbar stärker als ganze Kriegsflotten benachbarter Staaten.

Verliert der Westen die Überlegenheit?

Generell stehe jedenfalls «die technologische Vorherrschaft des Westens, wie sie uns einmal selbstverständlich war, zunehmend in Frage», meinte am Dienstag Instituts-Direktor John Chipman. «Wir gehen davon aus, dass China auf manchen Gebieten, besonders im Bereich des Luftkampfs, jetzt fast schon mit dem Westen gleichgezogen hat.»

Ein von chinesischen Kampfflugzeugen verwendeter neuer Typ von Raketen, der möglicherweise auf eine Reichweite von 300 Kilometern komme, habe sogar «kein westliches Gegenstück», erklärte der IISS-Chef. Ausserdem baue China intensiv seine ureigene Forschung und Waffenentwicklung sowie den Export seiner modernen Systeme aus. Die Weitergabe hochentwickelter Systeme an andere Staaten aber «kompliziere» enorm die Operationsfährigkeit westlicher Piloten – zumal Staaten, die bisher keine solche Waffen aus dem Westen kaufen konnten, sie nun «aus nicht-westlichen Quellen» erwerben können.

Während Polen und die baltischen Staaten die US-Truppen begrüssen, gab es in Deutschland Proteste (9. Januar 2017).
Während Polen und die baltischen Staaten die US-Truppen begrüssen, gab es in Deutschland Proteste (9. Januar 2017).
Ralf Hirschberger, Keystone
Ein Teil der Fahrzeuge wartet immer noch in Bremerhaven auf den Transport in Richtung Osten: US-Panzer und Blackhawk-Helikopter (11. Februar 2017).
Ein Teil der Fahrzeuge wartet immer noch in Bremerhaven auf den Transport in Richtung Osten: US-Panzer und Blackhawk-Helikopter (11. Februar 2017).
Ingo Wagner, Keystone
Zum militärischen Gerät zur Stärkung der Nato-Ostflanke gehören auch Transporthubschrauber des Typs Chinook (14. Februar 2017).
Zum militärischen Gerät zur Stärkung der Nato-Ostflanke gehören auch Transporthubschrauber des Typs Chinook (14. Februar 2017).
Ingo Wagner, Keystone
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Russland bleibt für Europa das Hauptproblem: Die Nato rüstet deshalb an der Ost-Flanke auf.

Dass unterdessen für viele europäische Nationen Russland das «Haupt-Sicherheitsproblem» bleibt: Daran haben die Militärexperten des IISS keinen Zweifel. In Syrien und der Ukraine demonstriere Moskau ja ganz offen seine militärische Potenz. Den Russen gelte ein solcher Militäreinsatz offenbar auch als Beweis dafür, dass «ein erneut mächtiger Staat wieder über Mittel verfügt, wie sie vorher nur der Westen besass».

Überall in Europa habe das zur Frage geführt, «ob europäische Truppen-Reduktionen in der Vergangenheit zu weit gegangen sind – und ob die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte», berichtet das IISS-Jahrbuch. Immerhin sei die Aktiv-Stärke der Streitkräfte Frankreichs, Deutschlands, Italiens und des Vereinigten Königreichs in den zwanzig Jahren seit 1996 von 1,3 Millionen auf 716'000 gefallen.

Auch die zunehmende Bereitschaft zur Erhöhung nationaler Verteidigungsbudgets in Europa deutet das Militär-Institut als Folge wachsender Unruhe. In diesem Punkt löste Chipman am Dienstag einen kleinen Eklat in London aus.

Er legte Berechnungen vor, denen zufolge nur zwei europäische Nato-Staaten - Griechenland und Estland – mehr als 2 Prozent ihres Bruttonationalprodukts für Verteidigungszwecke aufwenden. Sogar Grossbritannien haben mit 1,98 Prozent die Nato-Zielvorgabe knapp verpasst, ermittelte das IISS.

Dies löste scharfe Proteste aus im britischen Verteidigungsministerium, das auf 2,2 Prozent kommt, weil es Veteranen-Renten, humanitäre Operationen und andere «Verteidigungskosten» einrechnet. Für London wäre es beschämend, die Zielvorgabe nicht erreicht zu haben: Immerhin hat Premierministerin Theresa May, zuletzt im Weissen Haus an der Seite Donald Trumps, wiederholt «säumige» Nato-Partner aufgefordert, ihrer Pflicht nachzukommen und dem guten britischen Beispiel zu folgen an der Verteidungsfront.

Appell zur Einigkeit

Generell empfahl das IISS, sich besser an andere Zielvorgaben zu halten – etwa daran, dass 20 Prozent aller nationalen Verteidigungsausgaben für die Modernisierung alter Systeme und für neue Waffen, aufgewendet werden sollten. Besorgnis äusserte das Institut ausserdem zu den neuen «populistischen Bewegungen» im Westen, zu Donald Trump und zum Bruch Britanniens mit der EU.

Der Brexit-Beschluss und Trumps Wahlkampf-Rhetorik hätten neue Unsicherheiten geschaffen und gefährdeten potenziell internationale Kooperation und die industrielle Zusammenarbeit des Westens im Militärbereich. Zu einer Zeit, in der die Welt «schrumpfe», weil überall immer neue Waffensysteme und Bedrohungen auftauchten, sei es umso wichtiger, eng zusammen zu arbeiten – «und sich nicht in einen militärischen und industriellen Nationalismus zurück zu ziehen».

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