Der Aufrechte

Saif ul Malook, der muslimische Anwalt, setzt sich in Pakistan für verfolgte Christen ein – und wird selbst mit dem Tod bedroht.

Musste nach Europa flüchten, weil er eine Christin vor der Todeszelle bewahrte: Rechtsanwalt Saif ul Malook. Foto: Piroschka van de Wouw (ANP)

Musste nach Europa flüchten, weil er eine Christin vor der Todeszelle bewahrte: Rechtsanwalt Saif ul Malook. Foto: Piroschka van de Wouw (ANP)

Hans Brandt@tagesanzeiger

Die Ungerechtigkeit lässt ihm keine Ruhe. Seit Jahren befasst sich Rechtsanwalt Saif ul Malook mit den notorischen Blasphemie-Fällen in Pakistan: Wer dort schlecht über den Islam redet, kann zum Tode verurteilt werden. Weltweit bekannt wurde Malook als Anwalt von Asia Bibi, der 53-jährigen Christin, die seit 2010 wegen angeblicher Beleidigung des Propheten in der Todeszelle sass. Ende letzten Jahres wurde Bibi endgültig freigesprochen, letzte Woche konnte sie Pakistan Richtung Kanada verlassen.

Der Freispruch hatte in ganz Pakistan gewalttätige Demonstrationen radikaler Islamisten ausgelöst. Der 63-jährige Malook erhielt Todesdrohungen und flüchtete nach Europa. Nach einigen Monaten in den Niederlanden und Grossbritannien ist er nun zurück in Pakistan – um zwei weitere Christen, die zum Tode verurteilt wurden, zu verteidigen. «Kollegen werfen mir vor, ein schlechter Muslim zu sein», sagt Malook. «Aber ich werde es nicht zulassen, dass Christen, die unschuldig sind, im Gefängnis sterben.»

Seine neuen Mandanten sind Shafqat Emmanuel und Shagufta Kauser, ein Paar aus der Provinz Punjab, deren Alter auf Ende 30 geschätzt wird. Shafqat Emmanuel ist querschnittgelähmt, seine Frau arbeitete als Putzhilfe in einer christlichen Schule. Ihr wird vorgeworfen, einem muslimischen Nachbarn per SMS blasphemische Nachrichten in englischer Sprache geschickt zu haben. Tatsächlich sind sie und ihr Mann Analphabeten, Englisch sprechen sie gar nicht.

«Überall auf der Welt muss es Menschen geben, die aufstehen, wenn sie gebraucht werden»Saif ul Malook, Rechtsanwalt

Trotzdem wurden die beiden 2014 zum Tode verurteilt. Die Anschuldigungen stammen wohl von einem Nachbarn, mit dem sie sich gestritten hatten. Shagufta Kauser sitzt in derselben Todeszelle in Lahore, der Hauptstadt von Punjab, in der Asia Bibi Jahre verbrachte. Ihr Mann ist in einem anderen Gefängnis, 150 Kilometer entfernt. «Er liegt im Bett, kann sich nicht bewegen», sagt Malook. «Sein gesamter Rücken ist durchgelegen. Er könnte dort sterben.»

Malook wuchs in einem Dorf auf, in dem es auch eine Kirche gab. «Ich hatte Freunde, die Christen waren», sagt er. «Wir haben sie besucht, sie haben uns besucht, wir gingen zu den christlichen Festen, sie kamen zu den muslimischen.» Christen machen weniger als 2 Prozent der 200 Millionen Bewohner des Landes aus. Oft bilden sie die unterste soziale Schicht und leben in Slums. Malook war Vizepräsident des obersten Gerichtes von Lahore. Er hat drei Töchter, seine Frau ist Mathematiklehrerin. «Man wirft mir vor, meine eigenen Töchter in Gefahr zu bringen», sagt er.

Als der Gouverneur von Punjab 2010 Asia Bibi im Gefängnis besuchte und daraufhin von seinem Leibwächter ermordet wurde, fand sich niemand, der vor Gericht die Anklage vertreten wollte. Malook meldete sich freiwillig. Der Mörder wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Inzwischen wird er als Märtyrer verehrt von radikalen Islamisten, die zwar eine kleine Minderheit sind, aber so viel Einfluss haben, dass die Regierung ihrem Druck nachgibt. Sich für Christen einzusetzen, bleibt lebensgefährlich. «Überall auf der Welt muss es Menschen geben, die aufstehen, wenn sie gebraucht werden», sagt Malook. «Ich bin stolz darauf, Asia Bibi verteidigt zu haben. Ich bedaure nichts.»

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