«Neue Phase des globalen IS-Terrors»

Eben noch galt der Islamische Staat als besiegt. Die Anschläge von Sri Lanka deuten auf eine Wiederkehr der Terror-Miliz hin, warnt ein Experte.

Terroranschläge fordern über 300 Tote: Mehrere Explosionen in Hotels und christlichen Kirchen erschütterten Sri Lanka am Ostersonntag. Video: Reuters, AFP, Storyful
Vincenzo Capodici@V_Capodici

Der Islamische Staat (IS) hat die Anschlagsserie in Sri Lanka mit mehr als 320 Toten für sich reklamiert. Noch bevor das IS-Propaganda-Sprachrohr Amaq die Bekennernachricht verbreitete, hatte der in Asien bekannte Terror-Experte Rohan Gunaratna in ersten Einschätzungen die Jihadisten-Miliz IS als Drahtzieherin der Terrorattacken benannt. Gunaratna ist Professor für Sicherheitsstudien an der Nanyang Technology University in Singapur. Zudem gilt er als ausgewiesener Sri-Lanka-Kenner.

Ein lokaler Ableger des IS habe die Anschläge in Sri Lanka ausgeführt, schreibt Gunaratna in einem Meinungsartikel, der auf dem Newsportal der «South China Morning Post» erschien. Die akribisch geplanten und koordinierten Terroranschläge zeigten, dass «der IS in eine neue Phase der globalen Expansion eingetreten ist.»

Bilder: Anschläge in Sri Lanka

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Die Einschätzung Gunaratnas steht im Gegensatz zu den Verlautbarungen von führenden Politikern im Westen, wie zum Beispiel US-Präsident Donald Trump, der noch unlängst behauptet hatte, dass der IS besiegt sei. Letzten Monat verlor der IS im syrischen Baghuz sein letztes Territorium. Erledigt ist er aber noch lange nicht. Ganz im Gegenteil, wie Gunaratna zu bedenken gibt: «Was in Sri Lanka passiert ist, deutet auf eine Wiederkehr des IS hin. Der IS will mit aller Macht gegen die Welt ankämpfen.»

Die Regierung von Sri Lanka hat die bisher wenig bekannte islamistische Gruppe National Thowheeth Jama'ath (NTJ) für die Selbstmordanschläge vom Sonntag verantwortlich gemacht. Die NTJ habe die Attacken allerdings nur mit Unterstützung eines internationalen Netzwerks verüben können, liess die Regierung weiter verlauten. Eine Meinung, die von Gunaratna und anderen Experten geteilt wird. In den jüngsten Anschlägen sieht Gunaratna «die Handschrift von militanten Gruppierungen mit Verbindungen zu internationalen Netzwerken wie der al-Qaida oder dem IS».

Vergeltung für Christchurch

Mehrere der rund 40 Personen, die von den sri-lankischen Behörden verhaftet worden seien, hätten mittlerweile ihre Nähe zum IS zugegeben, schreibt Gunaratna. Ein Auslöser der Terrorattacken auf drei Kirchen und drei Luxushotels, also Symbole der westlichen Welt, sei bestimmt der Wunsch nach Rache für Christchurch gewesen. Dort starben im März über 50 Muslime beim Moschee-Anschlag eines Rechtsextremisten. Im Bekennerschreiben des IS sind die Ziele der Anschläge klar benannt: Christen und Staatsangehörige der Länder der Koalition, die in Syrien und im Irak den IS bekämpfte.

Anschläge von Islamisten auf symbolträchtige, christliche Einrichtungen sind nicht neu für Asien. In der indonesischen Stadt Surubaya kamen letztes Jahr bei einem Anschlag auf eine Kirche 28 Menschen ums Leben. Und Anfang 2019 starben 22 Personen bei einer Terrorattacke auf eine Kathedrale in Jolo im Süden der Philippinen. In beiden Fällen sollen die Attentäter Verbindungen zu der Jihadisten-Miliz gehabt haben.

Mehrere IS-Ableger im Süden Asiens

Laut Gunaratna hat der IS im Süden Asiens ein grösseres Netzwerk aufgebaut. Ableger der Jihadisten gibt es vor allem in Südindien, auf den Malediven sowie in Sri Lanka. Ein bekannter Exponent der sri-lankischen Islamisten war Abu Shuraih Sailani, der für den IS in den Krieg zog und im Juli 2015 in Syrien ums Leben kam. Etwa 40 IS-Männer aus Sri Lanka sollen im Nahen Osten gekämpft haben, die meisten wurden getötet.

Gemäss Gunaratna hat die politische Führung von Sri Lanka den Aufstieg des IS im eigenen Land möglicherweise unterschätzt, obwohl die Sicherheits- und Geheimdienste entsprechende Informationen geliefert hatten. Nach dem Ende der Kämpfe gegen die Tamil Tigers war der Sicherheitsapparat Sri Lankas abgebaut worden. Zehn Jahre Frieden verringerten offensichtlich die Wachsamkeit der Behörden. Mit dem IS sieht sich nun Sri Lanka einer neuer terroristischen Bedrohung ausgesetzt.

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