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«Die Wärter waren jeden Abend auf Crack und Marihuana»

Mit einer spektakulären Befreiungsaktion gelang gestern zahlreichen Taliban die Flucht aus einem afghanischen Gefängnis. Einer der entflohenen Häftlinge weiss Erstaunliches zu berichten.

320 Meter lang und so hoch, dass eine erwachsene Person darin stehen kann: Eingang des Stollens in einer Gefängniszelle.
320 Meter lang und so hoch, dass eine erwachsene Person darin stehen kann: Eingang des Stollens in einer Gefängniszelle.
Keystone
Der Stollen wurde mit Strom versorgt. Ventilatoren sorgten zudem für eine angemessene Luftzirkulation.
Der Stollen wurde mit Strom versorgt. Ventilatoren sorgten zudem für eine angemessene Luftzirkulation.
Keystone
Wärter sollen Crack und Marihuana geraucht haben: Innerhalb der Gefängnismauern sollen bedenkliche Zustände geherrscht haben.
Wärter sollen Crack und Marihuana geraucht haben: Innerhalb der Gefängnismauern sollen bedenkliche Zustände geherrscht haben.
Keystone
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Die Flucht erinnert an einen Lucky-Luke-Comic: Im südafghanischen Kandahar entkamen gestern rund 475 Häftlinge durch einen selbst gegrabenen, rund 320 Meter langen Tunnel. Bei den Entkommenen handelt es sich jedoch nicht um mehr oder weniger gefährliche Gelegenheitsganoven, wie die Daltons es waren, sondern um Taliban-Kämpfer.

Gemäss Sabjullah Mudschahid sollen sich unter den rund 475 Geflüchteten rund 100 Taliban-Kommandeure befinden, wie der Taliban-Sprecher öffentlich verlauten liess. Bei vier der Entkommenen soll es sich gar um Führer der Aufständischen auf Provinzebene handeln. Diese Angaben sind jedoch mit Vorsicht zu geniessen. Die Erfahrung zeigt, dass die Taliban ihre «Heldentaten» jeweils grossmäulig verlauten und gelegentlich zur Übertreibung neigen.

Stromversorgung und Belüftungssystem

Ohne Zweifel ist der Terrororganisation mit der Befreiungsaktion ein wahrer Coup gelungen. Die nachträgliche Besichtigung des Fluchttunnels bringt Erstaunliches zu Tage: Der Stollen war mit Strom ausgestattet. Zudem sorgte ein Belüftungssystem mit Ventilatoren während der 5-monatigen Bauzeit und der anschliessenden Flucht für eine Luftzirkulation.

Genau genommen war der Ausbruch eigentlich ein Einbruch: Wie inzwischen bekannt ist, führte der Stollen von einem rund 320 Meter entfernten Gebäude mitten in die Zellen hinein. Die Strecke führte unter dem Highway One durch, einer der wichtigsten Verbindungsachsen Afghanistans. Der Tunnel soll genug Durchmesser gehabt haben, damit eine ausgewachsene Person mühelos darin stehen kann. 18 Personen sollen an der Buddelaktion beteiligt gewesen sein. Dabei förderten sie tonnenweise Erde an die Oberfläche. Diese wurde nicht etwa gelagert oder unauffällig in der Natur entsorgt, sondern auf dem Bazar an die Bevölkerung verkauft, wie die Taliban nun stolz verkünden.

Ein geflohener Häftling schildert die Aktion gegenüber dem «Guardian»: «Es war alles sehr gut organisiert.» Die Flucht habe von 11 Uhr nachts bis morgens um halb vier gedauert. Die Wärter bemerkten den Ausbruch gemäss Angaben der Behörde erst am nächsten Morgen. Für den anonym bleibenden Häftling nicht weiter erstaunlich: «In diesem Gefängnis gab es in der Nacht keine Patrouillen.» Zudem berichtet er von einer Arbeitsmoral, die Grund zur Sorge gibt: «Die Wärter rauchten jeden Abend Crack und Marihuana.» Danach seien sie jeweils in einen Tiefschlaf gefallen. Gemäss der «Süddeutschen» seien während der Aktion zusätzlich noch Selbstmordattentäter und Kämpfer rund um das Gefängnis postiert gewesen. Deren Einsatz wurde jedoch hinfällig.

Ein Rückschlag im Kampf gegen die Taliban

Für die Nato und die afghanische Regierung ist dieser Ausbruch ein klarer Rückschlag im Kampf gegen die Taliban. «Wir setzen alles daran, die geflohenen Taliban wieder dingfest zu machen», sagt Isaf-General Josef Blotz gegenüber der «Süddeutschen». Die Nato soll dabei behilflich sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Nato-Truppen nach ihrem geplanten Abzug im Jahr 2013 ein funktionierendes Land hinterlassen, sei wieder ein gutes Stück kleiner geworden.

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