Südkoreas Traum von der Atombombe

In den 70er-Jahren verboten die USA den Südkoreanern die Atombombe. Nun wird in Seoul wieder offen über eine eigene nukleare Bewaffnung nachgedacht.

Südkorea will im Ernstfall nicht unterlegen sein: Südkoreanische Soldaten bei einer Militärübung nahe der Grenze zu Nordkorea. (Dezember 2010)

Südkorea will im Ernstfall nicht unterlegen sein: Südkoreanische Soldaten bei einer Militärübung nahe der Grenze zu Nordkorea. (Dezember 2010)

(Bild: Reuters)

Inmitten des neuesten Säbelrasselns im Korea-Konflikt werden nun auch in Südkorea die Töne harscher. Am Montag startete das Land zusammen mit den USA eine riesige Truppenübung unweit der Grenze zum Norden. Eine wachsende Zahl von Politikern überlegt sich aber offenbar auch weitergehende Abschreckungsmöglichkeiten.

Laut der «New York Times» wird in Südkorea derzeit darüber diskutiert, ob das Land sich ein eigenes Nukleararsenal zulegen soll. Allen voran der ehemalige Chef der Regierungspartei und Sohn des Hyundai-Gründers, Chung Mong-joon. «In einer Zeit der Krise ist der nukleare Schutzschirm durch die USA nicht zu hundert Prozent gewährleistet», sagte Chung. Die Ideen wurden von verschiedenen Kolumnisten südkoreanischer Medien aufgenommen.

USA beendeten Atomwaffenprogramm

Das Konzept einer eigenen atomaren Bewaffnung in Südkorea ist nicht neu, Pläne dazu gab es bereits in den 70er-Jahren. 1974 wurde unter dem damaligen diktatorisch regierenden Präsidenten Park Chung-hee ein Nuklearwaffenprogramm ins Leben gerufen. Laut CIA-Berichten war damals genug waffenfähiges Plutonium für mehrere Bomben vorhanden. Zwei Jahre später wurde das Programm unter dem Druck der mächtigen Schutzmacht USA für beendet erklärt.

Seitdem gab es immer wieder Gerüchte, das Atomwaffenprogramm im Land solle reaktiviert werden. Trotz Südkoreas Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags und gleichlautender Abkommen mit Nordkorea ordnete die Internationale Atomenergiebehörde IAEA 2004 eine Untersuchung an. Die südkoreanische Regierung hatte heimlich chemische Bestandteile von Atomwaffen herstellen lassen. Wegen der kleinen Mengen stellte die IAEA die Untersuchungen später jedoch ein.

«Südkorea hat faktisch eine nukleare Abwehr»

«Die aktuelle Debatte in Südkorea kommt nicht allzu überraschend», sagt Werner Pfennig, Experte für die Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas und die Nuklearproblematik von der Freien Universität Berlin. Es habe immer wieder Kreise gegeben, welche die Bombe gewollt hätten, so Pfennig gegenüber baz.ch/Newsnet. «Es gibt wohl auch aktuell südkoreanische Nuklearwissenschaftler, die mit gewissen dahingehenden Aufgaben betraut sind.»

In Südkorea überlege man natürlich auch, wie die Situation mit dem nördlichen Nachbarn nach einem allfälligen Abzug der USA aussehen würde, sagt Pfennig weiter. «Auch wenn dieser sehr unwahrscheinlich ist, fliesst er in strategische Überlegungen mit ein.» Faktisch habe Südkorea ja momentan eine nukleare Abwehr gegenüber Nordkorea: «In den Gewässern rund um das Land kurven mehrere atomar bestückte U-Boote der US-Armee», so Pfennig.

«Ambitionen von stockkonservativen Kreisen»

Die «New York Times» zitiert in ihrem Artikel auch zwei aktuelle Meinungsumfragen aus Seoul zu dem Thema. Demnach sprechen sich 64 bis 66,5 Prozent der Befragten dafür aus, dass Südkorea ein eigenes Atomwaffenprogramm in Angriff nehmen soll. Ähnlich hoch war die Zustimmung letztmals im Jahr 2010, als die nordkoreanische Armee die zu Südkorea gehörende Inselgruppe Yeonpyeong im Gelben Meer beschoss.

In der südkoreanischen Politik kann sich Werner Pfennig aber keine grosse Unterstützung für ein eigenes Atomwaffenprogramm vorstellen. «Diese Ambitionen gehen von stockkonservativen Kreisen aus, Unterstützung erhalten sie eventuell vom extremen militärischen Flügel.» Dass die neugewählte Präsidentin Park Geun-hye sich mit den Forderungen solidarisieren könnte, hält er für unwahrscheinlich. Park sei keine Hardlinerin und vor allem aus wirtschaftspolitischen Gründen gewählt worden. Pfennig hofft, dass Park ihre anfänglich definierte Annäherungspolitik an Nordkorea auch in der momentanen Lage weiterführen wird.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt