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Der Terror von Sri Lanka hat wohl nichts mit Christchurch zu tun

Die Anschläge auf Sri Lanka wurden durch die andauernde Regierungskrise des Landes begünstigt. Sie bringen den Staat ins Wanken.

Nonnen trauern in Colombo am Grab eines Opfers der Anschläge. Foto: Getty Images
Nonnen trauern in Colombo am Grab eines Opfers der Anschläge. Foto: Getty Images

Von den Bildern des Terrors auf Sri Lanka bleibt eine Filmsequenz besonders haften. Es sind die Aufnahmen der Sicherheitskamera in der Sankt-Sebastian-Kirche in Negombo, kurz vor dem Angriff. Über den Hof läuft ein junger bärtiger Mann, er trägt Baseballkappe und Rucksack. Auf dem Weg in die Kirche tätschelt er noch ein kleines Mädchen, dann tritt er durch den Seiteneingang ins Schiff des Gotteshauses. Sekunden später sprengt er sich in die Luft. Mit eiskalter Nonchalance hat der Täter sein Ziel angesteuert, kein Zögern, nicht die kleinste Unsicherheit ist zu entdecken. Es ist, als habe er den perfiden letzten Moment seines Lebens unzählige Male geprobt, um sich perfekt zu tarnen

Diese Szene ist nur eines von vielen Indizien, die zeigen, wie minutiös die Anschlagsserie von Sri Lanka geplant und ausgeführt worden ist. Und es ist die kalte Effizienz des Tötens, die es den Angehörigen der Opfer jetzt noch schwerer macht, mit dem Verlust fertigzuwerden. Sie verstehen die Tat nicht. Das bereitet ihnen zusätzliche Qualen.

Die acht Attentäter, die am Ostersonntag in dem südasiatischen Inselstaat Kirchen und Hotels zerbombten und über 200 Menschen in den Tod rissen, konnten nur so weit kommen, weil die Wächter des Staates auf ganzer Linie versagt hatten. Auch das erschwert die Trauer, weil in vielen der Zorn hochkommt auf diejenigen, die vielleicht noch hätten eingreifen und Menschen retten können – aber es nicht taten.

Bilder: Anschläge in Sri Lanka

Über 300 Tote: Die Menschen in Sri Lanka gedenken der Anschlagsopfer.
Über 300 Tote: Die Menschen in Sri Lanka gedenken der Anschlagsopfer.
Shahzaib Akberg, Keystone
Vor der ältesten Kirche in Colombo reihen Helfer die Leichname der Getöteten auf – zwecks Identifikation durch Angehörige.
Vor der ältesten Kirche in Colombo reihen Helfer die Leichname der Getöteten auf – zwecks Identifikation durch Angehörige.
Nicky Woo (Picture Alliance, NurPhoto)
Zehn Tage zuvor hatte Sri Lankas Polizeichef Pujuth Jayasundara vor möglichen Selbstmordanschlägen auf Kirchen  durch die radikalislamische Gruppe NTJ gewarnt. Er berief sich dabei auf Informationen eines «ausländischen Geheimdiensts».
Zehn Tage zuvor hatte Sri Lankas Polizeichef Pujuth Jayasundara vor möglichen Selbstmordanschlägen auf Kirchen durch die radikalislamische Gruppe NTJ gewarnt. Er berief sich dabei auf Informationen eines «ausländischen Geheimdiensts».
AP
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Schon zehn Tage vor den Angriffen hatte Indien die Sicherheitsbehörden Sri Lankas gewarnt; die Gefahr war im Staatsapparat bekannt, nur dass davon offenbar weder Präsident noch Premier etwas erfuhren. Zwei Tage nach dem Blutbad hatte der Verteidigungsminister keine Scheu, zu sagen, dass man es ohnehin nicht hätte schaffen können, alle Kirchen zu beschützen. Und was die Hotels angehe, so müssten die sich selbst um ihre Sicherheit kümmern.

Sicherlich, kein Staat der Welt ist fähig, seine Bürger immer und überall vollständig zu schützen. Doch der Fall Sri Lankas gibt Rätsel auf. Ein Staat, der 30 Jahre lang einen erbitterten Bürgerkrieg gegen eine der brutalsten Rebellenarmeen der Welt, die Tamil Tigers, führte und diesen schliesslich gewann – ausgerechnet dieser Staat soll innerhalb von nur zehn Jahren jede Wehrhaftigkeit verlernt haben? Zweifel drängen sich auf, und der Verdacht, dass irgendwo in der Kette des Sicherheitsapparats Informationen bewusst zurückgehalten wurden.

Warum dies geschehen ist, ob Korruption oder politische Intrigen im Spiel waren, diese Fragen bleiben bislang unbeantwortet. Sie zeichnen das düstere Bild eines Staates, dessen führende Politiker sich in ständige Machtkämpfe verkeilen und kaum noch die Kraft oder den Willen haben, ihre Pflichten als Regierende zu erfüllen. Die Dauerkrise in Colombo hat offenbar günstige Bedingungen für den Terror-Plot geschaffen.

Acht Angreifer reichten aus, um einen Vielvölkerstaat mit 20 Millionen Bewohnern ins Wanken zu bringen.

Die Jihadisten auf Sri Lanka wurden sehr wahrscheinlich von aussen unterstützt, wenn nicht sogar gelenkt. Die Terrorgruppe Islamischer Staat hat zwar ihr Territorium im Irak und in Syrien verloren, doch die zersetzende Kraft ihrer Ideologie entfaltet weiter Wirkung. Der IS und seine regionalen Trabanten haben ein verzweigtes Cyberimperium geschaffen, das Hassbotschaften und Gewaltaufrufe über das Internet verbreitet. Auch haben die Netzwerke noch genug Geld, um eine so breite Attacke wie die in Südasien durchzuziehen.

Acht Angreifer reichten aus, um einen Vielvölkerstaat mit 20 Millionen Bewohnern ins Wanken zu bringen. Sie haben nicht nur getötet, sondern mit der Tat auch Gift in die Gesellschaft getragen. Das gegenseitige Misstrauen zwischen den Religionen nimmt zu. Plötzlich hat jeder Angst vor den anderen, die Gefahr von Vergeltungsakten wächst.

Manche glauben, dass der islamistische Terror von Colombo ohnehin ein unmittelbarer Vergeltungsschlag war für die Attacke auf die Moscheen im neuseeländischen Christchurch. Das klingt naheliegend, ist aber zu bezweifeln. Zwischen den Taten liegen nur fünf Wochen, viel zu kurz, um so viele Selbstmordattentäter zu trainieren, den Sprengstoff zu beschaffen und die Ziele auszuspähen. Dafür ist eine grosse Terrormaschinerie und Zeit nötig. Die Drahtzieher des Massenmordes auf Sri Lanka dürften schon vor vielen Monaten begonnen haben, ihre perverse Mission zu planen.

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