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China erobert Lateinamerika

Was einst als «amerikanischer Hinterhof» galt, ist heute Eldorado asiatischer Investoren.

Mit aller Macht. Ein Frachtschiff der staatseigenen chinesischen Reederei Cosco im Panamakanal.
Mit aller Macht. Ein Frachtschiff der staatseigenen chinesischen Reederei Cosco im Panamakanal.
Keystone

Wenn es ums Geld geht, dann kennen Regierungen selten diplomatische Gepflogenheiten. Aber die Art und Weise, wie Panamas Präsident Juan Carlos Varela Mitte Juni den Taiwanesen nach Jahrzehnten enger Zusammenarbeit die Tür wies und China den roten Teppich ausrollte, war schon ungewöhnlich.

Der zentralamerikanische Staat am Kanal und das asiatische Riesenreich vereinbarten nach langen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Den Wechsel von Taipeh zu Peking begründete Staatschef Varela sehr nüchtern: «Das war eine Situation, die so nicht weiterbestehen konnte.» Schliesslich repräsentiere China 20 Prozent der Weltbevölkerung. Zudem sei das asiatische Land die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt und das Land mit dem meisten Verkehrsaufkommen durch den Kanal. Zudem versorge China die Freihandelszone Colón am Karibik-Tor der Wasserstrasse mit mehr Waren als jedes andere Land.

Nur noch Abschiebebahnhof

Panamas Wendung passt wunderbar in die aktuelle Konjunktur und die Pläne der kommunistischen Regierung in Peking. Die Führung um Staatschef Xi Jinping startet eine Lateinamerika-Charmeoffensive und hat sich vorgenommen, die Lücke zu schliessen, die der amerikanische Präsident Donald Trump und seine Administration in der Region hinterlassen. Früher waren die Länder südlich des Rio Grande für Washington der selbstverständliche «Hinterhof», in dem sie nach Gusto unliebsame Regierungen kippten und wohin sie ihre Waren lieferten.

Doch in der neuen «America First»-Doktrin unter Trump spielt Iberoamerika eigentlich nur noch eine Rolle als Abschiebebahnhof für illegale Migranten und Projektionsfläche für die Hasstiraden des Chefs im Weissen Haus. Der wirtschaftliche Einfluss der Vereinigten Staaten in Lateinamerika schwindet hingegen schon seit mehreren Jahren. Die Importe der Region aus den USA sind von mehr als 50 Prozent im Jahre 2000 auf gegenwärtig unter 35 Prozent gefallen.

All das haben die Chinesen schon früh erkannt und Ende 2016 ein neues Strategiepapier aufgelegt, welches die bis dahin gültigen Leitlinien von 2008 ersetzt. Die neue Richtlinie sieht nicht nur die wirtschaftliche und finanzielle Zusammenarbeit sowie die Ausbeutung der lateinamerikanischen Rohstoffe vor. «Die neue Beziehung zwischen Lateinamerika, der Karibik und China geht weit über die Suche nach Commodities hinaus», sagt Enrique Dussel Peters vom Zentrum für China-Mexiko-Studien an der Universität UNAM in Mexiko-Stadt. Die Regierung in Peking sei umfassend an der Region und an einer umfassenden Zusammenarbeit auf vielen Gebieten interessiert.

Kritiker aber fürchten, China habe eigentlich kein wirkliches Interesse an Lateinamerika, sondern schaue vor allem auf die Rohstoffe der Region. Pekings Handelsinteressen gälten als «Leitmotiv der diplomatischen Offensive der vergangenen Jahre», schrieb etwa Claudia Detsch von der Friedrich-Ebert-Stiftung Ende 2013. «Erkennbar richtet die chinesische Regierung ihre Aufmerksamkeit vor allem auf rohstoffreiche Länder. Die politische Orientierung der jeweiligen Regierung scheint unbedeutend.»

Tatsächlich ist die chinesische Wirtschaftspräsenz in Iberoamerika innerhalb eines Jahrzehnts förmlich explodiert. Inzwischen ist das asiatische Land nach den USA und noch vor den Staaten der Europäischen Union zum zweitwichtigsten Handelspartner Lateinamerikas avanciert. 2016 belief sich der Handelsaustausch zwischen der Region und dem Riesenreich auf 210 Milliarden Dollar. Dabei entfielen rund 70 Prozent der Ausfuhren nach China auf wenig oder überhaupt nicht verarbeitete Rohstoffe wie Fleisch, Soja und Kupfer.

Ein grosses Versprechen

Die jetzige Offensive ist zumindest auf dem Papier nachhaltiger angelegt. Das zwölf Seiten starke Dokument der Pekinger Führung ist nicht sehr detailliert ausgearbeitet, liest sich aber dafür wie ein grosses Versprechen: China konzentriert sich mit aller Macht auf Lateinamerika und hat dafür einen methodischen Plan. Dieser besteht aus 39 Kooperationsvorhaben in acht Sektoren. Politik, Wirtschaft, Handel, Gesellschaft, Kultur, internationale Zusammenarbeit, Frieden und Sicherheit. Angestrebt wird die Kooperation bei Raumfahrtprojekten, Umweltschutz, erneuerbaren Energien, der Erforschung der Meere und der Vorbeugung von Naturkatastrophen. Selbst der Austausch von Kultur- und Sportdelegationen ist geplant, ebenso wie der Aufbau von Kulturinstituten.

Angesichts der deutlich wachsenden chinesischen Präsenz in der Region würden aber auch kritische Stimmen in den Ländern zunehmen, schreibt Claudia Detsch von der Ebert-Stiftung. Die Gründe seien vielfältig. Zu billige chinesische Produkte auf den heimischen Märkten zerstörten lokale Industrien und Händler. «Bedenken vor Umweltschäden beim Rohstoffabbau und in der Sojaproduktion sowie einem Ausverkauf der Bodenschätze bis hin zur grundsätzlichen Ablehnung eines zu grossen Einflusses» eines autoritären Staates würden geäussert. Zudem würde das über Jahrhunderte tradierte Geschäftsmodell Lateinamerikas als Lieferant von Bodenschätzen und Agrarprodukten fortgeschrieben und der nötige Strukturwandel blockiert.

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