«Tokio wäre am Ende gewesen»

Die japanische Regierung hat die Atomkatastrophe von Fukushima bewusst verharmlost. Ein Untersuchungsbericht enthüllt, dass sie gar die Evakuierung der 13-Millionen-Metropole Tokio ins Auge gefasst hatte.

Eine Megacity war am Rande der Auslöschung: Menschen auf einem Aussichtsdeck betrachten den ersten Sonnenaufgang des Jahres. (1. Januar 2007)

Eine Megacity war am Rande der Auslöschung: Menschen auf einem Aussichtsdeck betrachten den ersten Sonnenaufgang des Jahres. (1. Januar 2007)

(Bild: Keystone)

Die japanische Regierung hat nach einem Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission zum Atomunfall von Fukushima zum Zeitpunkt des Unglücks auch Vorkehrungen zur Evakuierung Tokios getroffen. «Ich hatte dieses teuflische Szenario im Kopf», sagte der damalige Regierungssprecher Yukio Edano der Kommission laut dem heute veröffentlichten 400-seitigen Bericht. Wären alle Reaktoren in Fukushima und weitere Atomanlagen an Japans Ostküste explodiert, wäre «Tokio am Ende gewesen», sagte Edano demnach.

In dem Bericht hiess es weiter, unmittelbar nach dem Unglück habe das Fukushima-Betreiberunternehmen Tepco alle Mitarbeiter aus dem Kraftwerk abziehen wollen. Nur eine ausdrückliche Anweisung des damaligen Regierungschefs Naoto Kan habe dies verhindert. Den Experten zufolge wäre der Meiler ohne die verbliebenen Mitarbeiter in einem fortschreitenden Prozess weiter zerstört worden und hätte weitaus grössere Schäden angerichtet, als dies ohnehin der Fall war.

Gross angelegte Befragung

Durch ein schweres Erdbeben und einen anschliessenden Tsunami waren am 11. März 2011 ganze Landstriche im Nordosten Japans verwüstet worden. Im Atomkraftwerk Fukushima führte dies zum schwersten Atomunfall seit Tschernobyl. In einigen Reaktoren des Meilers fielen die Kühlsysteme aus, was Kernschmelzen und weiträumige Verstrahlungen nach sich zog. Dutzende Mitarbeiter blieben danach in dem Kraftwerk, um die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Für ihren nun vorgestellten Bericht befragte die Untersuchungskommission rund 300 Menschen, die mit dem Unfall und seinen Folgen zu tun hatten. Die Experten erhielten ausserdem Zugang zu Daten und Dokumenten im Zusammenhang mit dem Unglück. Laut dem Bericht sagte auch Kan, dass an Plänen zur Evakuierung grosser Teile Japans gearbeitet worden sei. Allein in der rund 220 Kilometer von Fukushima entfernten Hauptstadt Tokio leben etwa 13 Millionen Menschen.

rub/AFP

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