Indien «Singht» den Blues

Das serbelnde Wirtschaftswunder Indien stagniert und das Image von Premierminister Manmohan Singh leidet. Besserung soll ausgerechnet der neue Staatschef bringen, der zuletzt als Finanzminister scheiterte.

Planen gemeinsam die Zukunft: Premierminister Manmohan Singh (mitte) und der neue Staatschef Pranab Mukherjee. Rechts Sonia Ghandi, Präsidentin der derzeit regierenden Indischen Kongresspartei. (Archivbild)

Planen gemeinsam die Zukunft: Premierminister Manmohan Singh (mitte) und der neue Staatschef Pranab Mukherjee. Rechts Sonia Ghandi, Präsidentin der derzeit regierenden Indischen Kongresspartei. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Es ist noch nicht lange her, dass Indien als eines der aufstrebendsten Wirtschaftsländer der Welt galt. In den ersten drei Monaten dieses Jahres erfolgte jedoch ein Dämpfer. In dieser Zeit stieg das Bruttosozialprodukt (BIP) nur noch um 5,3 Prozent. Das ist wenig im Vergleich zu den vorherigen Jahren. Bis ins Jahr 2010 wuchs das BIP des Landes stets im zweistelligen Bereich. Nun aber stagnieren die Zahlen und die Ratingagentur Standard & Poor's warnte letzten Monat in einem Bericht, dass Indien der erste «gefallene Engel» unter den vier Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) werden könnte.

Die Schuldigen sind schnell ausgemacht: Die indische Regierung gilt schon länger als kritischer Faktor, weil es ständig zu Streitereien zwischen den Parteien kommt. Zudem wird ihre Arbeit durch Korruptionsskandale gelähmt. Für die führende Kongresspartei wird es immer schwieriger, ihre Koalitionspartner an Bord zu halten.

Das Image von Singh leidet

Unter der Wirtschaftsflaute leiden nicht nur die 1,2 Milliarden Inder, sondern auch der Ruf des einst geschätzten Premierministers Manmohan Singh. Der 79-Jährige ist seit 2004 im Amt und erlöste in dieser Zeit viele Inder aus der Armut. Doch ein Korruptionsskandal im Jahr 2010 und der nun stockende Wirtschaftsmotor könnten seine Regierungsbilanz erheblich trüben.

Besserung erhofft er sich vom neuen Staatschef, der morgen gewählt wird. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird der Polit-Veteran und bisherige Finanzminister Pranab Mukherjee Nachfolger von Prathiba Patil, die das vor allem repräsentative Amt fünf Jahre lang ausübte. Obwohl die Ergebnisse der Abgeordneten-Wahl erst am Sonntag bekanntgegeben werden, dürfte sein Sieg nicht mehr gefährdet sein: Dem Nachrichtensender CNN-IBN zufolge kann Mukherjee auf 67 Prozent der Stimmen zählen.

Schlechter Finanzminister, guter Staatschef?

Neuer Staatschef soll nun ausgerechnet einer werden, der als Finanzminister eine äussert trübe Bilanz aufweist. Die indische «Business Today» bezeichnete ihn gar als «schlechtesten Finanzminister der Geschichte Indiens». Doch vielleicht fühlt sich Mukherjee im Amt des repräsentierenden Staatschefs besser aufgehoben. Zumal der 76-Jährige seinen Job als Finanzminister im Juni extra aufgegeben hatte, um bei der Wahl anzutreten.

Von ihm, der als vermittelnde Persönlichkeit gilt, wird eine aktivere Rolle erwartet. Experten schreiben ihm eine wichtige Aufgabe bei der Regierungsbildung der zerstrittenen Parteien nach den Parlamentswahlen im Jahr 2014 zu, bei denen Umfragen zufolge keine klaren Mehrheiten zu erwarten sind.

«Friedensstifter» in einer «turbulenten Zeit»

Mukherjee müsse dann seine Verhandlungskunst unter Beweis stellen und die Rolle des «Königmachers» spielen, sagte der Autor und politische Experte T.K. Tripathi. Ein weiterer Experte bezeichnet ihn als «Friedensstifter» in einer «turbulenten Zeit».

Indiens Präsident wird für fünf Jahre von einem Gremium gewählt, das sich aus Vertretern der beiden Parlamentskammern und Abgesandten der Parlamente in den Bundesstaaten zusammensetzt. Prathiba Patil war die erste weibliche Staatschefin Indiens und galt als eher unauffällige Politikerin.

mrs

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