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Kabul ist auch ein Laufsteg

In der afghanischen Hauptstadt boomen Boutiquen, Casting-Shows und Friseursalons. Die Frauen verhüllen sich in der Öffentlichkeit weiterhin, doch die jungen Männer setzen sich in Szene.

Kabul? Kabul! Eine Angestellte in einem Beauty-Salon macht Pause. (30. September 2011)
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AFP
Blonde Strähnchen sind beliebt: Ein junger Afghane richtet seine Haare. (28. Januar 2012)
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AFP
Beautysalons boomen: Gesichtsbehandlung in Kabul. (28. Januar 2012)
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AFP
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Turban, Zottelbart, weiter Kittel und als «Accessoire» eine Kalaschnikow. Das ist das Klischee des afghanischen Mannes, das die meisten Europäer im Kopf haben. Doch in Kabul hat sich das Bild längst gewandelt. Männerboutiquen und Friseursalons boomen. Röhrenjeans und westliche Haarschnitte sind bei Männern in der afghanischen Hauptstadt keine Seltenheit mehr – Vorlieben, für die sie die Tugendwächter der Taliban verprügelt oder ins Gefängnis gesteckt hätten.

«Die Männer in Kabul haben in den vergangenen Jahre eine grosse Leidenschaft für ihr Aussehen entwickelt», sagt Ali Resa, während er seinem Kunden blonde Strähnchen ins Haar sprüht. Der 25-Jährige floh nach der Machtübernahme der Taliban mit seiner Familie ins Ausland, lernte in Indien das Friseurhandwerk und betreibt heute einen Friseurladen in Kabul. «Einige Medien stellen die afghanischen Männer als wütende Leute mit langen Bärten dar», sagt Resa. «Ich wurde Stilist, um die Schönheit und das Modebewusstsein der afghanischen Männer zu zeigen.»

Die Männer setzen sich in Szene

Das Interesse an Männermode ist kein völlig neues Phänomen in Afghanistan, doch Krieg und die Herrschaft islamischer Fundamentalisten haben es lange Jahre unterdrückt. Frauen verhüllen sich in der Öffentlichkeit weiterhin – auch wenn unter manchem langen Mantel inzwischen hochhackige Schuhe und Jeans hervorlugen. Deshalb sind es in den Strassen von Kabul vor allem die Männer, die durch ihre modische Aufmachung auffallen.

«Die jungen Männer bringen Fotos von europäischen, amerikanischen und indischen Film- und Sportstars mit und wollen ihre Haare und Bärte genau so geschnitten haben», sagt der 22-jährige Sajed Mehdi, der als Stilist in einem Modeladen arbeitet. Im Geschäft liegen Modezeitschriften aus, die den Männern bei der Suche nach dem passenden Look helfen sollen.

«Ein Bart wie Wali»

Mudschtaba hat sich bei der Kleidung diesmal für ein schwarzes T-Shirt und eine aufgerissene Jeans entschieden. Der 27-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie ihn Polizisten der Taliban schlugen, weil ihnen sein damals nur leicht modischer Haarschnitt missfiel. «Dann zwangen sie mich, einen schwarzen Turban zu tragen – dabei war ich noch ein Kind», sagt Mudschtaba. Jetzt sitzt er beim Friseur. «Ich möchte einen Bart wie Wali», weist er den Friseur an und bezieht sich auf den im Ausland lebenden afghanischen Popstar. «Was Mode angeht, wollen wir den Europäern und Amerikanern nicht nachstehen.»

Während der Süden und Osten Afghanistans unter dem Aufstand der Taliban leidet, ist die Lage in der Hauptstadt und anderen grösseren Städten im Norden und Westen des Landes relativ sicher. Dort floriert das Geschäft mit der Mode.

Tausende wollten zur Casting-Show

Sajed Abdullah importiert die neuesten Modetrends aus dem Ausland, um die Kundschaft seines Kabuler Ladens zufrieden zu stellen. «Die jungen Frauen und Männer wollen die modernsten Marken, wenn sie Jeans, Hemden und Kleider kaufen», sagt er, während er einer Gruppe junger Männer eine Röhrenjeans zeigt. Abdullah hatte seinen Laden bereits, als noch die Taliban in Kabul herrschten. Damals durfte er nur die traditionelle Männerkluft – langes Hemd, weite Hose und Turban – verkaufen. «Der Wandel seither ist enorm.»

2009 wurde Mode auch im afghanischen Fernsehen zum grossen Thema – in einer Serie ähnlich «Germany's Next Top Model». «Wir fragten die Leute, ob sie teilnehmen wollten, um ihre Klamotten und ihren Stil vorzustellen», sagt Naseer Ahmed Noori. Der 25-Jährige sass zusammen mit seiner Frau in der Jury der Sendung. Die Reaktion auf den Aufruf überraschte ihn: Tausende meldeten sich, vor allem Männer. Widerstand kam aus dem Klerus, die Serie wurde abgesetzt, soll aber noch in diesem Jahr wieder aufgenommen werden.

Männer wie Mullah Nakibullah dagegen sehen die Entwicklung kritisch. «Es ist beschämend, zu sehen, wie unsere Männer sich wie Amerikaner oder andere Ungläubige kleiden», sagt der Mann mit dem Turban auf dem Kopf wütend. Er trinkt gerade Tee gegenüber von Resas Friseurladen. «Diese Kleidung ist absolut unislamisch und widerspricht unseren Werten. Sie sollten bestraft werden, damit sie sich wieder daran erinnern, dass sie Afghanen und Moslems sind», sagt er und nimmt einen Schluck. «Die Taliban hätten schon gewusst, was mit ihnen zu tun ist!»

AFP/kle

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