Im Tal der Taliban

Hintergrund

Das gekidnappte Berner Paar reiste im VW-Bus durch einen pakistanischen Landstrich, der eine Hochburg der militanten Islamisten ist. Entführungen und Erpressungen gehören zu ihrem Tagesgeschäft.

Einer der gefährlichsten Regionen der Welt: US-Soldaten überblicken das pakistanische Waziristan-Tal von der afghanischen Seite der Grenze.

Einer der gefährlichsten Regionen der Welt: US-Soldaten überblicken das pakistanische Waziristan-Tal von der afghanischen Seite der Grenze.

(Bild: AFP)

Von oben sieht alles friedlich aus. Zerklüftet ist die Landschaft, die Berge sind von grünen Tälern durchzogen. Kilometerweit, so scheint es, lebt hier niemand. Aber dann ist auch mal eine Hütte zu sehen, ein Schäfer mit seiner Herde, eine kleine Siedlung. Aus der Luft offenbart sich die raue Schönheit des pakistanisch-afghanischen Grenzgebiets, das oftmals als die «gefährlichste Region der Welt» bezeichnet wird. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, hier gelten alte Traditionen noch immer mehr als Gesetze, hier reicht der Arm des pakistanischen Staates nicht weit.

Halb autonom ist das Wort, das meist für diese sogenannten Stammesgebiete benutzt wird, aber tatsächlich sind weite Teile jenseits des Einflusses der Regierung in Islamabad. Die Stammesältesten bestimmen die Regeln. Nicht selten sind es auch die Regeln der Taliban, die hier genau wie Al-Qaida-Terroristen zentrale Rückzugsgebiete haben.

Transitroute des Drogenhandels

In einen Teil dieser Region, nach Süd-Waziristan, soll das entführte Schweizer Paar aus dem Kanton Bern von Entführern gebracht worden sein, auch wenn die Informationslage fast eine Woche nach der Tat noch immer nicht eindeutig ist. Sie waren in einer Region unterwegs, vor der die Schweizer wie auch alle anderen westlichen Regierungen eindringlich warnen: in der Provinz Belutschistan, in deren Hauptstadt Quetta die afghanischen Taliban ihren höchsten Entscheidungsrat, die Quetta-Shura, etabliert haben sollen.

Die beiden Entführten, Daniela W., 28, und David O., 31, sind ausgebildete Polizisten. Sie waren auf Ferienreise in einem zum Wohnmobil umgebauten VW-Bus unterwegs und befanden sich auf dem Weg von Indien in den Iran. Ihr letzter bekannter Aufenthaltsort war den pakistanischen Behörden zufolge im Distrikt Loralai, der etwa 200 Kilometer von Quetta entfernt ist. Belutschistan ist nach westlicher Überzeugung nicht nur Heimat für die Führung der afghanischen Taliban, sondern auch eine Region, in der Separatisten einen vom Ausland wenig beachteten Unabhängigkeitskampf führen. Sie wollen die Loslösung der Provinz von Pakistan erzwingen. Offizielle in Islamabad werfen Indien immer wieder vor, die Aufständischen zu unterstützen, was Indien jeweils empört zurückweist.

Entführer fordern Löseeld oder Personentausch

Die Provinz Belutschistan grenzt an Afghanistan und den Iran, durch sie verläuft eine Transitroute für den Drogenschmuggel. In den Dörfern sorgen nicht Polizisten, sondern Milizionäre für die Sicherheit. Für die Entführung des Berner Paars haben die Taliban die Verantwortung übernommen. Ein Sprecher betonte, die beiden seien nach Süd-Waziristan gebracht worden, die genauen Forderungen sollten noch bekannt gegeben werden. Es gehe um Lösegeld oder einen Austausch inhaftierter Gesinnungsgenossen. Trotz dieser Worte ist nicht auszuschliessen, dass Kriminelle das Paar entführt und an die Taliban weitergegeben haben.

Kidnapping, mehr um Geld zu erpressen, als um politische Forderungen durchzusetzen, ist in dieser Region weit verbreitet – meist sind wohlhabende Pakistaner im Visier der Kriminellen. Dass die Taliban gezielt zwei Schweizer Staatsbürger entführten, um im Gegenzug Gesinnungsgenossen vom pakistanischen Staat freizupressen, scheint extrem unwahrscheinlich. Der eidgenössische Einfluss in der Region ist zu gering, als dass die Geiseln ein geeignetes Druckmittel für Verhandlungen der Islamisten mit der Regierung in Islamabad wären.

Von einem Trio überfallen

Es ist das erste Mal, dass Schweizer in Pakistan entführt worden sind. Das Paar soll, so berichten Augenzeugen, von drei Männern überfallen worden sein. Es kam offenbar zu keinem Kampf, auch das Bargeld der Schweizer soll in dem VW-Bus noch gefunden worden sein. Die pakistanischen Behörden senden unterschiedliche Signale aus. Ein Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI sagt auf Nachfrage, er wisse nicht, wer hinter der Entführung stecke, auch nicht, wo sich die Geiseln befänden.

Die pakistanische Zeitung «Daily Times» berichtete Anfang der Woche, der Sicherheitsapparat in Belutschistan tappe im Dunkeln. Es sei nichts Genaues über den Aufenthaltsort der Geiseln bekannt, sagte ein Beamter der Zeitung. Die Suchmassnahmen seien verstärkt worden, aber die Aussichten, sie zu finden, seien in dieser Region überaus gering. Eine Operation zur Befreiung durch die pakistanischen Sicherheitskräfte dürfte nicht infrage kommen. Es bleibt eine mögliche Lösung auf dem Verhandlungsweg, aber «so etwas kann sich extrem in die Länge ziehen», wie ein einheimischer Sicherheitsexperte sagt.

