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Pakistans falscher Heilsbringer

Die Bhuttos sind wieder an der Macht: Von Asif Ali Zardari, dem Witwer Benazir Bhuttos, erwartet Pakistan nun zuerst Sanft- und Grossmut. Doch ist er dazu fähig?

Er soll Wunden heilen: Zardari, der neue Präsident Pakistans.

Ein Land sehnte sich nach einem Heiler, einem Retter, einem «Messias» gar, wie die pakistanischen Zeitungen in den vergangenen Tagen schrieben - fast alle, in seltenem Einklang. So gross war im Volk der Wunsch nach einem Präsidenten, der Brücken schlagen würde über die vielen Gräben, die durch Pakistan gehen. Der die Wunden pflegen würde, die eine lange Militärherrschaft und eine blutige Terrorkampagne geschlagen haben.

Gefordert war ein unparteiischer Konsenskandidat, eine moralisch integre Persönlichkeit, einer, der einem verzweifelten Volk wieder Hoffnung machen könnte. Gebracht haben die Appelle nichts: Das pakistanische Parlament hat am Samstag mit grosser Mehrheit Asif Ali Zardari zum Nachfolger von Pervez Musharraf gewählt.

Die Aura der Bhuttos

Ausgerechnet. Zardari ist ein kontroverser und unbeliebter Politiker - wahrscheinlich der unbeliebteste überhaupt im ganzen Land. Keiner polarisiert mehr als er. Keiner hat einen schlechteren Ruf und einen dubioseren Leumund. Er gilt als impulsiv, als Mann mit harter Hand. Und als rachsüchtig nach elf Jahren Haft. Dass er nun trotzdem gewählt wurde, liefert ein eloquentes Beispiel dafür, wie feudalistisch und dynastisch Pakistans Politik noch immer funktioniert: Asif Ali Zardari ist der Witwer Benazir Bhuttos, zweifache Premierministerin in den 90er-Jahren, die wiederum die Tochter von Zulfikar Ali Bhutto war, Premier und Präsident in den 70er-Jahren. Zardari setzt gewissermassen die Erblinie fort.

Natürlich wäre es der Volkspartei, der Partei der Bhuttos, lieber gewesen, einen «echten Bhutto» zum Präsidenten zu machen. Doch Bilawal Bhutto Zardari, der erstgeborene Sohn des Paars, ist erst 20 und studiert in Oxford. Als der Vater gewählt war, skandierten die Vertreter der Volkspartei im Parlament «Lang lebe Bhutto» und «Bibi lebt». Noch kann er damit leben, der neue Präsident. Er posierte in den vergangenen Monaten immer neben Bildern Benazir und Zulfikar Bhuttos, sonnte sich in der Aura des grossen Namens. Die Sympathie für die Bhuttos war sein Sprungbrett an die Macht.

Das Land wartet auf Signale

Was macht er daraus? Zardari erbt von Musharraf Amt, Verfassung und Kompetenzfülle eines Herrschers nur eben als ziviler Präsident. Er kann den Premierminister entlassen, das Parlament auflösen. Er bestimmt die Hierarchie der Armee, nominiert die Spitzen der Geheimdienste. Und er wacht über das Nukleararsenal. Das ist viel Macht, viel zu viel für einen allein. Vor der Wahl versprach Zardari, er würde die Balance zwischen den Mächten wiederherstellen und die Rolle des Parlaments und des Premierministers aufwerten. Das wäre ein ebenso starkes wie unwahrscheinliches Signal. Zardari hat in der jüngsten Vergangenheit viele grosse Versprechungen gemacht und mit Verve vorgetragen, um sie später mit einem knappen Schulterzucken zu brechen.

Eine weitere starke Geste zum Amtsantritt wäre, wenn er nun doch all jene Richter wieder zurück in ihr Amt führen würde, die Musharraf entlassen hatte. Als demokratisch gewählter Präsident muss er sich nicht mehr wirklich fürchten vor ihnen, seine Prozesse wegen Korruption sind amnestiert - es wäre also eine recht billige Grossmut. Doch in Pakistan warten alle auf Signale dieser Art. Auf eine Entspannung an allen Fronten: im Kampf gegen den Terrorismus, in der Kraftprobe gegen die Extremisten in den Stammesgebieten, im Streit mit den Amerikanern.

«Präsident oder Cäsar?»

Alles leidet unter der Gewalt und der scheinbaren Ausweglosigkeit, ganz besonders die Wirtschaft. Die Börse in Karachi verlor in wenigen Monaten 400 Prozent ihres Wertes. Die Inflationsrate Pakistans beträgt 25 Prozent. Selbst Grundnahrungsmittel sind für viele unerschwinglich teuer. Es mangelt dramatisch an Getreide. Und an Strom. Islamabad ist auf ausländische Finanzhilfe angewiesen. Zardari steht vor einem Berg von Problemen.

«Präsident oder Cäsar?», fragte «The Nation» in ihrem Kommentar zur Wahl. Zardaris Freunde beteuern, er sei geläutert. Die Zeit in der Haft und der Tod seiner Frau hätten ihn verändert, hätten seinen Sinn für Gerechtigkeit geschärft - und angeblich auch die Liebe für das Land. Vielleicht überrascht er ja alle seine vielen Kritiker. Es wäre Pakistan zu gönnen. Und der ganzen Welt gleich mit.

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