Die Islamisten brauchen die USA in Afghanistan

Das Kabuler Attentat hat Kalkül: Taliban und IS wollen nicht mitregieren. Sie wollen Krieg und Terror – dazu braucht es den Erzfeind.

Tomas Avenarius@tagesanzeiger

Ein Selbstmordattentat auf eine Hochzeitsfeier, das ist infam. Und doch fällt der Anschlag mit 63 Toten und fast 200 Verletzten im vom Terror gezeichneten Afghanistan kaum noch aus dem Rahmen. Ob es eine Hochzeit ist, das Freitagsgebet in einer Schiiten-Moschee, ein Hotel voller westlicher Experten oder das Büro einer Hilfsorganisation – die Taliban oder der Islamische Staat wählen mit Bedacht weiche Ziele. Das Risiko des Scheiterns ist gering, der Blutzoll meist hoch.

So auch beim jüngsten Kabuler Blutbad: Zu Hochzeiten der Angehörigen einflussreicher Familien kommen oft Hunderte Menschen zusammen, sie versammeln sich in grossen Festzelten oder eigens für solche Anlässe errichteten, mietbaren Gebäuden.

Krieg und Terror sind die Überlebensgarantie für den Islamischen Staat in Afghanistan.

Dieses Attentat ist glasklar kalkuliert. Denn in Afghanistan stehen baldig Präsidentschaftswahlen an. Und vor allem verhandeln die Vereinigten Staaten nach 18 Jahren Krieg mit den Taliban ernsthaft über den Abzug ihrer Truppen. Und da zeichnen sich handfeste Ergebnisse ab.

Amerikaner verlangen Terror-Stopp

Die Taliban können an dem Hochzeitsmassaker daher eigentlich kein Interesse gehabt haben. Im Gegenteil. So nahe dran am Mitregieren in Afghanistan waren sie seit ihrer Vertreibung durch die Armee der Vereinigten Staaten noch nie.

Aber die Amerikaner verlangen bei den Verhandlungen von den Islamisten – im Gegenzug für Mitsprache bei der zukünftigen Machtverteilung in Kabul – ausdrücklich Garantien, dass vom Hindukusch kein Terror mehr ausgeht, wie es zum Beispiel am 11. September 2001 mit Osama Bin Ladens Anschlag auf die ikonischen New Yorker World-Trade-Zwillingstürme der Fall war.

Der Islamische Staat hingegen, der in Afghanistan seit einigen Jahren immer stärker wird, hat genau ein gegenteiliges Interesse: Er will, dass Krieg und Terror in seinem neuen Rückzugsraum Afghanistan blühen. Das ist seine Überlebensgarantie. Und genau dafür braucht er die Anwesenheit und nicht den Abzug der verhassten amerikanischen Soldaten.

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