Poröse Grenze zu Afghanistan

Eine pakistanische Zeitung zeigte den Führerschein der Entführten und den Ausweis des Mannes. Beide Dokumente sollen auf einer Polizeistation in Quetta präsentiert worden sein. Nach Angaben des Innenministers von Belutschistan ist das Paar in die Stammesgebiete gebracht worden. Der Minister forderte die örtliche Bevölkerung zur Hilfe bei der Aufklärung auf. An wieder anderer Stelle hiess es, vielleicht seien die beiden inzwischen aber auch nach Afghanistan gebracht worden. Denn die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan ist eine koloniale Hinterlassenschaft, die unkontrollierbar ist und mitunter quer durch Dörfer verläuft.

Für die Menschen hier, mehrheitlich Paschtunen, die zwar nicht allesamt Taliban sind, aus deren Mitte die Taliban aber ihre Kämpfer rekrutieren, ist die Markierung bedeutungslos. Sie pendeln hin und her, was für die Internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) ein Problem darstellt: Die Kämpfer der afghanischen Taliban können sich problemlos nach Pakistan zurückziehen.Wie kein zweites Land ist Pakistan im Zentrum des Kampfes gegen den Terrorismus – und sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung. Als die Taliban in Afghanistan an der Macht waren, pflegte Islamabad auch auf offizieller Ebene beste Beziehungen zu den Islamisten. Schon lange zuvor unterhielt das Land Verbindungen zu religiös motivierten Kämpfern, die unter anderem über die Stammesgebiete Afghanistan infiltrierten – ähnlich, wie es heute die Taliban tun. Gepäppelt von der CIA war Pakistan zu Zeiten der sowjetischen Besatzung Afghanistans in den Achtzigerjahren Dreh- und Angelpunkt der Bemühungen, die Rote Armee am Hindukusch zu demütigen.

In Pakistan, vor allem in den Stammesgebieten, tummeln sich zahlreiche extremistische Gruppen, die in Kaschmir gegen Indien kämpfen. Der Urkonflikt zwischen den beiden Nachbarländern um die Himalaja-Region beherrscht die aussenpolitische Grundhaltung Pakistans: Es will sich gegen Indiens vermeintliche Übermacht durchsetzen. Das pakistanische Sicherheitsestablishment ist überzeugt, dass Indien ihr muslimisches Land kleinhalten oder gar zerstören will. Auch wenn es dafür wenig Anzeichen gibt, so wird Pakistans Angst doch durch Indiens massives finanzielles Engagement in Afghanistan befeuert. Eingequetscht wie ein «Sandwich» zu sein – mit Indien an der Ostgrenze und grossem Einfluss in Afghanistan – ist der sicherheitspolitische Albtraum Pakistans.

Islamabads Doppelspiel

Um seine Interessen in Afghanistan gewahrt zu sehen, setzt die pakistanische Regierung für die vom Westen so herbeigesehnten Friedensverhandlungen am Hindukusch auf ihre vermeintliche Trumpfkarte: steuerbare Taliban. «Die Amerikaner sind Vergangenheit, die Taliban die Zukunft in Afghanistan», sagt etwa der frühere ISI-Chef Hamid Gul und beschreibt damit – auch wenn er nicht mehr offiziell für den Geheimdienst spricht – die Motivation des pakistanischen Sicherheitsestablishments, nicht alle Extremisten gleichermassen zu bekämpfen.

Militante werden in Pakistan denn auch nach wie vor in zwei Gruppen unterteilt: eine Fraktion, die den pakistanischen Staat herausfordert, und eine Fraktion, die pakistanische Interessen in Afghanistan vertreten soll, wenn die Internationale Schutztruppe abgezogen sein wird. So ist es erklärbar, dass Pakistan einerseits zahlreiche Operationen gegen die Militanten durchgeführt hat, andere Gruppen aber verschont.

30'000 Tote in zehn Jahren

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 und Pakistans offiziellem Umschwenken auf eine Unterstützung des amerikanischen Anti-Terror-Kampfs sind in dem Land mehr als 30?000 Menschen getötet worden – Zivilisten, die bei Attacken gegen öffentliche Einrichtungen ums Leben kamen, Soldaten, Polizisten und Angehörige des Grenzkorps.

Der pensionierte pakistanische General Talat Massoud, der in seinen Zeitungskolumnen immer wieder vor der existenziellen Bedrohung warnt, die von den Taliban ausgeht, nennt es ein «Spiel mit dem Feuer», zwischen Islamisten zu unterscheiden, die dem Staat angeblich nutzen, und denen, die ihm schaden. «Die Geisteshaltung ist die gleiche, egal ob es sich um afghanische oder pakistanische Islamisten handelt», sagt er. Ihre Machtbasis sind die halb autonomen Stammesgebiete in Pakistan – die Region, in der das Schweizer Paar nun offenbar festgehalten wird. Es ist ein Gebiet, wo Gewalt und Kriminalität zum Alltag gehören und Verbindungen zu lokalen Stammesführern entscheidend sein dürften, um ihre Freilassung zu erreichen.

Tages-Anzeiger

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